Harald Martenstein Über Toleranz

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ZEITmagazin Nr. 20/2017

Der Innenminister hat kürzlich diesen Zehn-Punkte-Katalog zur deutschen Leitkultur vorgelegt. Thomas de Maizière möchte sagen, was Deutschland im Innersten ausmacht und an welchen Werten Zuwanderer sich orientieren sollten. Falls sie es nicht tun, wird, so der Minister, "Integration wohl kaum gelingen". In der Liste enthalten sind zum Beispiel "Allgemeinbildung" sowie "der Leistungsgedanke".

Ich kenne jede Menge Deutsche mit einem vermutlich tausendjährigen germanischen Stammbaum, deren Allgemeinbildung sich in einem ähnlichen Zustand befindet wie die Ruinen von Palmyra. Viele Leute, die ich kenne, lehnen den Leistungsgedanken ab, die kann man doch nicht alle ausweisen. Die nimmt sowieso keiner. Den Leistungsgedanken abzulehnen ist irgendwie ein Grundrecht, fürchte ich. Die Gedanken sind frei. Außerdem wird gerade im deutschen Schulsystem der Leistungsgedanke seit ein paar Jahren immer skeptischer gesehen. Statt Wissen, also Allgemeinbildung, sollen die Schulen nur noch "Kompetenz" vermitteln, gemeint ist vermutlich die Kompetenz, Bildung vorzutäuschen.

Wie also soll ein Zuwanderer in Deutschland überhaupt an Allgemeinbildung herankommen? Das ginge höchstens im Untergrund oder in Bayern. Jeder, der ein bisschen Allgemeinbildung hat, weiß, dass Allgemeinbildung bei uns als überholt, ungerecht und elitär gilt. Ich glaube deshalb, bei allem Respekt, dass es bei Thomas de Maizière Lücken in der Allgemeinbildung gibt. Sonst wüsste er, dass er Unmögliches fordert. Die Integration dieses Ministers wird, falls seine eigenen Kriterien stimmen, folglich wohl kaum gelingen.

De Maizière schreibt auch, man solle ein "aufgeklärter Patriot" sein, der "sein Land liebt". Man solle als Neubürger sogar die "Westbindung Deutschlands" befürworten. Das ist doch alles eine Meinungsfrage und Privatsache. Ich finde, jeder Mensch darf leben, wie er will, und denken, was er will. Die Leute sollen sich an die Gesetze halten und versuchen, ein bisschen nett zu sein. Mehr will man doch gar nicht. Was Integration betrifft, wünsche ich eigentlich nur, dass ich leben darf, wie ich will. Ich habe zum Beispiel diesen Hund. Wenn Pakete ankommen, gibt der Bote das Paket manchmal in einem bestimmten Elektroladen ab. Da darf ich mit dem Hund nicht mehr rein, weil der Besitzer strenggläubiger Muslim ist. Vorm Laden kann man den Hund nirgends anbinden. Der Mann weigert sich sogar, mir das Paket nach draußen zu bringen. Ich muss draußen warten, bis sich ein Kunde erbarmt, meistens ein Ungläubiger, und mir das Paket bringt. Im Schreibwarenladen ist es seit einiger Zeit das Gleiche. Ich muss jetzt weiter laufen, zu einem christlichen Laden. Eine Kleinigkeit, klar. Aber ich finde die großkotzige Haltung, die da ihren Ausdruck findet, extrem unangenehm und nicht nett. In Ankara wurde jetzt der französische Botschafter zur Ordnung gerufen, weil er sich bei einem offiziellen Event unislamisch hingesetzt hat, mit überschlagenen Beinen. Da sieht man die Schuhe zu sehr. Schuhe sind unrein, wie Hunde.

Ich finde, wer Toleranz fordert, muss auch selber welche zu bieten haben. Natürlich würde ich, wenn ich einen Besuch im islamischen Kulturzentrum plane, meinen Hund zu Hause lassen. Ich ziehe in der Moschee natürlich die Schuhe aus. Aber im öffentlichen Raum will ich mich nicht anpassen. Ich verlange von niemandem, sich in eine "Leitkultur" zu "integrieren", nach meinen Vorstellungen zu leben oder die Westbindung zu befürworten. Aber die Freiheit, die ich anderen gern zubillige, verlange ich auch für mich und meinen Hund.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Auch mich befällt oftmals eine gewisse Ideenlosigkeit, wenn ich "meine Kultur" im Ausland definiere (zur Erklärung: ich lebe viel in China). Ganz besonders, weil ich Österreicher bin, und ganz und gar nicht über Sissi, Mozart, Christentum und Neujahrskonzert definiert werden möchte. Was bleibt, ist neben dem Teint die deutsche Sprache, Aodili und Deguo werden in der Ferne sowieso kaum auseinandergehalten.
Ich versuch's mal: Handschlagqualität, Ehrlichkeit, Toleranz... aber da komme ich schon ins Wunschdenken. Vielleicht das: "Was du nicht willst, was man dir tut, das füg' auch keinem Ander'n zu"? Und schon wieder ein Allgemeinplatz...