Ich habe einen Traum Y'akoto

"Es sollte viel öfter darüber gesprochen werden, wie sehr Fremdheit zu Deutschland gehört"
ZEITmagazin Nr. 18/2017

Während meiner Kindheit in Ghana habe ich häufig von Planeten geträumt. Ich bat meine Mutter, eine der Wände in meinem Zimmer mit Planeten bemalen zu dürfen. Das Weltall faszinierte mich, ich las Bücher darüber und unterhielt mich abends vor dem Schlafengehen mit meiner Mutter über das Universum. Mich hat schon immer das Unbekannte angezogen – das Universum, die Tiefsee, weit entfernte Inseln. Möglicherweise hatte das auch damit zu tun, dass wir damals in der Nähe der Küste lebten.

Als wir dann von Ghana zurück nach Hamburg gezogen sind, hat das für mich erst einmal alles verändert. Es war eine schwierige Zeit, in der ich meine Unbeschwertheit verloren habe. Es fing schon bei der Architektur an: In Deutschland ist es ja üblich, dass Häuser einen Keller haben. Aus den Küstenstädten in Ghana kannte ich das nicht. Keller waren deswegen für mich immer beängstigende, albtraumhafte, düstere Orte. Lange habe ich mich geweigert, den Keller unseres Hauses in Hamburg zu betreten.

Für Menschen wie mich gehört die Erfahrung der Fremdheit zu ihrem Leben in diesem Land. Häufig werde ich auf die wachsende Fremdenfeindlichkeit in Deutschland angesprochen. Ich träume davon, dass sich diese Diskussion umkehrt: Ich wünsche mir, dass dieses Thema viel stärker unter weißen Deutschen diskutiert wird. Wir, die wir anders aussehen, können diesen Konflikt nicht für sie lösen. Es geht ja nicht um unsere Angst. Wir leben schon lange mit dem Gefühl, hier nicht wirklich gewollt zu sein. Es sollte viel öfter darüber gesprochen werden, wie sehr Fremdheit zu Deutschland gehört, angefangen bei banalen Dingen wie Kaffee, Schokolade, Baumwolle. All diese Länder und Kulturen, von denen sich viele abgrenzen wollen, gehören hier doch schon längst zum Alltag.

Die Annahme, dass nur man selbst ein Recht auf Wohlstand und Frieden hat und dass nur die eigenen Bedürfnisse zählen, ist eine Wahrnehmungsstörung. Ich träume davon, dass wir alle begreifen, wie sehr unser Alltag aus Fremdheit besteht.

Träume und überhaupt alles, was sich im Unbewussten abspielt, sind für meine Arbeit als Künstlerin essenziell. Ich ernähre ich mich geradezu vom Unvorhergesehenen, Ungeplanten. In meinen nächtlichen Träumen wird all das, was ich tagsüber erlebe, noch einmal von rechts auf links gedreht. Und ich mag es, dass ich meine Träume nicht kontrollieren kann. Sie sind ungefiltertes Fühlen.

In den vergangenen Jahren habe ich an drei Alben gearbeitet, und ich war ständig unterwegs. Jetzt träume ich von einem Ort, an dem ich zu Hause bin und an dem ich gleichzeitig den nötigen Raum habe, um frei arbeiten zu können. In den nächsten fünf Jahren möchte ich Arbeit und Wohnen verbinden: Ein Haus mit großen, hellen Räumen, ohne Keller, mit anderen Künstlern um mich herum – das wäre traumhaft!

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