Ich habe einen Traum Horst Hrubesch

"Ich sehe in den Himmel, schaue zu, wie sich das Abendrot auf die Wipfel der Bäume senkt"
ZEITmagazin Nr. 19/2017

Ich bin nie ein Traumtänzer gewesen. Träume waren für mich immer Ziele, für deren Erfüllung ich hart arbeiten muss. Meine Mutter hat uns das vorgelebt: Mein Vater hatte ein Alkoholproblem und verließ die Familie, als ich noch jung war. Meine Mutter ging arbeiten und zog uns Kinder auf. Ihr Beispiel hat mich geprägt.

Ich komme aus ganz normalen, einfachen Verhältnissen, und genauso normal und einfach waren auch meine Träume. Als ich mit 15 die Schule verließ, stand schon fest, dass ich eine Lehre machen und arbeiten gehen würde. Ich träumte davon, zu heiraten, ein Haus zu bauen, Kinder zu haben und zufrieden als Familienvater zu leben. Dazu natürlich: irgendwann Profi-Fußballer zu werden.

Ich bin ja schon ein paar Tage älter, und im Rückblick muss ich sagen, dass sich alle meine Träume erfüllt haben, manche früher, manche später. Allerdings waren meine Träume eben auch nicht so groß. Und ich hatte immer Menschen, die mich unterstützt haben, meine Familie, später meine Mannschaftskameraden, Trainer und Physiotherapeuten. Wir alle brauchen Menschen, die uns mitnehmen und uns Möglichkeiten eröffnen. Keiner von uns ist der große Künstler oder Held, der seine Träume alleine verwirklichen kann. Das ist eine schöne Lektion, die uns der Sport lehren kann – zusammen kann man viel erreichen, und wir können einander helfen, besser zu werden. Alleine, das weiß ich, bin ich nichts. Wir waren in der Familie gemeinsam stark, und später im Team. Das gilt bis heute.

Mit meinen Tagträumen bin ich immer gut gefahren – morgens aufstehen und mir vorstellen, was ich am Tag erreichen kann. Das war schon bei meiner Arbeit als Dachdecker so: Bei Arbeitsbeginn habe ich bereits das gedeckte Dach vor mir gesehen. Wenn es dann am Abend fertig war, war der Tagtraum erfüllt.

Und so habe ich es auch als Fußballer gehalten. Ich habe zum Beispiel nie davon geträumt, Weltmeister oder Europameister zu werden. Am Tag vor dem EM-Finale 1980 wusste ich ja nicht mal, ob ich am nächsten Tag spielen würde. Also habe ich erst mal davon geträumt, in der Startaufstellung zu sein. Als ich wusste, ich würde spielen, habe ich dann davon geträumt, ein Tor zu schießen, ich war ja schließlich Stürmer. Ein Traum nach dem anderen.

Im Moment träume ich davon, nach den Turnieren im Sommer für zwei oder drei Wochen zum Fischen nach Norwegen zu fahren. Klar, ich werde versuchen, Fische zu fangen. Aber in erster Linie geht es um etwas anderes – runterkommen, Luft holen, die Natur und die Ruhe genießen. Es dauert immer etwas, bis der Stress nachlässt. Aber irgendwann stehe ich dann im Wasser, sehe in den Himmel, schaue zu, wie sich das Abendrot auf die Wipfel der Bäume senkt, und alles ist gut.

Ach ja, und natürlich träume ich davon, dass der HSV – der immer noch mein Traumverein ist – endlich in ruhiges Fahrwasser kommt und die Liga halten kann. Ich wünsche mir, dass das Team Stabilität und Konstanz für die nächsten drei, vier Jahre findet. Um vielleicht irgendwann wieder die Europacup-Plätze angreifen zu können. Aber wie gesagt – ein Traum nach dem anderen.

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