Blankenese Zurück auf Los

Blankenese gilt als Nobelviertel. Seit einiger Zeit kehren junge Leute, die einst bewusst weggegangen sind, mit ihren eigenen Familien zurück. Was lockt sie an? Von

Bettina Hansen ist zurück in Blankenese, nach Stationen in London, Berlin und Frankfurt. Zurück im Haus ihrer Eltern – als erwachsene Frau und Mutter. Der Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt, bei dem sie schon als Mädchen mit ihrer Mutter einkaufte, hat nach ihrer Rückkehr nur kurz aufgeschaut und gesagt: "Ach, da bist du ja wieder." Über die Anfangseuphorie der Rückkehr legte sich da plötzlich ein anderes Gefühl: dass die Zeit stehen geblieben ist.

Sie lebt jetzt seit ein paar Jahren wieder in dem großen braunen Backsteinhaus ihrer Kindheit, in einer Straße voller Bäume und Sträucher, die scheinbar immer grün und nie braun sind. Eine Straße wie im Film. Einem von der idyllisch-kuscheligen Sorte, in dem Kinder unbeschwert über die Bürgersteige hüpfen und bunte Roller fahren, bevor sie zum Mittagessen nach Hause rennen, wo ein fürsorglicher Elternteil schon liebevoll lächelnd wartet. Bettina Hansen und ihr Mann haben drei Kinder, sie brauchten mehr Platz, sehnten sich nach einem Garten und mehr Freiraum für die Kinder. Es traf sich gut, dass ihre Eltern nicht mehr in dem großen Haus wohnen wollten, sondern in einer altersgerechten Wohnung in der Nähe der Stadt.

Seit einer Weile kann man in Blankenese einen Generationenwechsel beobachten. Die alten Bewohner ziehen aus, und junge Familien ein. Oft kehren diese jungen Eltern zurück in die Häuser, in denen sie aufgewachsen sind, in die Häuser ihrer Eltern und Großeltern.

Früher war Blankenese mal ein Fischerdorf, in dem Kapitäne, Seefahrer und Lotsen in kleinen Fischerhäusern am Hang lebten. Dann entdeckte das Bürgertum die Idylle und baute Villen ins Grün. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Seitdem ist Blankenese für sein Treppenviertel bekannt, wo die niedlichen Häuser stehen und auf die Elbe blicken, und für seine sehr wohlhabenden Bewohner. Das durchschnittliche Bruttoeinkommen je Steuerpflichtigen liegt bei etwa 100.000 Euro im Jahr, das heißt, eine Menge Leute in Blankenese verdienen deutlich mehr.

Der Ruf als Nobelviertel stört viele Blankeneser. Vor allem stört er die jungen Rückkehrer, die Erbengeneration. Viele von ihnen sind nicht so vermögend wie ihre Eltern, die Häuser, in denen die Rückkehrer jetzt wieder wohnen, sind nur selten repräsentativ für das eigene Leben. Die meisten könnten sie sich selbst nie leisten. Was macht der Zuzug der Jungen mit Blankenese? Wird aus dem Treppenviertel in ein paar Jahrzehnten ein zweites Schanzenviertel mit alternativen Einrichtungen im Geist der siebziger Jahre? Oder bleibt alles beim Alten – weil es genau das ist, wonach sich die jungen Rückkehrer sehnen?

Auf den ersten Blick scheint sich kaum etwas verändert zu haben. Das Bahnhofsgebäude ist modernisiert worden, und gegenüber steht statt eines Burger Kings jetzt ein Starbucks. Die kopfsteingepflasterten Straßen ins Dorf sind immer noch schmal. Kein Müll, keine Obdachlosen, kein Lärm. Die Häuser sehen aus wie aus einem Thomas-Mann-Roman oder, je mehr man sich der Elbe nähert, wie aus einem Buch von Astrid Lindgren. Fast zu schön, um echt zu sein. Es gibt an jeder Ecke einen Bäcker oder ein Immobilienbüro und mindestens eine Apotheke, weil die Menschen in Blankenese trotz Zuzugs älter geworden sind. In Blankenese gibt es mehr Alte als im Rest der Stadt, dafür aber auch deutlich mehr Kinder. An den Bürgersteigen stehen, wie seit Jahrzehnten, Porsche und Mercedes. Die Frauen und Männer, die über den Marktplatz laufen, tragen Jacken von Woolrich oder Barbour, die so viel kosten wie die Monatsmiete einer Wohnung in Berlin. Sie schieben Kinderwagen von Bugaboo vor sich her, die noch teurer sind. So weit erfüllen sich also die Klischees.

"Der Wohlstand", sagt Bettina Hansen bei einem Treffen zu Hause in ihrem hellen, klassisch eingerichteten Wohnzimmer, "prägt den Stadtteil schon. Man merkt das vor allem daran, dass in allen Ferien verreist wird. Ein nicht unerheblicher Teil ist Personal gewohnt." Bettina Hansen ist Mitte 40, sie trägt graue Röhrenjeans und eine weiße, weite Bluse, die halblangen braunen Haare hat sie auf der einen Seite hinter das Ohr gelegt.

Sie und ihr Mann versuchen ihren Kindern immer wieder zu vermitteln, dass der in Blankenese vorherrschende Lebensstandard nicht selbstverständlich ist. So wurde sie auch von ihren Eltern erzogen. Hansen hat Jura studiert und war jahrelang als Anwältin tätig. Zuletzt hat sie für Karin Prien, die stellvertretende CDU-Fraktionschefin in der Hamburgischen Bürgerschaft, gearbeitet.

Wie man als Jugendlicher hier aufwachsen kann, zeigt ein Besuch in der Linde, einem Restaurant in der Nähe des Bahnhofs. Dort sitzen Teenager und trinken an diesem Mittwochabend Cocktails. Die Jungs tragen Hemden, die Mädchen Lederhandtaschen italienischer Luxusmarken. Jeder hat ein iPhone und sehr glänzende Haare. Kurz vor Mitternacht steigt der ältere Teil der Gruppe in die kleinen schwarzen Sportwagen vor der Tür.

Mütter wie Bettina Hansen betonen, dass sie ohne die Kinder nicht nach Blankenese zurückgekehrt wären. Dass sie ja bewusst aus diesem Umfeld ausgebrochen seien, um die Welt zu sehen. Aber mit Kindern ändern sich die Perspektiven und die Wünsche. Weshalb junge Familien wie die Hansens ihrem Nachwuchs statt großer Welt lieber eine behütete Kindheit im Grünen bieten wollen.

Nach fast zwei Jahrzehnten zurückzukehren und im Haus der Kindheit die Kisten wieder auszupacken muss eigenartig sein. In Bettina Hansens altem Zimmer im ersten Stock des Hauses schläft nun ihre Tochter. Bettinas alter Schreibtisch und Stuhl standen noch da. Die Küche ist die, die ihre Eltern eingebaut haben, die schweren gelben Seidenvorhänge im Wohnzimmer und den beigen Teppichboden haben Bettina Hansen und ihr Mann ebenfalls von ihnen übernommen. Auch weil die beiden aufs Geld achten wollen. Ihre Möbel im Wohnzimmer stehen genauso im Raum wie damals die Möbel ihrer Eltern. Bettina Hansen überlegt einen Moment, dann sagt sie: "Es ist schon sonderbar. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich von dem Gedanken befreien konnte, das Haus meiner Eltern zu bewohnen, und angefangen habe, das Haus als mein Haus anzuerkennen."

Sebastian Wellershoff (der Name wurde auf seinen Wunsch geändert) ist auch einer der Zurückgekehrten. 39 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Seine Frau ist Ärztin, er freiberuflicher Cutter für Werbefilme. Vor knapp zwei Jahren ist er mit seiner Familie aus Berlin-Kreuzberg nach Blankenese in eine Wohnung in einem alten Herrenhaus im Ortskern gezogen. Sie ist kleiner als die alte in Berlin-Kreuzberg. Einfach eingerichtet, mit alten und selbst gebauten Möbeln. Dafür gibt es einen Garten für die Kinder hinter dem Haus. Sebastians Eltern leben auch noch in Blankenese. In einem Reihenhaus am Waldrand. Das Haus würden sie in den nächsten Jahren an den Sohn und seine Familie übergeben und dafür in eine Wohnung ziehen. So das Angebot der Eltern, das auch ein Grund für den Umzug war. "Viele können nur zurückkommen, wenn sie ein Haus erben", sagt Sebastian Wellershoff bei einem Spaziergang durch Blankenese. Er trägt Khakihose, Kapuzenpullover und eine Jacke von Fjällräven und sieht auf den ersten Blick aus wie diese Berliner Väter, die nie zu alt dafür sind, Skateboard zu fahren. Weil die Mietpreise nicht viel höher als im Rest Hamburgs sind und seine Frau gut verdient, können Sebastian Wellershoff und seine Familie schon jetzt in Blankenese wohnen.

Aber der eigentliche Grund für den Umzug, der schwerer wog als das Angebot der Eltern, war die bevorstehende Einschulung seines Sohnes. In Kreuzberg leben viele Menschen mit Migrationshintergrund, viele Kinder kommen aus sozial schwachen Familien. Diese Kinder wären die Mitschüler von Sebastians Sohn geworden. Das wollte der Vater nicht. Die Grundschule in Blankenese, die sein Sohn jetzt besucht, "ist viel besser", sagt er.

Sebastian Wellershoff mag Sicherheit und Überschaubarkeit. Die aggressive Hektik Berlins hat ihn genervt. "Teile von Berlin haben sich in den 14 Jahren, in denen ich da war, immer mehr in belanglose Touristenorte verwandelt, in denen man kaum noch echte Berliner trifft."

In Blankenese habe das Miteinander noch einen Wert, sagt er. In Blankenese kenne man sich. Mal stehen bleiben und schnacken. Es gibt wenig gesellschaftliche Vielfalt, dafür viel Tradition und Bräuche, die seit Jahrhunderten gepflegt werden. Im Treppenviertel haben manche Häuser immer noch die alten zweigeteilten Klönschnack-Türen, die sich so öffnen lassen, dass man sich über den unteren Teil lehnen und mit den vorbeikommenden Nachbarn plaudern kann. Jedes Jahr werden am Karsamstag die Osterfeuer am Elbstrand entzündet. Im Winter findet das Kreekfahren auf Schinkels Wiese statt. Das gibt es tatsächlich nur in Blankenese und ist wie Bobfahren, nur mit sehr alten Kastenschlitten aus Holz. Darauf sind die Blankeneser sehr stolz. Wie auf ihre eigene Flagge.

Die Bräuche helfen dabei, Anschluss zu finden. Sebastian Wellershoff ist aktives Mitglied der Osterfeuer-Gruppe, die das ganze Jahr über Holz für das große Feuer sammelt. Dort hat er auch neue Freundschaften geschlossen. Die Zurückgekehrten richten sich schnell ein. Engagieren sich in der Schule, in Sportvereinen, im Segelclub.

Der Schritt in dieses überschaubare Stück Welt ist nicht für jeden so leicht wie für Sebastian. Friederike Berg zum Beispiel (der Name wurde auf ihren Wunsch geändert) hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Blankenese. Sie gehört zu den jungen, liberalen Eltern, die wieder hierhergezogen sind und dafür sorgen könnten, dass der Stadtteil sich öffnet.

Sie ist im Sommer 2013 mit ihrem Mann aus Eimsbüttel nach Blankenese zurückgezogen. Mittlerweile haben sie drei kleine Kinder. Sie ist so alt wie Sebastian und gerade in Elternzeit. Sie hat Pädagogik studiert, ihr Mann ist freischaffender Grafiker und arbeitet zu Hause. Ihre Familie ist sehr wohlhabend. Sie wohnen in einem Haus mit Elbblick, das ihrer Mutter gehört. Es ist das schönste Haus auf der kleinen Straße. Weiß und groß, mit einem kleinen Eisentor, das quietscht, wenn man es öffnet.

Friederike Berg schämt sich dafür, dass sie in Blankenese lebt. "Das war schon mit 15 so, als wir aus Harburg hierhergezogen sind", sagt sie, in ihrem modernen Wohnzimmer sitzend, das kleinste Kind auf dem Arm. Als Teenager hat sie Fremden erzählt, sie wohne in Altona. Und jetzt lebt sie wieder hier. "Es war ein Abwägen", sagt sie, "zwischen dem schönen Haus und dem Garten und den Parks und der Elbe und meinen eigenen Gefühlen." Sie fragt sich auch: "Was tue ich eigentlich meinen Kindern an, wenn ich sie in so einem künstlichen, megareichen Paralleluniversum groß werden lasse? Will ich, dass meine Kinder nur von Kindern umgeben sind, deren Leben um die Anzahl der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum und die nächsten Ferien kreist?" Diese Fragen nerven Friederike Berg.

Aber noch mehr nerven sie "die Leute, die nicht so viel Geld haben und trotzdem unbedingt hier leben wollen und so tun, als wären sie vermögend". Also die, die unbedingt mithalten wollen und "den Wohlstand gar nicht reflektieren". Es zeigt aber auch ihren inneren Konflikt, einen, den andere Zurückgekehrte mit ihr teilen und der die eigene Abhängigkeit bewusst macht.

Aus dem unkomplizierten Vorort, in den die Generation der Eltern noch zog, weil sie das Geld besaß und die Kinder mehr Platz brauchten, ist einer geworden, in dem viele junge Familien leben, die mit der Welt da draußen hadern und ihren Platz suchen. Ein Stadtteil mit jungen Eltern, die die Unbestimmtheit und die Herausforderungen des Lebens zwar kennen, aber ihre Kinder davor schützen wollen. So wie sie selbst als Kinder in diesem Idyll beschützt worden sind – nach dem sie sich vielleicht all die Jahre auf eigenen Wegen heimlich gesehnt haben.

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