Das war meine Rettung "Für mich sind Krisen wie Etappen im Leben"

Die Biennale-Chefin Christine Macel brach die Elitehochschule ab und zog auf eine Insel. Von
ZEITmagazin Nr. 20/2017

ZEITmagazin: Frau Macel, Sie sind seit dem Jahr 2000 Kuratorin des Centre Pompidou in Paris und leiten nun die 57. Biennale in Venedig. Wann haben Sie bemerkt, dass Kunst Sie bewegt?

Christine Macel: Ich habe schon sehr früh die bildende Kunst für mich entdeckt. Als kleines Kind ging ich oft in Museen. Ich bin in einem kulturellen Umfeld aufgewachsen. Mein Vater, ein Architekt, interessiert sich für afrikanische Kunst, und meine Mutter ist Kunsthistorikerin. Mit acht Jahren war ich bei der Eröffnung des Centre Pompidou, und ich kann mich sogar noch an die Kunstwerke erinnern, die damals ausgestellt waren. Es war ein Ereignis, das ich nie vergessen werde.

ZEITmagazin: Was hat Sie damals als junges Mädchen besonders inspiriert?

Macel: Die zeitgenössische Kunst, ein wahrer Freiheitsraum. Ich besuchte damals einen Kinderkurs am Louvre, wo neben der alten ägyptischen auch griechische Kunst zu sehen war. Ich aber hatte eine klare Vorstellung, was ich machen wollte, und das war moderne Kunst. Ich erinnere mich genau an das Gefühl, das ich hatte, als ich das Kunstwerk Chopin’s Waterloo vom Objektkünstler Arman im Louvre sah. Ich dachte oh, là, là!, man kann ein Klavier zerstören und es auf eine rote Leinwand setzen, das hat mich wirklich berührt.

ZEITmagazin: Ihr Leben scheint bilderbuchartig verlaufen zu sein. Hatten Sie niemals eine Krise?

Macel: Oh, ja doch, die Krise kam, als ich 17 war. Ich bereitete mich in der zweiten Jahrgangsstufe auf die Aufnahme an einer Elitehochschule vor. Kurz vor Abschluss der zweijährigen Vorbereitung wurde es mir einfach zu viel. Für mich war die Last einfach zu groß, weil ich zum damaligen Zeitpunkt nicht wusste, was ich wirklich wollte. Ich aber habe gesagt, ich kann nicht mehr. Man sagte mir, aber Christine, du bist derart genial, Prüfungen sind doch kein Problem, aber das war nicht, was ich wirklich machen wollte. Ich habe meinen Koffer gepackt und die Schule verlassen.

ZEITmagazin: Braucht es nicht eine Menge Mut für eine derartig konsequente Entscheidung?

Macel: Für mich war es nicht eine Frage von Mut, ich konnte einfach dieses Gefühl, eingesperrt zu sein, nicht mehr ertragen. Ich habe dieses Erziehungssystem, in dem man nur das Hirn vollstopft, und diese Wettbewerbe, die so typisch für die Bildungskultur in den höheren Klassen sind, ganz und gar abgelehnt. Es war ein bewusster Verzicht auf ein Symbol, das für Erfolg steht. Am Anfang dachte ich, ich würde auf Gleichgesinnte treffen, die meine wahre Leidenschaft für die Literatur teilen, es war aber nur reines Pauken und Auswendiglernen, einfach grauenvoll. Es gab keine Diskussionen, keinen Austausch. Es ging nicht darum, offen zu denken, sondern sich an das System anzupassen. Ich konnte das absolut nicht, ich war doch erst 17 Jahre alt.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Macel: Meine Eltern haben meine Entscheidungen immer unterstützt und mir nie etwas vorgeworfen. Sie sagten mit keinem Wort, dass ich es schaffen oder mir etwas misslingen werde, sie ließen mich einfach machen. Ich habe mich nach meinem Abgang der Form halber zwar an der Uni eingeschrieben, aber meine wahre Absicht war, einfach das zu tun, worauf ich Lust hatte. Meine Eltern haben akzeptiert, dass ich dieses Zwangssystem verlasse, um eigenständig das wahre Leben zu entdecken.

ZEITmagazin: Und was haben Sie an der Uni gemacht?

Macel: Gefeiert. Ich hatte mich an der Universität für das Fach moderne Literatur eingeschrieben, aber statt hinzugehen, habe ich mich amüsiert. Es ging darum, aus einem starren System auszusteigen, meine Freiheit in die Hand zu nehmen, um herauszufinden, was ich wirklich wollte, um die Welt kennenzulernen. Ich habe mich dann in einem kleinen Apartment in Paris eingerichtet, danach ging ich nach Formentera; auf der Balearischen Insel konnte man damals ganz ohne fließendes Wasser, ohne Elektrizität leben. Heutzutage ist dort alles anders.

ZEITmagazin: Gehören Krisen vielleicht einfach auch dazu?

Macel: Für mich sind Krisen wie Etappen im Leben. Ich habe den Eindruck, dass Krisen uns Menschen neue psychologische und spirituelle Dimensionen eröffnen. Ich bin jetzt da, wo ich sein will, und ich habe mir nie gesagt, ich sollte die Richtung wechseln. Es ist ganz wichtig, der Person, die man ist, zu folgen, auf seine Intuition und auch auf seine eigenen Bedürfnisse zu hören, die eigenen Wünsche ernst zu nehmen. Es gibt Menschen, die existieren, ohne zu leben. Seine Bedürfnisse bejahen bedeutet sich weigern, ein Leben ohne Leben zu führen. Ohne Glück, Befriedigung und Vergnügen geht es einfach nicht.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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Genuß ist eine Frage der Phantasie. (Zitat M. Ronner). Völlig egal, was auch immer man/frau genießt. Es hat keine Relevanz, ob man "glücklich" ist, was immer das auch sein mag. Zufriedenheit ist gleichwohl ein Zustand, der ein Lebensgefühl beschreibt. Ob im Beruf oder privat, in einer Beziehung/Ehe/Partnerschaft, als Familie oder auch als Single. Geld mag einem da vieles erleichtern, wirklich notwendig ist es doch eigentlich nur, um die Grundbedürfnisse abzudecken. Ein bemerkenswerter Weg, den die Dame eingeschlagen hatte, toll! Nicht jeder vermag das zu tun, nicht jeder sieht die eigene Kraft, aus welchen Gründen auch immer. Und man/frau sollte nie jemanden für den eigenen Weg vorverurteilen, bevor man/frau nicht die richtigen Fragen gestellt hat.