Gesellschaftskritik Über Verfolgungsjagden

© Toby Melville/Reuters
ZEITmagazin Nr. 19/2017

Sehr oft liest man von Schauspielern, die sich im wahren Leben nicht ganz so löblich verhalten wie im Film. Von Til Schweiger also zum Beispiel. Ganz selten nur liest man hingegen, dass ein Schauspieler, der im Film ein Held ist, sich auch im Leben als einer erweist. Was auch damit zu tun hat, dass im Film viel öfter als in Wirklichkeit Aliens die Erde angreifen und diese vor ihnen gerettet werden will. Handtaschendiebstähle kommen zwar im echten Leben oft vor, aber wann hat man schon mal das Glück, einen zu sehen und aufzuklären? Diebe sind nämlich missgünstige Charaktere, in ihrer Kindheit ging etwas schief, deshalb können sie anderen den Triumph nicht gönnen, sie zu stellen.

Der Schauspieler Tom Hardy ist bekannt aus Mad Max und The Dark Knight Rises. Kaum hat er sich selbst ins Gespräch gebracht als Kandidat für den nächsten James Bond, ist ihm so eine seltene Heldentat gelungen. Er ist in London einem Mopeddieb nachgerannt, hat ihn gepackt, angeblich sogar nach Waffen abgetastet, schließlich seine Papiere überprüft und ihn dann der Polizei übergeben.

Jeder Mann, der das liest, wird dabei blasser vor Neid, als wenn er von den Häusern liest, die sich berühmte Schauspieler leisten können. Selbst in dem muskelärmsten Mann schlummert nämlich ein Mann, der wenigstens einmal ein bisschen was Böses besiegen möchte. Auch Journalisten und Start-up-Mitarbeiter haben solche Träume, und wie groß ist wohl die Sehnsucht eines Schauspielers, der seit Jahren immer mal wieder Helden spielt, ohne je einer zu sein. Womöglich hat da in London, seien wir ruhig pathetisch, ein Leben seinen Sinn erfahren, ganz egal, was jetzt noch kommt. Es ist so schön, als habe ein Pornodarsteller endlich einmal Sex mit jemandem, den er liebt. Mopeddiebstähle werden viel zu selten auf diese Weise gelöst, sodass sich kaum sagen lässt, ob Heldenschauspieler, statistisch gesehen, öfter Diebe nach Verfolgungsjagden schnappen als Start-up-Mitarbeiter. Das wird aber schon der Fall sein. Tom Hardy wusste, was zu tun war, er kannte die Handgriffe, er musste nicht groß nachdenken. Sobald man nämlich auf Verfolgungsjagd nur an den Grundschullehrerinnensatz denkt, man solle nicht den Helden spielen, ist es aus und vorbei. Man muss den Helden spielen, sehr oft. Um dann einer sein zu können.

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