Die großen Fragen der Liebe Soll sie sich die Liebe in Gedanken verbieten?

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ZEITmagazin Nr. 19/2017

Die Frage: Maria freut sich jeden Morgen auf den Weg in die Arbeit – und ist sich jedes Mal unsicher, ob sie nicht lieber in einen anderen Bus steigen soll. Sie weiß, dass sie dann den Mann sieht, in den sie sich verliebt hat. Sie weiß auch, dass es eine aussichtslose Liebe ist, denn dieser Mann ist verheiratet, und sie würde sich niemals in eine Ehe einmischen. Aber immer wieder tauscht sie Blicke und hat auch den Eindruck, dass er sie auf ganz besondere Weise anschaut. Darf er das überhaupt? Macht sie einen großen Fehler, wenn sie ihre verliebten Gefühle zulässt und sie weiterspinnt, als sei sie mit ihm zusammen? Eigentlich will sie ihn ja gar nicht sehen, weil sie ihn nicht sehen darf – aber warum kann sie sich nicht entscheiden und endlich klare Verhältnisse herstellen?

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Gedankenfreiheit ist ein großer kultureller Fortschritt gegenüber Zeiten totaler Moral, in denen man für den "falschen" Glauben auf den Scheiterhaufen kam. Ist es daher ein ganz unschuldiges Vergnügen, von Partnern zu träumen, die man nie haben wird? Maria beschreibt ihre Liebesträume wie eine verbotene Droge. Sie kommt nicht los und tadelt sich gleichzeitig für ihre Abhängigkeit. Es tut ihrem Selbstgefühl nicht gut, sich in einen gebundenen Mann zu verlieben und aus der Ferne für ihn zu schwärmen. Sie ahnt, dass sie sich auf diesem Weg vor einer realen Beziehung drückt. Gleichzeitig findet sie keine Liebe, die sie da herausholt, weil sie die real möglichen Männer an ihrem Traumbild misst. Fazit: Die Liebe in Gedanken ist weder schlecht noch falsch, nur auf Dauer ungesund, wenn sie dazu führt, dass körperliche Nähe in die Ferne rückt.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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