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Das war meine Rettung "Auch positive Erfahrungen können einen aus der Bahn werfen"

Die Popmusikerin Sonja Glass fühlte sich als Jugendliche heimatlos. In Hamburg fand sie ihr berufliches Glück Von
ZEITmagazin Nr. 19/2017

ZEITmagazin: Frau Glass, als Kind wollten Sie Dompteurin werden. Wie kam das?

Sonja Glass: Ich war ungefähr sechs Jahre alt und habe in Augsburg gewohnt, in unserer Straße hing ein Werbeplakat für einen Zirkus, das einen Löwen mit aufgerissenem Maul zeigte und eine Frau, die ihren Kopf hineinsteckte. Das erschien mir wahnsinnig mutig und hat mich fasziniert.

ZEITmagazin: Hatten Sie als Kind Mut nötig?

Glass: Ja, auf jeden Fall. Zu der Zeit haben sich meine Eltern getrennt.

ZEITmagazin: Wie sah Ihr Leben damals aus?

Glass: Die Trennung meiner Eltern hatte eine Art Chaos zur Folge, das sich eigentlich bis zum Ende meiner Jugend durchzog. Meine Mutter ist mit mir und meinen drei Geschwistern wenige Jahre später nach Hamburg gezogen, wir hatten wenig Geld, sie war alleinerziehend. Zu meinem Vater hatten wir fast gar keinen Kontakt mehr. Als ich 15 war, wurde meiner Mutter alles zu viel, und ich bin ausgezogen, weil ich nicht mehr bei ihr bleiben konnte. Meine Geschwister waren im Internat beziehungsweise in einer Pflegefamilie. Ich war also schon sehr früh auf mich alleine gestellt.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie damit zurecht?

Glass: Es war eine ziemlich schwierige Zeit. Ich habe mich heimatlos gefühlt. Ich war ja in einem Alter, in dem manchem Teenager morgens noch das Butterbrot geschmiert wird. Und wenn man dann plötzlich erwachsen wird und zurückschaut, fragt man sich, wie man das alles geschafft hat, ohne abzurutschen. Durch meine Geschichte habe ich aber natürlich sehr viel fürs Leben gelernt, und sicherlich hat mich diese Zeit auch sehr geprägt. Außerdem hatte ich schon damals die Musik, die sich wie eine Konstante durch mein Leben zieht.

ZEITmagazin: Wie hat die Musik geholfen?

Glass: Als ich ungefähr zwölf war, habe ich begonnen, Cello zu spielen. Zum einen hat mich das abgelenkt, zum anderen habe ich das Spielen auch immer sehr genossen. Außerdem hat mir die Musik eine Struktur gegeben, einen Platz in der Welt, einen Inhalt und ein Ziel. Ich habe viel im Orchester gespielt und sehr viel Zeit mit Üben verbracht, ich wollte ja Cello studieren. Die Musik hat mir Halt gegeben, der mir sonst oft gefehlt hat.

ZEITmagazin: Trennungskinder haben oft mit mangelndem Selbstwertgefühl zu kämpfen. Hat die Musik Sie auch selbstbewusster gemacht?

Glass: Ich denke schon. Ich bin mir meiner Stärke bewusst geworden. Ich musste ja früh Verantwortung für mich selbst übernehmen. Vor allem aber hat die Musik mir Kraft und Zuversicht gegeben.

ZEITmagazin: Ihre musikalische Karriere verlief auch nicht störungsfrei.

Glass: Nein. Mit Anfang 20 habe ich ein E-Bass-Studium in den Niederlanden begonnen. Nach drei Jahren habe ich festgestellt, dass ich das Studium nicht beenden möchte, und bin zurück nach Hamburg gegangen, weil ich Popmusik machen wollte, selbst Stücke schreiben, kreativ sein, eine Band haben. Ich habe viel rumprobiert und vom Bassspielen gelebt, bis ich dann das große Glück hatte, in Hamburg Valeska zu treffen.

ZEITmagazin: Aber auch als Duo war der Start holprig, Absagen von Plattenfirmen inklusive. Hat es geholfen, dass Sie nicht allein waren?

Glass: Und wie! Wenn man zu zweit ist, hat man einen ganz anderen Stand. Wenn eine mal schlappmachte, konnte die andere sie mitreißen. Aber auch in positiven Situationen hilft es, zu zweit zu sein. Es gab Phasen, in denen alles Schlag auf Schlag ging, ich kam gar nicht mehr mit: Der Erfolg des ersten Albums, Touren in den USA, Konzerte in Japan – es ist schön, wenn man so etwas mit jemandem teilen kann, der ganz genau weiß, wie sich das gerade anfühlt. Auch positive Erfahrungen können einen ja aus der Bahn werfen.

ZEITmagazin: Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten, um Ihrem jüngeren Ich Mut zu machen, in welche Lebensphase würden Sie reisen?

Glass: In die Zeit, als ich 20 war, bevor ich mein Studium begonnen habe. Ich würde der jüngeren Sonja sagen, sie könne sich entspannen, alles würde gut werden. Auch wenn es absurd klingt, aber mit 20 war ich in gewisser Weise orientierungsloser als mit 15. Als Jugendliche war ich eher im Überlebensmodus, hatte eine gewisse Klarheit, ein Ziel und eine Aufgabe. Ich wusste, wenn ich einen Schritt vor den anderen setze, erreiche ich das Ende des Tunnels. Mit 20 fehlte mir das völlig, ich wusste nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Erst die Entscheidung, Musik zu studieren, hat mir eine Marschrichtung vorgegeben.

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