Ich habe einen Traum Fahri Yardim

"Ich bin ein klassisches Dazwischen-Kind, aufgewachsen in zwei Welten"
ZEITmagazin Nr. 20/2017

In einem wiederkehrenden Traum stehe ich am Strand und sehe eine riesige apokalyptische Welle am Horizont auf mich zu kommen. Ich bin wie gelähmt und frage mich, ob ich vor ihr weglaufen oder durch sie hindurchtauchen soll. Unfähig, eine Entscheidung zu treffen, bleibe ich stehen. Kurz bevor die Welle über mir bricht, wache ich auf.

Mit klarem Verstand betrachtet sind natürlich beide Optionen wenig sinnvoll: sowohl vor der Welle davonzurennen als auch durch sie hindurchzutauchen. Aber stehen bleiben?

Doch genau dieser Moment beschäftigt mich besonders. Dieses Dazwischensein. Es scheint Ausdruck eines außenstehenden Lebens zu sein.

Ich bin ein klassisches Dazwischen-Kind: ein Trennungskind, ein Migrantenkind, aufgewachsen in zwei Elternhäusern, in zwei Welten. Entscheidungen fallen mir schwer, Identität ist eine verwaschene Suche, Eindeutigkeiten sind mir fremd. Es ist ein lähmender Zustand: nicht dazuzugehören – weder zu denen, die vor der Welle weglaufen, noch zu denjenigen, die sich ihr entgegenstellen.

Schon meine Jugend offenbart im Nachhinein diese Zerrissenheit. Ich hörte Musik, die als rebellisch galt, und kokettierte mit einem gewissen Weltschmerz. Gleichzeitig hörte ich heimlich Kuschelrock. Ich mochte poetische Selbstzerstörer wie Kurt Cobain und Jim Morrison, aber ein heimliches Babe von Take That war seicht genug, mich zu besänftigen.

Wo aber gehörte ich hin? Das Schultheater bot eine erste Zuflucht für die widerstrebenden Anteile. Die Anerkennung, die ich beim Spiel mit unterschiedlichen Identitäten erfuhr, wies mir den Weg zu einem Raum für meine innere Vielfalt.

Der wahre Erweckungsmoment kam dann, als ich 16 war und Moritz Bleibtreu in Knocking on Heaven’s Door sah, in der Rolle eines Gangsters namens Abdul. Die Zwischenwelt bekam ein Gesicht. Da klang einer wie die Schwarzköpfe von Hamburgs Straßen, da durfte einer klingen wie ich! Der deutsche Film wurde so für mich zu einem Sehnsuchtsort für das Dazwischensein.

Es dauerte allerdings noch eine Weile, sich von flachen Figuren wie Taxifahrern, Gemüsehändlern und Kleinganoven zu emanzipieren. Die Überbetonung des Herkunftslandes meiner Eltern in meinem künstlerischen Schaffen empfand ich zunehmend als Unverschämtheit. Es war dann allerdings ausgerechnet der deutsch-türkischste deutsche Film, der mich aus der Enge des Stereotyps befreite: Mit Almanya – Willkommen in Deutschland begannen auch für mich neue Entfaltungsmöglichkeiten. Der Film wurde für mich von da an zu einer Welle, die mich mitnimmt und mir doch immer wieder erlaubt, durch sie hindurchzutauchen.

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