The Embassy Singers My dear Mister Gesangsverein

Für die Berliner Embassy Singers ist ihre wöchentliche Probe in der Britischen Botschaft ein Stück Heimat. Warum werden viele von ihnen trotzdem jetzt Deutsche? Von
ZEITmagazin Nr. 19/2017

Es ist dunkel geworden im Regierungsviertel, als sich Andrew Sims ans Klavier in der Kantine der Britischen Botschaft setzt. Er krempelt die Ärmel seines blassgelben Hemdes hoch, rückt die ovale Brille zurecht und zählt bis drei, dann stimmen gut 30 Sänger ein: "No man is an island entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main." Zu Deutsch: "Niemand ist eine Insel, so ganz für sich; jeder ist ein Stück vom Kontinent, ein Teil vom Festland."

So erklingt es in der um diese Zeit schon stillen Botschaft, einige Monate nach dem Beschluss der Briten, die Europäische Union zu verlassen. Jeden Mittwoch probt hier der englischsprachige Kammerchor The Embassy Singers, die Botschaftssänger. "Das ist der britische Sauerstoff, den ich regelmäßig brauche", sagt Chorleiter Sims, der seit 30 Jahren in Deutschland lebt. Auf den Fluren vor dem Probensaal ist es dunkel, drinnen grüßt die Queen von der Wand, gegenüber hängt das britische Wappen mit dem Motto des englischen Hosenbandordens – ganz europafreundlich schon 1348 auf Französisch verfasst: Honi soit qui mal y pense. "Ein Schuft, wer Böses dabei denkt."

Und so ist das auch mit den Liedern, die der Chor an diesem Abend probt. Es sind keine Hymnen auf Theresa Mays Europa-Politik. Aber man sollte No Man Is an Island auch nicht als Anti-Brexit-Song verstehen. Der Text des Liedes ist 400 Jahre alt und stammt vom englischen Dichter John Donne – offenbar ein früher Europa-Freund. Es ist Teil eines Friedenskonzertes, das der Chor zum 60. Jahrestag der Römischen Verträge, der Ur-Verträge zur EU, Ende März gegeben hat. Auch im Programm: What a Wonderful World und O Peaceful England. Chorleiter Sims möchte das als Bekenntnis zur EU verstehen, im Juni werden sie mit dem Programm auch in England auftreten. Also doch ein bisschen Provokation. "Es ist eine Errungenschaft, dass in Europa seit 70 Jahren Frieden herrscht", sagt Sims. "Die EU hat entscheidend dazu beigetragen." Das letzte Mal waren Friedenslieder vermutlich in den sechziger Jahren so politisch.

Die Embassy Singers haben unterschiedlichste Auftritte, neulich sangen sie in der Stadtmission für Obdachlose, manchmal singen sie auch auf Empfängen der Botschaft, 2011 zum Beispiel aus Anlass der Hochzeit von Prinz William und Kate. Der Chor wurde in den achtziger Jahren in Bonn von einer britischen Diplomatin als Freizeitchor für ihre Kollegen gegründet, damals hieß er noch British Embassy Choir. Andrew Sims übernahm die Leitung 1990. Nach dem Umzug nach Berlin gründete er den Chor gemeinsam mit einem Botschaftsmitarbeiter neu, unter dem Namen The Embassy Singers. Seit 2000 probt der Chor im neuen Botschaftsgebäude, die Mitglieder müssen aber keine Mitarbeiter der Botschaft sein. Ganz so britisch sind die Embassy Singers seit der Entscheidung für den Brexit ohnehin nicht mehr. Fast könnte man sagen, aus dem einstigen British Embassy Choir wurde innerhalb weniger Monate ein deutscher Sängerchor. Von den 20 gebürtigen Briten im Chor sind mittlerweile fast alle Deutsche, oder sie warten darauf, bis sie lange genug hier sind, um es werden zu können – acht Jahre ist die Frist. Die gebürtigen Briten sind die größte Gruppe bei den Embassy Singers, neben Amerikanern, Kanadiern und zehn gebürtigen Deutschen.

Kaum ein Thema ist unter den 100.000 Briten hier in Deutschland so wichtig wie der Brexit. Damit verbunden ist eine Frage, die unter Briten in diesen Wochen dauernd gestellt wird: "Und wann wirst du Deutscher?" Der BBC-Korrespondent für Deutschland schrieb kürzlich: "Die meisten stellen entweder einen Einbürgerungsantrag oder zählen die Tage, bis sie ihn stellen können." Deutschland bekommt ganz unverhofft eine große Anzahl neuer Staatsbürger. Wie viele genau, darüber gibt es keine Gesamtstatistik. Aber in Hamburg, München und Berlin haben sich die Einbürgerungsanträge von Briten in den letzten Monaten mehr als verfünffacht. In Hamburg ließen sich 2016 beispielsweise 280 Briten einbürgern, in Berlin über 500. Das Ja zum Austritt aus der EU hat auch unter den Embassy Singers eine große Verunsicherung ausgelöst, so groß, dass sich einige zufällig auf dem Einbürgerungsamt begegneten.

Einige, die noch keine Deutschen sind, zählen die Tage, bis sie einen Antrag auf Einbürgerung stellen dürfen

Europa wandelt sich gerade fundamental. Das, womit Europäer in den letzten Jahrzehnten aufgewachsen sind, ihre Identität als Bewohner eines Kontinents fast ohne Grenzen, in dem man frei entscheiden kann, ob man Rom, London oder Bukarest sein Zuhause nennen will, steht plötzlich auf dem Spiel. Und für junge Briten ist es bald vorbei. Oder wie Ruth Watson, eine der Sopranstimmen im Chor, sagt: "Die Welt ist verrückt geworden."

Ruth Watson ist Übersetzerin in einem Bundesministerium, genau wie Chorleiter Andrew Sims. Sie heißt eigentlich anders und bittet darum, ihren richtigen Namen nicht zu nennen, weil sie nicht gern in der Öffentlichkeit steht. In den 20 Jahren, die sie nun in Deutschland lebt, musste sie sich nie damit auseinandersetzen, welchen Pass sie hat. Watson ist seit Kurzem nicht nur deutsche Staatsbürgerin – sie beschloss gleich am Tag nach dem Referendum, sich einbürgern zu lassen –, sondern auch deutsche Beamtin. "Deutscher geht es nicht mehr", sagt sie, "aber trotzdem fühle ich mich immer noch als Engländerin." In den letzten Monaten fragte sie sich oft, wer oder was sie nun eigentlich ist. "Es ist so traurig, dass es in Europa wieder notwendig ist, sich über seine Nationalität und damit seine Identität Gedanken zu machen!", sagt sie. Das Ganze hat aber auch komische Seiten – wenn sie sich mal wieder lustig macht über "die Deutschen" und ihr dann einfällt, dass sie jetzt selbst eine ist.

Vier Monate dauerte es, bis sie die Einbürgerungsurkunde in Händen hielt. Einen Sprachtest musste die Übersetzerin nicht absolvieren, wohl aber den Einbürgerungstest, einen Multiple-Choice-Test, bei dem 33 Fragen beantwortet werden müssen, mindestens 17 davon richtig. "Was bezahlt man in Deutschland automatisch, wenn man fest angestellt ist?" Oder: "Wie heißt Deutschlands heutiges Staatsoberhaupt?" Ruth Watson bestand mit 32 von 33 Punkten.

Man merkt ihr beim Mittagessen am Potsdamer Platz noch immer die Wut über das Referendum an. Die 41-Jährige, braune halblange Haare, blasse Haut, hört dann auf zu essen, legt die Gabel zur Seite und verzieht ihr Gesicht, als habe sie gerade in ein Stück Zitrone gebissen. "Der Referendum war eine Abstimmung gegen den damaligen Premier Cameron, eine Protestwahl. Die Brexit-Befürworter machten Versprechungen, die sie niemals halten können. Wenn es um etwas gegangen wäre, das nur vier oder fünf Jahre Bestand hat, wäre das egal gewesen. Aber es geht um das Schicksal von Generationen. Cameron hätte dieses Referendum nie durchführen dürfen." Das, womit sie selbstverständlich aufgewachsen sei, werde englischen Kindern nun vorenthalten, sie könnten nicht mehr so einfach in den übrigen europäischen Ländern studieren oder arbeiten. "Das Leben, wie ich es geführt habe, könnte meine Tochter nicht mehr führen."

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