© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Vielleicht haben wir einfach wahnsinnig guten Sex"

Die Schauspielerin Brigitte Hobmeier verrät, welchen Einfluss Niederbayern noch heute auf ihren Charakter hat. Von
ZEITmagazin Nr. 19/2017

ZEITmagazin: Frau Hobmeier, bei Tschechow steht der treffende Satz "Wer bin ich und wozu". Wer sind Sie? Und wozu?

Brigitte Hobmeier: Ich will unbedingt für andere da sein. Wenn mich niemand mehr braucht, dann habe ich meine Existenzgrundlage verloren. Sollte ich für meinen Mann oder meinen Sohn jemals ein Niemand sein, das wäre furchtbar. Einerseits suche ich die Klarheit bei Entscheidungen in mir selber, da will ich das Außen nicht. Anderseits brauche ich die Interaktion.

ZEITmagazin: Sie waren früher Leistungsschwimmerin, da muss man streng mit sich sein. Ist das noch Teil von Ihnen?

Hobmeier: Ich werde mit dem Älterwerden eher großzügiger, weniger streng. Aber wenn jemand sagt: "So, wie ich es mache, ist es richtig", da sträuben sich mir die Haare. Diese Starrheit zu überwinden, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen und zu springen, braucht viel Mut. Manchmal bin ich sehr mutig und werde dadurch freier im Kopf. Unmutig zu sein tut mir nicht gut, dann werde ich klein, kriege Angst, und von der Angst regiert zu werden, das geht einfach nicht. Für Rocco und seine Brüder durfte ich boxen lernen, das war ein absolutes Schlüsselerlebnis, als meine Aggression ungebremst sein durfte. Mein Mann hat mir zu Weihnachten einen Box-Sack geschenkt. Beim Trainieren teste ich aus: Wie komme ich an meine Energien, wo falle ich fast in Ohnmacht vor Verausgabung?

ZEITmagazin: Sie haben viel Zeit bei Ihren Großeltern in Niederbayern verbracht, und Sie meinten, dass Ihnen der Widerstand gegen die Enge dort Leidenschaft und Wut gab. Ist das wie ein Reservoir?

Hobmeier: Ja. Mein Urmotor ist mein Aufbegehren. Den einfachen Weg, den habe ich bisher nicht kapiert. Wo ist denn der Mittelweg zwischen Hingabe und Eigenständigkeit? Und von Eigenständigkeit ist der Weg zur Starrheit nicht weit. Innerlich bin ich immer noch das niederbayerische Mädchen, und das lasse ich mir auch nicht nehmen. Mein Sohn ist ebenfalls eigensinnig, aber ein bisschen sozialer als ich. Er kommt eher nach meinem Mann. Aber der ist ja genauso eigensinnig. Wenn die beiden so nebeneinander gehen, denke ich mir: Ihr habt ja sogar denselben Gang.

ZEITmagazin: Wie klappt das mit zwei Eigensinnigen? Sie sind ja seit 16 Jahren zusammen?

Hobmeier: Mich macht das richtig wütend, wenn Leute sagen: Du mit deiner Kraft, wie hält es denn dein Mann bei dir aus? Was soll denn das? Ihr wollt die wilden Weiber auf der Bühne und zu Hause die braven Dummerchen. Natürlich kracht es bei uns. Aber wir gehen uns eben auch unter die Haut. Wir sagen: Berühre mich, so, dass es unglaublich guttut, und so, dass es auch wehtut. Vielleicht haben wir einfach wahnsinnig guten Sex, vielleicht liegt es daran.

ZEITmagazin: Sie helfen Ihrem Mann auch manchmal in seiner Eisdiele aus.

Hobmeier: Ich bin in einem Familienbetrieb aufgewachsen, und da hilft man sich, und natürlich helfe ich auch ihm. Wenn Not am Mann war, bin ich eingesprungen. Ich habe damit kein Problem, aber es gab mal eine Dame, die raunte ihrem Mann dann zu: Die war doch mal so eine gute Schauspielerin, und jetzt muss sie Eis verkaufen. Das ist dann schon lustig.

ZEITmagazin: Auf der Bühne leben Sie Ihr zweites Ich. Wie ist der Unterschied zum privaten Ich?

Hobmeier: Eine Freundin von mir meinte: Brigitte, wenn du im normalen Leben so ordinär wärst wie auf der Bühne, wäre ich nicht mit dir befreundet. Ich war ganz überrascht, stimmt, das ist ordinär, aber das gehört so. Auf der Bühne bin ich die knallharte Analytikerin: Wer bist du, Figur? Privat bin ich sicher um einiges unreflektierter, unperfekter als auf der Bühne, ich bin gerne frech, mache gerne Spaß, aber ich glaube, wir haben schon alle auch das Recht, maskenlos zu sein. Doch ich bin nicht nur der Clown im Privaten, ich fühle mich auch verantwortlich, dass es für die anderen leicht ist. Das Schwere ist mein Grundprinzip, und das Leichte kommt obendrauf, nie andersrum.

ZEITmagazin: Und was rettet Sie aus dem Schweren?

Hobmeier: Mit Sicherheit rettet mich immer ein inspirierender neuer Gedanke, auf den ich noch nicht kam. Egal ob der jetzt von einem Kind kommt, das mich mit seiner Absurdität irgendwie erstaunt, oder von dem Erwachsenen, der mir etwas schenkt, wo ich noch nicht hingedacht habe. Dieses Neue, diese Neugierde rettet mich, ich will wissen, was noch kommt, was noch sein kann. Ich brauche die Rettung vor der Einförmigkeit des Lebens, dem Sisyphosdasein. Wenn sich nichts mehr verändert, ist das ein Warten auf den Tod. Ich muss immer wieder springen. Manchmal habe ich Angst. Ist das, was ich mache, Chuzpe oder einfach nur Blödheit?

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Die Fotografin lebt seit 50 Jahren in München und sagt: "Es ist eine gute Stadt zum Zurückkommen, wenn man viel auf Reisen war." Das Interview fand im Literaturhaus statt

Kommentare

Noch keine Kommentare. Diskutieren Sie mit.