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Lebensgefühle Welcher Münchentyp sind Sie?

Der Tischtennis-Spieler, die Feinschmeckerin, der Romantiker: Wie man München findet, hängt davon ab, wer man ist. Wir haben deshalb 26 Münchner gebeten, uns von ihrem München zu erzählen: Welche Erinnerungen verbinden sie mit der Stadt, wo halten sie sich gerne auf – und was ist ihr Münchner Lebensgefühl? Von , , , und

Der Tischtennis-Spieler

Reiner Langhans, 76, Kommunarde

"Viele wundern sich, dass ich über all die Jahre in München geblieben bin. Seit 1969. 1970 gründeten wir die Highfisch-Kommune, wie wir sie genannt haben, in der Giselastraße.

Ich saß in der ersten Zeit immer auf gepackten Koffern, weil ich dachte: Lange kann ich hier nicht bleiben, ich muss weiterziehen, irgendwo anders hin.

Nun, ich bin geblieben. Genau wie die Getty-Zwillinge, von denen Jutta vor wenigen Wochen von uns gegangen ist, und die anderen Frauen aus unserer Kommune. Wir wohnen alle in Schwabing-West, fußläufig voneinander entfernt. Die Frauen haben ihre Koffer ausgepackt, sich Sachen angeschafft. Ich lebe minimalistisch. Noch immer in der winzigen Wohnung in der Herzogstraße, in die ich 1976 nach all den Kommunen gezogen bin.

Die Erklärung für unser Bleiben, soweit ich es verstehe, geht so: Ich gehe seit meiner Initiation 1972 einen spirituellen Weg, und Bayern ist das Tibet Deutschlands. Es ist ein ziemlich verrücktes, kleines Bergvolk, das noch immer viel Wert auf Spiritualität legt. Das Spirituelle drückt sich hier im Katholizismus aus. Die CSU ist eine feudale Herrschaftsform für ein religiöses Volk.

Man merkt es auch daran, wie die Leute hier mit Weltverbesserern wie mir umgehen. Vordergründig lehnen mich traditionelle Bayern natürlich ab. Neulich zum Beispiel stand ich vor einem Supermarkt, als ein Bayer auf mich zeigte und seiner Frau sagte: "Schau, das ist der, der noch nie in seinem Leben gearbeitet hat." Und doch unterstelle ich ihm, dass er insgeheim Sympathie für Leute wie mich hegt. Ich spüre das. Nach außen hin wird gegrummelt, doch innen sind die Menschen spirituell und offen. Deshalb bin ich geblieben.

Ich nehme am Leben in München eher wenig teil. Ich bin immer nur mit den Frauen aus der Kommune unterwegs. Wir gehen einmal die Woche Tennis spielen. Meistens am Dantebad. Das ist ein städtischer Platz, der aber wegen Wohnungsbaus geschlossen werden soll. Deshalb gehen wir in Zukunft wahrscheinlich aufs Olympiagelände. Ich spiele nicht besonders gut, bin aber in der Gruppe schon der Beste. Mittlerweile werden die Frauen auch von einigen Wehwehchen geplagt.

Wir gehen jeden Tag im Luitpoldpark spazieren. Dort spiele ich auch Tischtennis in einer losen Gruppe, die sich seit zehn Jahren trifft. Da wird immer begeistert gebrüllt, viel mehr weiß ich von den anderen dort nicht.

Ich fahre viel Fahrrad in Schwabing. Ich weiß, dass manche, die mich vorbeifahren sehen, von mir als "weißem Engel" sprechen. Nun gut. Meistens bin ich dann unterwegs zu einem Biomarkt. Die Frauen besuchen mich in meiner Wohnung nie, die ist denen zu spartanisch. Ich bin daher oft bei ihnen. Das Restaurant, in das ich häufig gehe, ist Max Pett, ein veganes Lokal.

Wenn es jetzt irgendwann heiß wird, fahren wir bestimmt wieder oft an die Seen zum Nacktbaden. Wenn nicht viel Zeit ist, dann an den Feldmochinger See. Wenn wir den ganzen Tag haben, dann noch lieber an die Osterseen oder mal an den Walchensee. Im Englischen Garten bei den Nackten liege ich nie. Das ganze Trommeln und Kiffen dort, diese Art, 1968 fortleben zu lassen, scheint mir zu nostalgisch."

Der Fußballfan

Simon Verhoeven, 44, Filmregisseur

"Als Fußballjunge ist es nicht ganz verkehrt, in München aufzuwachsen. Es prägt einen schon im Selbstbild und Lebensgefühl, wenn man als einzige deutsche Stadt einen Verein hat, der immer an der Weltspitze mitspielt. Gleichzeitig freuen sich alle anderen Vereine gemeinsam, wenn wir ein Spiel verlieren. Man bekommt als Münchner also ein absurdes Selbstbewusstsein mit ins Mutterbier eingegossen, aber eben auch das eigenartige Bewusstsein, dass sich alle freuen, wenn man verliert. Als Jugendlicher habe ich bei TSV München gespielt. Als waschechter Bayern-München-Fan war mein Vater so beleidigt, dass er nie zu meinen Spielen gekommen ist.

Meinen letzten Film, Willkommen bei den Hartmanns, habe ich in München gedreht. In dem Film nimmt eine auf den ersten Blick konservative Münchner Familie einen Flüchtling aus Nigeria auf. München ist als Willkommensstadt bekannt. Seit Jahrzehnten gibt es hier eine Rot-Grün-Regierung, obwohl München so gutbürgerlich ist. Mit dem Film wollten wir auch diese Münchner Besonderheit porträtieren: eher links und konservativ zugleich zu sein. Es gibt eine Mentalität in München, einen Humor, der sich über Personen wie Karl Valentin, Gerhard Polt oder Helmut Dietl definieren lässt. Es hat etwas augenzwinkernd Charmantes, aber auch etwas Niedergeschlagenes, Verzweifeltes."

Die Spartanische

Susi Gelb, 31, Künstlerin

"Als junge Künstlerin in München zu leben ist nicht ganz leicht. Man muss Prioritäten setzen. Wir wohnen auf zehn Quadratmetern, ein bisschen wie in Hongkong oder New York. Aber dafür liegt die Wohnung zentral. Das Zimmer ist eng, mit einer kleinen Nische mit Waschbecken und Küche. Dafür ist die Miete sehr erschwinglich. Zum Ausgleich habe ich ein großes, sonniges Atelier mit Dachterrasse in einem städtischen Atelierhaus, mitten in der Stadt gelegen. Es ist ein Industrieloft, mit großflächigen, einfach verglasten Fenstern, deren Oberfläche so ungleichmäßig ist, dass man den Eindruck bekommt, man schaue auf eine Wasseroberfläche. Es gibt auch sehr hilfsbereite Menschen in der Stadt: Der Besitzer des Cafés Pavesi hat uns zum Beispiel ein Jahr lang mietfrei einen großen Ausstellungsraum zur Verfügung gestellt, das "easy!upstream", und zurzeit bespielen wir eine Villa in Bogenhausen.

Was ich mache, nenne ich alchemistische Kunst. Ich sehe mich als Forscherin. Ich experimentiere mit Materialien, mische zum Beispiel Beton und gelbes Gießharz und forme Würfel daraus. Ich verbringe auch viel Zeit in der Natur und an Orten wie der Reptilienauffangstation am Englischen Garten. Ich interessiere mich sehr für Schlangen, Echsen und Chamäleons, was sich auch in einigen meiner Videoinstallationen widerspiegelt. Worauf ich mich dieses Jahr sehr freue, ist mein Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekt. Ich werde zwischen dem 21. Juli und dem 21. August den Platz vor der Oper, den Odeonsplatz und den Lenbachplatz gestalten. Der Titel meiner Arbeit lautet: No such things grow here. Es wird eine exotische Biosphäre geben – mit Palmen, Sonnenliegen, die sich je nach Temperatur verfärben, und einer großen LED-Wand, auf der eine Videoarbeit von mir zu sehen sein wird – mit einer Schlange und einem Adler."

Die Schwimmerin

Barbara Vinken, 57, Literaturwissenschaftlerin

"Das Schickeria-Phänomen ist in München gar nicht so ausgeprägt, wie alle immer meinen. Es ist eine heitere und entspannte Stadt. München wird weniger von Schickeria als von einem intellektuellen Bürgertum definiert. Das hat, finde ich, auch Vorteile. Man wird zum Beispiel zurück eingeladen, wenn man Leute zum Essen einlädt. Münchens Bürgertum ist witzig, oft ein bisschen anarchistisch. Die Schickeria empfängt eher neugierig mit offenen Armen. Wenn man möchte, kann man daran teilhaben. Muss man aber nicht.

Das goldene Licht, die Barockwolken, den Eisbach im Englischen Garten, den Starnberger See und die Berge – das sind die Dinge, die ich vermisse, wenn ich nicht in München bin. Ich finde es ganz unglaublich, wenn man mitten durch eine Großstadt spaziert und plötzlich die Silhouette der Alpen sieht – und all die Seen zum Greifen nah sind.

Im Sommer fahre ich abends sooft ich kann raus zum Starnberger See, um schwimmen zu gehen. Mit den Alpen am Horizont, der untergehenden Sonne – paradiesisch. München ist eine Lebedame, die großartig altert. Und wenn man mal rauskommen will, dann steigt man ganz einfach in den nächsten TGV nach Paris."

Der Sonnenanbeter

Jan Weiler, 49, Schriftsteller

"Wir haben hier die Mittelmeersonne. Wenn man in München lebt und die Sonne scheint, dann drehen sich die Leute wie Sonnenblumen in Richtung Süden mit ihren Gesichtern. In Berlin hingegen scheint die baltische Sonne. Das ist eine kalte, blaue Sonne. Und die Leute drehen sich auch eher nach Nordosten. Das ist mein subjektiver Eindruck, den kann mir niemand nehmen. Ich bin davon überzeugt, dass die Vibes hier besser sind. In Berlin habe ich immer das Gefühl, unter einem Erlebnisdruck zu stehen. Dazu kommt, dass man immer irre weit fahren muss. Die Stadt macht wichtig. In München ist das nicht so. Hier hat es nicht so viel Eile.

Der folkloristische Wahn kann einem schon auf die Nerven gehen. Gerade zur Wiesn-Zeit, in der Leute ihre entsetzlichen Landhaustrachten anhaben. Spielerfrauen in strassbesetzten Kleidern. Aber die Münchner Schickeria, wie man sie kennt, gibt es so nicht mehr. Das ist eher eine Helmut-Dietl-Erfindung der 1980er. Das Bussi-Proletariat ist eine kulturelle Leistung aller urbanen Umkreise in Deutschland. Zu große Gürtelschnallen und zu weiße Zähne gibt es überall.

Mein Lieblingsort in München ist ein Un-Ort: die Donnersberger Brücke. Diese Brücke überspannt den kompletten Gleiskörper, der in den Hauptbahnhof führt. Ein riesiges Areal. Die Donnersberger Brücke ist ausgesprochen hässlich. Sie ist umtost vom Straßenverkehr, es ist richtig viel los. Aber der Blick über all die Gleise ist unglaublich schön. Wenn im Westen die Sonne untergeht und man den Ausblick genießt, berührt mich das sehr. Für mich fühlt es sich an, als würde ich am Meer stehen.

Letztens fuhr ich mit der U-Bahn durch Schwabing. Mir gegenüber saßen zwei junge Mädchen, die von zwei Männern eingeschüchtert wurden. Neben mir saß ein ganz klassischer Münchner Opa – eine richtige bayerische Autorität, ein Grantler im Lodenmantel und Hut: latent aggressiv, dumpf und unüberwindbar schlechtlaunig. Der schaute sich das zwei, drei Haltestellen an und kofferte diese Typen dann so richtig zusammen. Es war großartig zu beobachten, wie der Druck im Kessel bei ihm immer größer wurde. Drei Minuten hielt er es aus. An der nächsten Haltestelle sind die beiden Kerle sofort ausgestiegen, die waren völlig platt. Das bayerische Wertkonservative hat auch seine Vorteile.

In München ist es so: Zwei Eigenschaften, die sich gegenüberstehen, dominieren die Stadt. Zum einen das Linksliberale, zum anderen das total Konservative. Sie finden in München keine rechten Schlägertypen, die irgendwo rumlungern. Es gibt eine stark konservative Regierung, die das fast verunmöglicht. Deswegen gibt es selten das Gefühl von Gefahr. Dieses Konservative findet man aber auch manchmal komisch und behäbig. Auf der anderen Seite freut man sich wahnsinnig darüber, dass es sicher ist. Wie bei dem Fall in der Bahn kann so etwas Wertkonservatives eben auch gut sein. Gerade wenn so Luxus-Grüne wie ich danebensitzen und nichts sagen. Der Weißwurst-Opi richtet es. Das ist typisch München."

Der Romantiker

Marcus da Gloria Martins, 44, Leiter Kommunikation bei der Münchner Polizei

"Natürlich erleben Sie München als Polizist anders: München ist für uns immer ungeschminkt. Das gilt für die hochpreisigen Viertel genauso wie für die ... sagen wir, einfacheren Gegenden. Ich bin früher selber Streife gefahren, und wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet, dann mache ich das heute immer noch gerne. Dadurch, dass Polizisten rund um die Uhr auf der Straße unterwegs sind, sehen sie Facetten der Stadt, die der Tourist oder der Normalbürger meist nicht erlebt. Nachts ist so eine Stadt ein schlafender Riese.

Und wenn dann im Sommer die Sonne schon morgens um halb fünf, fünf aufgeht, dann fahren Sie durch eine menschenleere Landschaft: Alles ist da, bloß die Menschen noch nicht. Da hören und riechen Sie Spuren der Stadt, die Sie nicht mehr wahrnehmen, wenn erst mal der Trubel des Tages einsetzt. Da sind mitten in der Stadt plötzlich Vogelstimmen zu hören ... aber eben nicht für lange. Und der Geruch von München am Morgen, das ist für mich der Geruch von nassem Asphalt nach einem Sommerregen – ehe der Berufsverkehr losgeht.

Gleichzeitig schaue ich noch mal anders auf die Stadt, seit letztem Juli. Bei uns heißt die Nacht des Amoklaufs die OEZ-Nacht, ganz nüchtern, nach dem Einsatzort, dem Olympia-Einkaufszentrum. Schon vorher hätte ich meinen Job als Polizeisprecher nicht machen können, wenn ich nicht ein echter Fan meiner Kollegen wäre, die täglich ihren Job auf der Straße machen, trotz aller Widrigkeiten. Und der Respekt ist riesig gewachsen durch die OEZ-Nacht. Aber wer von uns damals dabei war, ist wahrscheinlich auch ein Stück nachdenklicher geworden.

Wir hatten im Polizeibericht kürzlich die Meldung, dass eine 91-Jährige zwei Jahre unentdeckt tot in ihrer Wohnung lag. Wir wissen aus unserer täglichen Arbeit, dass es in München, dieser ewig geselligen Stadt, gleichzeitig wahnsinnig viel Einsamkeit gibt. In der OEZ-Nacht war dann aber auch das Gegenteil zu erleben – das hat mich bewegt. Da haben viele einen Egoismus überwunden, den man hier sonst manchmal antreffen kann. Manche haben wildfremden Menschen, die nicht mehr nach Hause kamen, die eigene Wohnung geöffnet. Und ich habe hinterher von vielen Münchnern gehört, die einfach einmal kurz beim Nachbarn geklingelt haben: "Sie wissen ja, was da draußen los ist – ich wollt’ nur schauen, wie es Ihnen geht."

Natürlich werde ich seit der OEZ-Nacht schon mal erkannt, jedenfalls wenn ich in Uniform draußen unterwegs bin. Aber erstens verblasst das jetzt zum Glück wieder. Und zweitens betrifft es nicht den Privatmann Martins, darüber bin ich sehr, sehr froh. Der Polizist an sich eignet sich nicht zum Star. Ich komme aus Köln, und wenn Sie in Köln in eine Kneipe gehen, können Sie sich nur durch grobe Unhöflichkeit dagegen wehren, angesprochen zu werden. Da ist München anders: Die Herzlichkeit, die der Bayer anerkanntermaßen mitbringt, paart sich hier mit einer feinen Distanziertheit. Mich hat das nie gestört, denn durch meine damalige Frau bin ich hier gleich in einen bayerischen Großclan hineingefallen – und da fällt man weich und herzlich.

Selbst wenn ich mal aufs Land fahren möchte, kann ich trotzdem in München bleiben, mit einem kleinen Kniff: Ich fahre zum Freizeitpark Possenhofen, da bin ich am liebsten auf Steg 4. Und der Witz ist: Das ist noch Münchner Stadtgebiet, eine Exklave also. Das können Sie daran sehen, dass Ihnen dort auf den Schildern die Münchner Grünanlagen-Satzung entgegenprangt.

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