Harald Martenstein Über sein Jahr in München

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Sie sind Berliner und ziehen demnächst nach München? Ich habe ein Jahr in München gelebt, als Redakteur der Abendzeitung. Ich kam aus Berlin. Klar, der Mensch will auch mal was anderes sehen als immer nur Berlin. München ist total süß. Aber du musst bei den Gehaltsverhandlungen sehr stark sein. In dem neuen Job habe ich ein paar Hundert Euro mehr verdient und musste dafür pro Woche zehn Stunden länger arbeiten, das ist okay. Unsere Münchner Wohnung war, fast bis auf den Quadratmeter genau, halb so groß wie die Berliner Wohnung und kostete genau das Doppelte. Nach Abzug der Monstermiete hatte ich weniger als vorher, aber musste trotzdem zehn Stunden länger arbeiten. Das fand ich nach einer Weile richtig gut. In dem Büro war so viel mehr Platz als in der kleinen Wohnung, wo ich beim Kochen immer mit den Ellbogen gegen die Dunstabzugshaube gestoßen bin. Die Räume sind in München relativ niedrig. Es gibt viele Künstler und viele Geldautomaten, wie in New York. Ich habe mir zum Trost gesagt, dass die Wohnungssituation in New York ähnlich ist. München, das New York von Deutschland, the Big Knödel.

Die Stadt ist allerdings fast überall supersauber, von New York kann man das nicht behaupten. Es liegt auch, anders als in Big Apple, fast überall eine große Ruhe über der Stadt, als ob alle Münchner ununterbrochen Yoga machen würden. Nach Berlin bin ich mir in München wie einer von den Olchis vorgekommen, das ist eine Kinderbuchfamilie, die auf der Müllkippe von Schmuddelfing lebt und Stinkerbrühe trinkt. München ist eine Mischung aus den Mieten von Manhattan, Nähe Central Park, und der Müllabfuhr von Zürich.

Die Münchner sind fast immer freundlich und lächeln. Das hat mich anfangs irritiert, weil in Berlin bekanntlich viele Menschen aggro sind oder brummig. Wenn du in Berlin die Menschen dazu bringen möchtest zu lächeln, dann musst du am besten in der Fußgängerzone stolpern und hinfallen. In München fragen sie in so einem Fall freundlich, ob man sich verletzt hat. Wenn du dich in Berlin beim Hinfallen verletzt hast, sagen sie womöglich: "Selber schuld, Blödmann." Das ist immerhin die ehrliche Meinung dieses Berliners. Irgendwie stimmt es ja auch. In München habe ich immer gedacht, dass die Menschen sich verstellen. Diese Dauerfreundlichkeit wurde auf die Dauer unheimlich. Was denken die Münchner wirklich? Haben die nie schlechte Laune? Sie sind für Kulturfremde schwer durchschaubar, wie die Japaner. München ist wie New York, Zürich und Japan.

Sie halten zusammen. Wenn sie an deiner Sprache merken, dass du kein Münchner bist, sagen sie zu dir freundlich: "Sie sind wirklich ein ganz besonders netter Mensch", anschließend stehen alle Münchner gemeinsam auf und verlassen lächelnd den Raum. Niederbayern sind ein Grenzfall, der Niederbayer gilt in München als minderbegabt und cholerisch, aber weil er ein Bayer ist, wird er manchmal nach draußen mitgenommen. Schon der Franke wird eher dem Tierreich zugerechnet. Schwaben gelten als Pflanzen, die sprechen können. In den Zeitungen werden alle Werke von Münchnern immer gelobt. Ich glaube, selbst ein Film, in dem zwei Stunden lang nur Weißwurst gegessen wird, würde wegen seiner spannenden Handlung und seines politischen Mutes gelobt werden, falls er von einem Münchner gedreht wurde und der Wurstfabrikant kein Franke ist. Dieser unglaubliche Zusammenhalt erinnert an die Naturvölker vom Amazonas. In München findest du New York, Zürich, Japan und den Dschungel, es ist für jeden Geschmack was dabei.

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