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Das war meine Rettung "Ich war sehr größenwahnsinnig"

Volker Schlöndorff über den Pater, der ihn förderte und die Mutter, die zu früh starb und ihm ein Schutzengel ist. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 19/2017

ZEITmagazin: Herr Schlöndorff, Sie sind mit 16 Jahren auf ein Internat in Frankreich gegangen. Wie kam es dazu?

Volker Schlöndorff: Da war dieser Zettel am Schwarzen Brett: "Drei Monate Frankreichaufenthalt, um Französisch zu lernen in einem Internat". Dieser Zettel hat in meinem Leben eine große Wendung ausgelöst. Ich ging damals auf ein Gymnasium in Wiesbaden. Eigentlich wollte ich die Schule verlassen, ich fand sie ätzend. Außerdem wollte ich einem Konflikt mit meinem Vater entgehen: Er wollte unbedingt, dass ich studiere, ich aber wollte zum Film. Ich musste raus aus meinem Elternhaus. Meine Rettung war dieser Zettel: ab nach Frankreich!

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Bedenken, so weit weg von der Familie zu sein?

Schlöndorff: Ich wollte einfach weg. In eine andere Kultur abtauchen, obwohl ich nicht mal Französisch in der Schule hatte. Ich bin in ein sehr fortschrittliches Jesuiteninternat in der Bretagne gekommen. Père Arnaud de Solages, der Deutschlehrer, sollte mir Französisch beibringen. Dort gab es Schülergruppen, die nach Hobbys geordnet waren. Der Zufall wollte es, dass Père Arnaud auch Leiter der Gruppe "Film und Theater" war, so bin gleich in der ersten Woche zur Theaterprobe.

ZEITmagazin: Sind Sie mit dem Leben in der Fremde klargekommen?

Volker Schlöndorff

78, ist Regisseur und Drehbuchautor. Er verfilmte berühmte Bücher wie Die Blechtrommel, Die verlorene Ehre der Katharina Blum und Homo Faber. Sein neuester Film Rückkehr nach Montauk ist vom 11. Mai an in den Kinos zu sehen.

Volker Schlöndorff: Ja, die Sprache zu lernen hat mir Spaß gemacht, ich habe alles aufgeschnappt wie ein Papagei. Nach drei Monaten war mir klar: Wenn ich bleibe, kann ich nächstes Jahr das französische Abitur machen. Mein Vater wollte das nicht, er hatte im Ersten Weltkrieg noch gegen den französischen Erzfeind gekämpft. Dann hat der Pater es auf sich genommen und ist mit mir nach Wiesbaden gefahren, um meinen Vater zu überzeugen, dass mehr in mir steckt. Ich durfte nach Frankreich zurück.

ZEITmagazin: Wie hat Ihr Vater reagiert?

Schlöndorff: Er war zwar beunruhigt, aber immerhin war er auch sehr stolz, dass er auf einmal einen Französisch sprechenden Sohn hatte, und sagte: Jetzt musst du Diplomat werden. Ich sagte: Ich habe Französisch gelernt, um auf die Filmschule in Paris zu gehen. Dieser Konflikt mit meinem Vater ist nie aufgelöst worden – er war einerseits stolz auf meine Unabhängigkeit, andererseits hat er versucht, meinen Film Der junge Törless zu verhindern. In dem Film geht es um einen Jungen, der Opfer sadistischer Quälereien seiner Mitschüler wird. Mein Vater dagegen meinte, dass es um "Arschfickerei" gehe, so sein Ausdruck als Arzt. Meine Verfilmung der Blechtrommel fand er auch scheußlich. Den Erfolg hat er aber gefeiert. Unser Verhältnis war ein sehr zwiespältiges.

ZEITmagazin: Wie kamen Sie mit seiner verletzenden Kritik klar?

Schlöndorff: Ich habe nie dieses Bedürfnis gehabt, etwas zu tun, damit mein Vater stolz auf mich sein kann. Ich wollte mir immer nur selbst was beweisen. Ich war sehr größenwahnsinnig.

ZEITmagazin: Sie haben mit fünf Jahren Ihre Mutter verloren, sie starb 1944 bei einem Küchenbrand. Wie hat Sie das geprägt?

Schlöndorff: Den Verlust habe ich bis heute nicht überwunden, weil ich in jeder Frau immer noch diese schöne, liebevolle Mutter suche, in die ich damals verliebt war und die plötzlich von einem Tag auf den anderen weg war. Deshalb hat mir die Familie danach nie so viel bedeutet: weil die Hauptperson fehlte.

ZEITmagazin: In Ihrer Biografie schreiben Sie: "Mutti ist mein Schutzengel, der mir mehrmals das Leben gerettet hat." Was meinen Sie damit?

Schlöndorff: Es ist meine Überzeugung, dass Mutti oben im Himmel ist und jeden Schritt beobachtet. Wenn ich als Kind etwas gut gemacht hatte, dann bin ich den Waldweg entlanggehüpft und war überzeugt, sie schaut mir zu. Ich hatte auch oft Glück, etwa als ich fünf Meter vom Dach stürzte oder als ich im Schwimmbad am Beckenrand auf dem Beton ausgerutscht bin und bewusstlos im Wasser lag. Alle haben immer gesagt, da kannst du nur einen Schutzengel gehabt haben.

ZEITmagazin: War Ihr aktueller Film Rückkehr nach Montauk der Versuch, sich selber näherzukommen?

Schlöndorff: Ich habe mich in dem Film sehr entblößt, und mir ist klar geworden: Du bist ein hoffnungsloser Fall. Darüber habe ich lachen können, bis dahin konnte ich nur darüber weinen. Bis ich dreißig wurde, auch schon in der Tanzstunde, haben die Frauen einen Bogen um mich gemacht, obwohl ich nicht schöner und nicht hässlicher als andere war. Die Frauen haben gleich verstanden, der Typ ist so in sich verkapselt, man kommt an ihn gar nicht ran, das habe ich im Nachhinein verstanden. In diesem Film wird der Mann in seiner ganzen Schwäche dargestellt, er kann sich nicht öffnen und ist in sich gefangen, aber mir ist er trotzdem sympathisch, sonst müsste ich mir selbst unsympathisch sein.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Ijoma Mangold, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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