Naher Osten Herausspaziert!

Die Bilder der Fotografin Johanna-Maria Fritz dokumentieren das Zirkusleben im Nahen Osten – und zeigen, dass es eine Normalität im Absurden geben kann. Von
ZEITmagazin Nr. 19/2017

Politische Clowns

Die Berliner Fotografin Johanna-Maria Fritz hat das Zirkusleben zum Mittelpunkt ihrer dokumentarischen Arbeit gemacht. Sie hat zunächst in ostdeutschen Zirkussen fotografiert, später in isländischen, auch in afghanischen, palästinensischen und iranischen. "Egal welche Hautfarbe, Religion oder politische Überzeugung die Menschen mitbringen, im Zirkus zählt immer der Zusammenhalt", sagt die 23-Jährige, die die Ostkreuzschule für Fotografie absolviert hat.

Wir zeigen eine Auswahl ihrer Bilder, die unter anderem im Westjordanland, im Gazastreifen und beim persischen Familienzirkus Khalil Oghab entstanden sind.

Dieser Zirkus hat eine lange und außergewöhnliche Geschichte: Als der junge Schausteller Khalil Oghab Ende der 1930er Jahre durch den Iran fuhr, machte er mit Plakaten Werbung für seine Show "Herkules von Persien, der sogar Elefanten stemmen kann". Vor begeistertem Publikum hievte er in Schiras, Isfahan und Teheran Baby-Elefanten auf seine Schultern. Später reiste er nach Indien, dort wurde ein Zirkusfan aus Großbritannien auf ihn aufmerksam und warb ihn an. Oghab trat danach in Japan, Irland und Italien auf und sammelte dabei Eindrücke, die er wiederum in den Iran mitnahm. Im Jahr 1991 kehrte er in seine Heimat zurück und gründete mit seinem Sohn eine eigene Zirkustruppe. Noch heute, mit über 90 Jahren, trinkt der "Herkules von Persien" jeden zweiten Tag seinen grünen Power-Smoothie und begibt sich danach zum Krafttraining.

Im Westjordanland begleitete Johanna-Maria Fritz den Palästinenser Schadi Smorrod mehrere Monate lang. Er gründete vor zehn Jahren die Palästinensische Zirkusschule in Bir Zaid bei Ramallah, abgeschaut hat er sich die Zirkuspraxis in Europa und in anderen Ländern des Nahen Ostens. Er erzählt, dass die Zirkusschule den Kindern eine lang ersehnte Routine und Normalität schenkt. "Sie warten die ganze Woche darauf, endlich wieder Kunst- und Theaterstücke proben zu können", sagt Smorrod. Der politische Dauerkonflikt in Nahost, bei dem die Gewalt von beiden Seiten ausgeht, raubt den Kindern die Kindheit. "Die Gewalt gehört mittlerweile zum Alltag. Diese Gewalt setzt sich in der palästinensischen Innenpolitik, in den Haushalten, den Familien und überhaupt in der Art, wie wir Palästinenser miteinander umgehen, fort. Wir müssen wieder lernen, miteinander zu reden und einander zuzuhören." Im Zirkus lernen die Kinder, mit den Einschränkungen in ihrem Leben humorvoll umzugehen. Hier können sie lachen über die stundenlangen Wartezeiten an den Checkpoints: Die Clowns suchen ihre Personalausweise vergebens, fallen einfach müde um oder versuchen sich unter einer Bettdecke an den Soldaten vorbeizuschleichen. Und außerdem, sagt Johanna-Maria Fritz: "Mädchen können dank der Zirkusschulen in patriarchal geprägten Gesellschaften beweisen, was in ihnen steckt."

Wie politisch das Zirkusleben im Nahen Osten ist, zeigt sich an dem Schicksal von Mohammad Faisal Abu Sakha. Dieser Mann ist ein enger Freund Smorrods, ein bei den Kindern beliebter Zirkuslehrer, er sitzt allerdings seit 18 Monaten in israelischer Haft, ohne Anklage, ohne juristischen Beistand. Laut Amnesty International fehlt jeder legitime Grund für seine Verhaftung. Er ist inzwischen in den Hungerstreik getreten. Und in jeder Vorstellung bleibt auf der Bühne symbolisch ein Platz frei für ihn.

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