Harald Martenstein Über die Elbphilharmonie

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Es gibt Leute, die über die neue Elbphilharmonie richtig wütend sind. Hätte man mit dem Geld nicht besser günstige Mietwohnungen bauen sollen? Nein, das wäre ebenfalls irgendwie ungerecht gewesen. Menschen, die sich überhaupt Mietwohnungen leisten können, sind privilegiert, ein gewisses finanzielles Polster ist auch für eine günstige Mietwohnung erforderlich. Und wenn man das Geld für Obdachlose ausgegeben hätte? Man hätte für die 800 Millionen natürlich auch Fahrradwege bauen können.

Ich frage mich, ob diese Kritiker ihr eigenes Geld immer bis zum letzten Euro sozial verantwortungsvoll ausgeben. Ist es nicht verantwortungslos, 20 Euro für ein Fußballticket oder 40 Euro für ein Konzert oder sogar 3 Euro für das dritte Bier in der Stammkneipe zu zahlen, solange es andere gibt, die sich das nicht leisten können? Folgt aus der Tatsache, dass es Unglück gibt auf der Welt, die Verpflichtung, sich selbst jedes Wohlgefühl zu verbieten? Macht der eigene Verzicht auf Glücksgefühle nicht im Gegenteil die Summe des irdischen Unglücks noch ein bisschen größer?

Und es gibt überall Verschwendung, überall versickern Millionen, selbst bei den edelsten Projekten. Beim Bau von Mietwohnungen wird schon die eine oder andere Baufirma etwas abgreifen, leider liest man das immer wieder. Und das Geld, welches man nach Mali schickt, könnte durchaus in der Tasche eines korrupten Politikers landen. Die Elbphilharmonie ist verdammt schön, sie macht Leute stolz auf ihre Stadt, im Lauf der Jahre werden Millionen Konzertbesucher beschwingt nach Hause gehen. Das ist ein guter Grund dafür, Geld auszugeben. Ich könnte das nur dann kritisch sehen, wenn Hamburg jetzt für nichts anderes mehr Geld hätte und total ruiniert wäre. Das ist nicht der Fall.

Der Intendant der Elbphilharmonie, Christoph Lieben-Seutter, hat sich vor einigen Wochen einer frauenfeindlichen Bemerkung schuldig gemacht. Er sagte: "Wir würden den Großen Saal auch mit dem Kammblasen unserer Putzfrauen füllen." Der Große Saal hat 2.100 Plätze. Und wenn man sich den Andrang auf dieses Konzerthaus anschaut, muss man zugeben: Der Intendant hat nicht nur etwas zutiefst Putzfrauenverachtendes gesagt, sondern auch etwas zutiefst Wahres. Ich möchte ergänzen: Der Große Saal der Elbphilharmonie wäre auch dann bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn die Intendanz in den Flossen von Thor liegen würde, dem beliebten Walross aus dem Tierpark Hagenbeck. 100 Prozent Zustimmung gibt es halt nur für Martin Schulz in der SPD. Martin Schulz bläst im Großen Saal der Elbphilharmonie auf dem Kamm Arbeiterlieder, dirigiert von Thor, so stelle ich mir die Mutter aller Konzerte vor. Das wäre schon morgen für 20 Jahre ausverkauft, falls Thor so lange durchhält.

Ohne die größenwahnsinnigen Bauwerke von König Ludwig II. würde Bayern heute etwas fehlen, auch finanziell, aber das dumme bayerische Establishment hat einen Shitstorm angezettelt und Ludwig für verrückt erklären lassen. Dabei war er aus heutiger Sicht ein genialer König, unser deutscher Michael Jackson. Ich spüre diesen Effekt auch in den kleinen, privaten Dingen. Hin und wieder gehe ich teuer essen, das fällt mir schwer, weil ich sparsam bin. Ich lese die Preise, erschrecke und denke über dieses Restaurant etwa das Gleiche, was das Establishment über König Ludwig gedacht hat oder was heute die Kritiker der Elbphilharmonie über Olaf Scholz und Ole von Beust sagen. Wenn es dann richtig gut war, tut es mir um keinen Euro leid.

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Noch ein paar Zahlen zum Vergleich: Die Freie und Hansestadt Hamburg hat einen Haushalt in Höhe von rund 10 Milliarden Euro im Jahr.

https://www.haufe.de/oeff...

In den 10 Jahren Bauzeit der Elbphilharmonie hat Hamburg also 800 Millionen von über 100 Milliarden für den Neubau ausgegeben. Das sind 0,8%.

Ohne Planungsfehler und andere Pannen schön zu reden, aber Hamburg wird bestimmt nicht am Bau der Elbphilharmonie pleite gehen.