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Nick Cave "Ich war wirklich am Ende"

Nick Cave singt seit Jahrzehnten Lieder über Schmerz und Tod. Vor zwei Jahren starb sein Sohn. Wie geht er damit um? Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 19/2017

Die Küche in Nick Caves Haus ist so geräumig wie ein Ballsaal. Die Decken sind hoch und stuckverziert. Auf einem langen Sideboard steht ein Plattenspieler. An den Wänden hängen gemalte und fotografierte Porträts des Hausherrn, überall stapeln sich mit Lesezeichen gespickte Bücher. Einige Jutetaschen mit dem Logo des Magazins The New Yorker liegen herum. Durch die geöffneten Fenster weht von draußen das Geschrei von Möwen herein. Es ist ein strahlender Frühlingstag in Brighton. Cave residiert in einer der prächtigen weißen Villen, die, eng aneinandergereiht, die Küstenpromenade schmücken. Der Künstler ist groß, schlank und trägt wie so oft einen schwarzen Anzug zum weißen Hemd. Er hat eine Kanne grünen Tee zubereitet und setzt sich dann mit strengem Blick an einen gewaltigen Holztisch.

ZEITmagazin: Mister Cave, Sie sind in Australien geboren, lebten in London, Berlin und São Paulo. Was hat Sie eigentlich ins britische Seebad Brighton verschlagen?

Nick Cave: Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen: Früher war Nick Cave mal wild, aber nun hat er sich matt und alt ins beschauliche Seebad zurückgezogen, um ein entschleunigtes Leben mit seiner Familie zu führen. Richtig? Aus meiner Sicht ist das aber Unsinn, denn erstens ist Brighton gar nicht so ruhig, und zweitens ist es nicht die Endstation für mich, sondern nur eine Etappe auf der Reise zum nächsten Ort. Ich habe mich hier wohlgefühlt und bin länger als geplant geblieben, aber jetzt ist es an der Zeit weiterzuziehen. Nächstes Jahr werde ich mit meiner Familie nach Los Angeles gehen. Aus diesen Reisen von Ort zu Ort schöpfe ich die nötige Inspiration, die ich für den Fluss meiner Arbeit benötige.

ZEITmagazin: Ihr damals 15-jähriger Sohn Arthur ist hier in der Nähe vor zwei Jahren bei einem Sturz von der Steilküste tödlich verunglückt. Ist auch das ein Grund, diesen Ort zu verlassen?

Cave: Das spielt natürlich eine Rolle. Denn so ein Ereignis verändert dein Leben drastisch. Da tut es uns als Familie gut, uns an einem anderen Ort neu einzurichten.

ZEITmagazin: In dem Dokumentarfilm One More Time With Feeling, der kurz nach dem Tod Ihres Sohnes entstand, sagen Sie, dass Sie zwar wie immer aussehen, aber innerlich ein anderer Mensch geworden sind. Wie hat man sich diese Veränderung vorzustellen?

Nick Cave

59, wurde in dem australischen Örtchen Warracknabeal geboren. Seine dramatischen, oft düsteren Songs wurden auch von so unterschiedlichen Musikern wie Johnny Cash und Metallica interpretiert. In diesen Tagen erscheint Nick Caves Best-of-Album Lovely Creatures.

Cave: (langes Schweigen) Einiges bleibt beim Alten. Irgendwann arbeitet man eben wieder. Das Leben muss ja weitergehen. (ein langer Blick aus dem Fenster in den Himmel) Und doch ist alles anders. Die Leute sagen zu mir, dass sie sich nicht vorstellen können, wie sich das für mich anfühlen muss. Aber da irren sie sich. Ich glaube, dass sich jeder auf seine Weise ausmalen kann, wie schlimm sich so eine Tragödie anfühlt. Viele Menschen haben ähnliche Verluste erlitten, und wenn einem das klar wird, fühlt man sich nicht mehr ganz so allein und hoffnungslos in seinem Schmerz. Das Schwierigste ist dann aber, tatsächlich weiterzumachen. Irgendwie wieder einen Rhythmus im Leben zu finden. Wenn man sich überwunden hat, sich einfach nur hinzusetzen und irgendetwas zu arbeiten, ist das immerhin ein Anfang.

ZEITmagazin: Also half auch das Songschreiben, den Schmerz in den Griff zu bekommen?

Cave: Ja, wieder Texte und Songs zu schreiben, das war ein Anfang. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

ZEITmagazin: Nach der Tragödie nahmen Sie wie geplant mit Ihrer Band The Bad Seeds das Album Skeleton Tree auf. Empfanden Sie diese Arbeit eher als befreiend oder als belastend?

Cave: Beides. Zuerst war es sehr, sehr schwierig. Ich hatte gedacht, ich sei bereit dafür. War ich aber nicht. Ich war wirklich am Ende und hatte das alles unterschätzt. Wir legten trotzdem erst mal los, aber die Ergebnisse waren unbefriedigend. Etwas zu schreiben, ohne dass diese große schwarze Wolke alles verdunkelt, ist nicht so einfach. Seine eigenen Texte zu lesen und diese Tragödie überall zwischen den Zeilen wiederzufinden ist nicht gesund. Diesen Zustand muss man überwinden und gleichzeitig ehrlich bleiben und das Finstere in seinem Leben nicht ignorieren. Nicht einfach. Schreiben bedeutete für mich, insbesondere in den letzten Jahren, immer auch das Artikulieren meines inneren Gleichgewichts. Mittlerweile merke ich beim Schreiben von Songs, wie es mir geht, und ich finde Dinge über mich heraus, die mir vorher nicht klar waren. Jetzt muss ich zusehen, wie ich von dem Ich, das Skeleton Tree geschrieben hat, wieder wegkomme, denn diese Platte steht für einen Gemütszustand, den ich hinter mir lassen muss. Um es kurz zu machen: Mir geht es beim Songschreiben um meine Existenz. Letztlich bin ich mit meiner Arbeit allein in irgendeinem Raum – ob das nun in Brighton, Los Angeles oder Berlin ist, macht keinen großen Unterschied.

ZEITmagazin: Sie haben früher allerdings auch mal gesagt, dass Ihr Aufenthalt in Berlin Ihr Leben verändert habe.

Cave: Das habe ich gesagt? (lacht) Ich sollte mich wohl besser an meine alten Aussagen erinnern. Ach, ich widerspreche mir gern mal. Aber die Auswirkungen, die all die Orte, an denen ich gelebt habe, auf meine Arbeit gehabt haben sollen, sind mir bis heute rätselhaft geblieben. Natürlich haben mich diese Städte beeindruckt, aber dass sie mich verändert haben, bezweifle ich.

ZEITmagazin: Also war Berlin auch nur eine Etappe, wie die anderen Städte?

Cave: Ja, aber Berlin war tatsächlich auch noch etwas anderes. Als ich Mitte der Achtziger aus London nach Berlin kam, war ich am Boden. Ich musste mir dann erst mal meine Selbstachtung zurückerobern.

ZEITmagazin: Was war denn in London für Sie schiefgelaufen?

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