Stilkolumne Hehre Motive

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 19/2017

Traditionell stehen Emanzipation und Mode in einem Konflikt. Die französische Philosophin Simone de Beauvoir sah im gesellschaftlichen Bild der Frau eine Konstruktion im Dienste der herrschenden Verhältnisse. Das betrifft auch den Körper der Frau und die Art, wie sie ihn zu kleiden hat. Für die frühen Feministinnen entsprach die Damenmode dem Bild, das sich die Männer von der Frau machten. Kleidung unterstützte also die Vorstellung vom "schwachen Geschlecht". Etwa durch schmale Röcke, die große Schritte verhindern, durch hohe Schuhe, die den Gang unsicher machen, und durch enge Kleider, die die sekundären Geschlechtsmerkmale hervorheben und die Frau zum paarungsbereiten Weibchen stilisieren.

Entsprechend war die Kleidung etwa der Feministinnen der siebziger Jahre betont antifeminin. Sie waren sehr darauf bedacht, nicht dem sich ziemenden Frauenbild zu entsprechen: dem einer Frau, deren größtes Glück es ist, das richtige Abendkleid und die richtige Handtasche zu besitzen – und den richtigen Mann, der das alles bezahlt.

Heute sind Luxusmode und Feminismus offenbar keine Gegner mehr. Bei Dior ist der Verkaufs-Hit dieses Sommers ein T-Shirt mit dem Aufdruck "We should all be feminists". Und wer im kommenden Winter noch politisch aktiv sein will, kann dafür etwa die Kollektionen von Prabal Gurung nutzen, wo auf T-Shirts das Motto "The Future is female" prangt, oder auch von Versace, wo auf den Kleidern Schlagwörter wie "Courage", "United" und "Equality" zu lesen sind.

Ob solche Kleidungsstücke der Sache des Feminismus nützen oder nicht, wird kontrovers diskutiert. Zuletzt widersprach Spiegel Online-Kolumnistin Margarete Stokowski einem in der ZEIT erschienenen Artikel. Darin war kritisiert worden, durch Motto-Mode werde der Feminismus verniedlicht. Tatsächlich ist es eher eine gute Nachricht, wenn Luxusmarken sich Feminismus auf die Fähnchen schreiben. Das bedeutet, dass es mittlerweile global eine halbwegs konsensfähige Meinung ist, dass Mann und Frau gleichberechtigt sein sollten. Nichts fürchtet die Luxusindustrie nämlich mehr, als auf wichtigen Märkten die wohlhabenden Kunden mit kontroversen Statements zu vergraulen. Bis man allerdings tatsächlich von einer Gleichstellung sprechen kann, ist noch viel zu tun. Es gibt auch weiterhin Anlass, sich Luxus-T-Shirts mit Parolen anzuziehen. Beispielsweise sind noch immer mehr Frauen in Deutschland armutsgefährdet als Männer, Frauen verdienen deutlich weniger. Es ist gut, die Luxusmarken im Kampf dagegen auf der richtigen Seite zu wissen. Noch glaubwürdiger wäre es, sie würden für entsprechende Protest-Shirts nicht 550 Euro verlangen.

Foto: Peter Langer / T-Shirt von Dior, 550 Euro (ein Teil des Ertrages geht an die Clara Lionel Foundation)

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