Harald Martenstein Über Gerichtsurteile und ihre Botschaft

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ZEITmagazin Nr. 19/2017

Eines Abends öffnete ich meine Mails und fand einen Brief mit der harmlosen Überschrift "Mein Sohn". Die Absenderin kannte ich nicht, eine Leserin. Sie schrieb, dass ihr Sohn auf dem Rücksitz eines Autos lebendig verbrannt sei, zusammen mit seiner Freundin. Zeugen hörten aus dem Auto noch seine Stimme. Das sei nun ein Jahr her.

Die Frau ist Künstlerin, aber sie kann nicht mehr arbeiten. Sie kann auch das Haus nur noch selten verlassen, schrieb sie. Sie hat einen zweiten, jüngeren Sohn, der durch Zufall nicht in diesem Auto saß. Der junge Sohn sei seit dem Tod seines Bruders nicht mehr schulfähig, kurz vor dem Abschluss habe er alles hingeschmissen. Er brauche Betreuung. Weil seine Mutter nichts mehr tun kann, wurde ein Jugendbeistand bestellt. Der Vater arbeitet und kümmert sich um den Haushalt.

Der junge Mann, der den Unfall verursacht hat, sei unversehrt davongekommen. Er war knapp 19 Jahre alt und alkoholisiert, schrieb die Mutter des toten Jungen, er fuhr zu schnell. Zum 18. Geburtstag hätten ihm die Eltern einen Sportwagen mit 200 PS geschenkt. Der Gerichtstermin lag erst ein paar Tage zurück. "Im Gerichtssaal war die Performance des Täters perfekt", schrieb sie. Die Staatsanwältin habe gesagt, durch den Unfall seien zwei Familien zerstört worden, nun dürfe durch eine Gefängnisstrafe nicht auch noch eine dritte Familie zerstört werden. Außerdem dürfe die Ausbildung des Täters nicht unterbrochen werden. Das Urteil lautete auf eine Bewährungsstrafe und, wie die Mutter schrieb, "1.000 Euro", eine Geldbuße.

Dieses Urteil hat sie ein zweites Mal aus der Bahn geworfen. Sie habe "einen Hauch von Genugtuung" erhofft, schrieb sie. Jetzt müsse sie aufhören, sie sei betrunken.

So kommt ein solches Urteil an, als Geringschätzung des Opfers. Als ein Fußtritt, obwohl das sicher keiner der Juristen im Sinn hatte. Das Urteil sagt denen, deren Leben zerstört wurde: Das ist euer Leben uns wert, 1.000 Euro. Jedes Urteil ist eine Art Preisschild, so verstehen es Täter und Opfer. Die Verzweiflung der Mutter hatte, glaube ich, nichts mit dem Wunsch nach Rache zu tun, so klang ihr Brief nicht. Aus ihren Worten sprach das Erschrecken darüber, dass ein Leben so billig ist. Für sie war es das Wertvollste auf der Welt.

Vor ein paar Monaten haben in Hamburg vier junge Männer und eine Frau bei einer Party eine 14-Jährige vergewaltigt, auch mithilfe von Flaschen. Danach warfen sie die Bewusstlose schwer verletzt und fast nackt in den Hof, es war Winter, sie überlebte nur durch Zufall. Vor Gericht, stand in Zeitungen, traten die Täter lachend auf, das Urteil wurde von ihrer Clique im Gerichtssaal mit Jubel begrüßt. Eine vierjährige Haftstrafe, vier Bewährungsstrafen.

Das Jugendstrafrecht soll nicht strafen, sondern erziehen. Es soll die Täter, bevor ihre Persönlichkeit ausgereift ist, auf den rechten Weg zurückführen. Eigentlich finde ich diese Idee richtig. Aber sie funktioniert, glaube ich, nur dann, wenn bei den Tätern überhaupt ein Bewusstsein für "gut" und "böse" vorhanden ist. Das scheint häufig zu fehlen. Die Idee des Jugendstrafrechts kann nicht funktionieren, wenn niemand, auch nicht die Eltern, diesen Tätern jemals Grenzen gezogen hat. Wenn dann nicht einmal die Justiz es tut, macht sie alles nur noch schlimmer. Sie bestätigt die Weltsicht der Täter. War das bei diesem Unfallurteil so? Ich weiß es nicht. Fest steht, dass den Preis für diese Tat nur die Opfer und ihre Familien zahlen mussten. Sonst niemand.

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