Nick Cave "Ich war wirklich am Ende"

Cave: Das Problem ist, dass Gitarren letztlich immer für diesen klischeebesetzten Rocksound stehen. Da mögen mir einige widersprechen, aber für mich läuft das immer auf Rock ’n’ Roll hinaus. Wir haben ja im Laufe der Jahre eine Menge Rockplatten produziert, aber inzwischen finde ich es befreiend, musikalisches Neuland zu erkunden. Es ist ja auch einigermaßen sinnlos, Rockmusik zu machen, wenn man selbst nie Rockmusik hört. Und eigentlich bin ich auch überhaupt kein Rocksänger, meine Stimme taugt einfach nicht dafür. (lacht) Ich bin eben kein Kurt Cobain.

ZEITmagazin: Eine Ihrer Lieblingssängerinnen soll Karen Carpenter sein, die in den Siebzigern mit dem Easy-Listening-Duo The Carpenters groß rauskam. Deren Musik könnte man auch als Anti-Rock-’n’-Roll bezeichnen, oder?

Cave: Stimmt beides: Ich liebe ihren Gesang, und es ist tatsächlich Anti-Rock-’n’-Roll. Karen Carpenter hatte die traurigste Stimme, die ich jemals gehört habe. Da war etwas in ihr, das selbst optimistische Songs tieftraurig klingen ließ. Das hat mich schon in meiner Jugend berührt und auch beeinflusst.

ZEITmagazin: Sie verehren angeblich auch den Komponisten Burt Bacharach, der von vielen ebenfalls als Easy Listening abgetan wird.

Cave: Stimmt, den schätze ich sehr, weil er ein sagenhaft guter Songschreiber ist. Überhaupt bewundere ich all diese großen Songschreiber der alten Schule. Die bewegten sich auf einer Ebene, die weit jenseits vom bloßen Handwerk liegt. Die konnten etwas abrufen, das nur sehr wenigen gegeben ist.

ZEITmagazin: Könnten Sie dieses "Etwas" genauer beschreiben?

Cave: (langes Schweigen) Ich habe kein Problem damit, es "gottgegeben" zu nennen. Wenn man etwas Neues schafft, dann ist da dieser Bereich, in dem Dinge entstehen, für die das Handwerk allein eben nicht ausreicht. Woher kommen die? Da kommt für mich Gott ins Spiel – auch, weil es im Allgemeinen ganz praktisch ist, Gott bei Fragen heranzuziehen, auf die es eigentlich keine Antwort gibt.

ZEITmagazin: Sie haben sich früher einmal auf den portugiesischen Begriff der Saudade bezogen, eine Art von Melancholie, die viele Bossa-nova-Songs prägt. Woher kommt eigentlich die Wehmut in so vielen Ihrer Songs?

Cave: Diese Wehmut war immer in mir, und Musik, die sie einfing, ging mir schon immer nahe. Die Texte von Countrysongs sprachen mich besonders an, sie erzählten von Sehnsucht, Drama, Tod, Trauer, Herzschmerz und all den anderen Leidenszuständen. Woher meine Vorliebe für alles Traurige ursprünglich kommt, kann ich Ihnen allerdings auch nicht sagen. Das beschränkt sich ja nicht nur auf Musik, meine ganze Grundausrichtung ist wehmütig.

ZEITmagazin: Passend zu Ihrer Melancholie, haben Sie und auch die Musiker der Bad Seeds schon immer schwarze Anzüge getragen. Stellen Sie damit auch Ihre Trauer zur Schau?

Cave: Ich wollte schon als ganz junger Mann in Anzügen herumlaufen. Anzüge waren für mich immer ein Ausdruck meiner Persönlichkeit, gleichzeitig aber auch eine Uniform, die ich bei der Arbeit anhabe. Der Außenwelt signalisiere ich mit meinen Anzügen, dass ich jemand bin, der arbeitet.

ZEITmagazin: Konnten Sie sich als Teenager einen Anzug leisten?

Cave: Nein, aber umso mehr sehnte ich mich nach einem. Ab und zu konnte ich etwas Geld für einen gebrauchten Anzug zusammenkratzen. Den ersten maßgeschneiderten Anzug leistete ich mir, als ich zwanzig war. Dabei habe ich nie Wert gelegt auf teure Sachen von Luxusschneidern, auch wenn ich sie mir heute leisten könnte. Meine Maßanzüge kosten nicht viel, erfüllen aber ihren Zweck.

ZEITmagazin: Ist man ein anderer Mensch, wenn man einen Anzug trägt?

Cave: Wenn ich einen Anzug trage, habe ich das Gefühl, dass ich dort angekommen bin, wo ich hinwollte. Anzüge transportieren mich an einen Ort, an dem ich mich ausdrücken darf. Anzüge stellen auch eine Form von Respekt für das eigene Schaffen dar, finde ich. (rückt mit dem Stuhl ab, blickt unter dem Tisch auf die Jeans seines Gegenübers und lacht) Tragen Sie immer Jeans zur Arbeit? Und Sportschuhe? Darin fühlen Sie sich wohl?

ZEITmagazin: Absolut.

Cave: Wenn Ihnen das gefällt, ist das doch wunderbar. Ich könnte so nicht herumlaufen.

ZEITmagazin: Nicht mal zu Hause?

Cave: Irgendwo habe ich so ein Sweatshirt. Wirklich. (lacht) Aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das zuletzt angezogen habe.

ZEITmagazin: Wenn Sie damit vor die Tür gehen würden, erkennt Sie kein Mensch.

Cave: Stimmt, das sollte ich mir merken. Aber Spaß beiseite, was sollte bequemer sein als ein Anzug? Warum sollte ich keinen Anzug tragen, wenn ich abends ins Kino oder in ein Restaurant gehe? Ich bin nicht so ein Typ, der sich nach der Arbeit einen Jogginganzug anzieht, mit einer Dose Bier vor dem Fernseher sitzt und sich ein Fußballspiel anschaut. Dabei schaue ich gerne Fernsehen und auch viel – nur eben im Anzug.

ZEITmagazin: Was schaut man denn so im Fernsehen, wenn man einen Anzug trägt?

Cave: Dokumentationen, Serien. Ich habe mir noch nie ein Fußballspiel angeschaut. Falls ich eines Tages doch noch Fußball gucken sollte, werde ich wohl keine Anzüge mehr tragen. Meine Anzüge signalisieren also auch, dass ich keine Sportsendungen im Fernsehen gucke.

ZEITmagazin: Sie wirken oft so ernst und konzentriert. Was tun Sie eigentlich, um sich zu entspannen? Spazieren gehen?

Cave: (lacht höhnisch) Tja, ich versuche tatsächlich immer mal wieder, spazieren zu gehen. Ist ja auch sehr schön hier in Brighton. (lacht laut) Allerdings wage ich mich lieber erst nach Sonnenuntergang vor die Tür, da hat man eher seine Ruhe. Wobei einer der vielen Vorteile von Brighton ist, dass man hier weitgehend in Ruhe gelassen wird. Ich werde zwar erkannt, aber respektvoll ignoriert. Ich gehöre hier einfach zum Mobiliar. Mich sprechen eigentlich immer nur Touristen an.

ZEITmagazin: Vor zehn Jahren sagten Sie anlässlich Ihres 50. Geburtstages, dass Sie spätestens mit 60 aufhören würden, weil es unmöglich sei, als Rockmusiker in Würde zu altern. Im Herbst werden Sie 60. Halten Sie Ihr Wort?

Cave: Vermutlich war ich da ziemlich betrunken. Was für ein Unsinn! Und sehen Sie sich vor, noch bin ich nicht 60. Bis zum Herbst ist es noch lange hin.

ZEITmagazin: Ist die Altersdebatte im Rock ’n’ Roll nicht sowieso längst hinfällig?

Cave: Eben, da hat sich alles geändert. Was mir in meiner Jugend alt erschien, geht nun als jung durch. Da muss man wohl die Rolling Stones, Van Morrison, Neil Young und Bob Dylan als Pioniere sehen. Die haben bewiesen, dass es möglich ist, in diesem Genre in die Jahre zu kommen, ohne seine Würde aufzugeben. Die sehen sich alle in der Tradition arbeitender Musiker ohne Altersbegrenzung. Warum sollten die aufhören?

ZEITmagazin: Die Musik wird im Alter leider nicht immer besser, oder?

Cave: Das ist vollkommen irrelevant. Es ist einfach inspirierend, zu sehen, dass so viele Musiker im fortgeschrittenen Alter noch in Studios gehen und Tourneen absolvieren. Sogar bis zu ihrem Tod, wie Lou Reed oder Leonard Cohen. Der war umwerfend bei seinen letzten Konzerten. So etwas bewundere ich.

ZEITmagazin: Der Schriftsteller Jonathan Lethem schrieb einmal über Sie, dass Ihre Stimme klinge wie die eines "Unsinkbaren". Verstehen Sie, was er damit meint?

Cave: Unsinkbar? Vielleicht. Gefällt mir gut. Trotzdem, ich muss lernen, noch stärker zu werden. Das ist nicht so einfach. Aber sonst überlebt man nicht. Und dann sinkt man, oder?

Hinter der Geschichte: Zwei Überraschungen bescherte Nick Cave unserem Autor. Das Gespräch fand nicht, wie bei Rockstars üblich, im Hotel statt, sondern daheim bei Cave. Und der erwies sich, ganz gegen sein Image, als äußerst umgänglich.

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