Natur Draußen sein

© Benoit Paillé
Was braucht der Mensch zu seinem Glück? Beziehungen, Arbeit und – die Natur. Die ist so selbstverständlich, dass die Wissenschaft ihren Einfluss fast übersehen hätte. Aber nur fast. Eine Forschungsreise zu den Wurzeln des Wohlbefindens. Von
ZEITmagazin Nr. 20/2017

Wenn ich dort bin, bin ich glücklich – hört man sich um, in der Familie, unter Freunden, Kollegen, Zufallsbekanntschaften, fällt allen spontan ein Ort ein, auf den dieser Satz passt. Und fast immer liegt er draußen: im Wald, auf dem Gipfel eines Berges oder am Meer. Einige verorten ihr Glück ganz konkret – im Schatten eines Walnussbaumes, auf einer ganz bestimmten Düne in Dänemark, an einem verwunschenen Uferflecken des Schaalsees ("und schreib bloß nicht, wo genau!"). Andere finden es auf einem Pferd, unter den Sternen, beim Beobachten der Vögel, beim Wühlen im Boden mit bloßen Händen.

Schon der Moment, in dem die Frage ins Bewusstsein sackt, verrät etwas darüber, was Draußensein mit Menschen macht: Sie atmen tief ein und lang aus.

Ein paar Stimmen nur, eingefangen zu Beginn dieser Recherche. Nicht verkehrt die Vermutung, hier habe eine Naturfreundin vor allem ihre Naturfreunde gefragt, andererseits – ganz Deutschland scheint ein Volk von Naturliebhabern zu sein. Laut einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Bundesregierung gehört für 94 Prozent der erwachsenen Deutschen die Natur zu einem guten Leben.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) meldet wachsende Mitgliederzahlen, ebenso der Deutsche Alpenverein, und wer heute von Natur erzählt, trifft einen Nerv. Man muss nicht in Hümmel wohnen, um Peter Wohlleben zu kennen, er ist der Förster dieser Eifel-Gemeinde. Sein Buch über Das geheime Leben der Bäume hat regelrecht Wurzeln geschlagen in den Bestsellerlisten. Außerdem in den Top Ten: Die Geschichte der Bienen, Wohllebens Titel Das Seelenleben der Tiere oder Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur von Andrea Wulf.

Die Farbe des Jahres 2017, gewählt vom amerikanischen Farbenentwickler Pantone LLC: Greenery. Ein intensives, leuchtendes Apfelgrün.

Dies ist keine Trendgeschichte! Mensch und Natur – gibt es ein älteres Thema? "Erst unterm Blätterhimmel", schrieb der Romantiker Ludwig Tieck, "wird der Mensch zum Menschen." Und Walden – der Name eines jungen Outdoormagazins – ist nicht etwa ein neues Verb (obgleich der Verlag darauf setzt, man könne ihn zur Not auch so verstehen), sondern gleichzeitig der Titel eines über 160 Jahre alten Kultbuchs von Henry David Thoreau, Amerikas berühmtestem Naturschriftsteller. Er "ging in die Wälder, denn ich wollte wohlüberlegt leben; intensiv leben wollte ich, damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich nicht gelebt hatte".

Was allerdings die moderne Wissenschaft angeht, war da lange: ein dicker blinder Fleck.

Bad Doberan, tiefblauer Himmel, die Sonne scheint grell auf einen Parkplatz am Ortsrand. Von der Rückseite zweigt ein Pfad ab und windet sich in dämmriges Unterholz. Karin Kraft kommt pünktlich, in Blümchenkleid und Pumps, die Haare zum Dutt geschlungen.

Frau Kraft ist Professorin. An der Universität Rostock hat sie Deutschlands einzigen Lehrstuhl für Naturheilkunde inne. Im Moment hat sie Urlaub. Den verbringt sie hier, zu Hause in Bad Doberan: "Freunde fragen mich: Bist du krank, Karin? Warum verreist du nicht? Doch ich weiß einfach, wie ich mich am besten erhole."

Beim guten alten Waldspaziergang. Kraft schlägt ein gemächliches Tempo an, Asphalt weicht federndem Boden. Man mag es kaum glauben, aber aus Sicht der Gesundheitsforschung betritt sie gerade einen weitgehend unbekannten Kontinent.

Wissenschaftler haben die Beziehung Mensch/Natur bislang vor allem aus dem Blickwinkel "Was tut der Mensch der Natur an?" betrachtet. Nun aber kehren sie die Frage um. Mediziner, Umweltforscher, Psychologen, Soziologen, sie alle interessiert: Was macht die Natur eigentlich mit dem Menschen?

Erst

unterm

Blätterhimmel

wird der Mensch

zum Menschen

Licht fällt auf eine Allerweltsweisheit, die seit Generationen von Eltern durch Kinderzimmertüren gerufen wird: Geh mal nach draußen, das tut dir gut! Selber früher tausendmal gehört – und seither noch öfter erfahren: Es stimmt! Ein Tag an der See, ein Stündchen im Garten, sogar die Müdigkeit danach ist eine andere.

Aber warum? Welche Signale gehen von der Natur aus? Und was macht uns empfänglich? Sitzen unsere Natur-Antennen im Körper, im Kopf, in der Seele? Kann es sein, dass hinter den Grün-ist-gesund-Geschichten der Apothekenblättchen mehr steckt?

Der Waldweg folgt einem Bachlauf. Wasser hüpft über bemooste Steine, ein leichter Wind streicht durch die Kronen alter Buchen. Sie wachsen so dicht, wie es in unseren Breiten natürlicherweise nur Buchen tun, deren Keimlinge im Schatten der Alten gedeihen; ihre Blätter bilden einen zweiten Himmel. Darunter atmet Karin Kraft tief durch.

Glücksort Wald. Schon nach ein paar Minuten dort spüre sie, sagt eine Kollegin, wie sich tief in ihr etwas entfalte. Ein alter Werbespot fällt ihr ein, für Spülmittel: ein schlappes, bröseliges Blatt, das – eingeschäumt – plötzlich prall und kräftig aussah.

Ein bisschen magisch klingt es schon auch, was Karin Kraft jetzt erzählt. Sie spaziert gleichsam in die Vergangenheit der Menschheit: Der Mensch als Art, Homo sapiens, wurde in einer Welt erwachsen, viel wilder als die heutige. Zu wenige Generationen sind seither vergangen, als dass sich sein Fühlen und Denken dem städtischen Leben angepasst hätte. Wir seien noch immer geprägt auf Landschaften, in denen frühe Vorfahren Schutz, Nahrung, Wasser fanden.

"Hören Sie sie?", fragt Kraft.

Ein Rascheln, Knacken, Plätschern, Zwitschern – Steinzeitmenschen signalisierte es: keine Gefahr. Und noch heute wirkt es auf uns beruhigend. Und das grüne Licht. Laub filtert kurzwellige Infrarot- und UV-Strahlung aus dem Sonnenlicht; es schützt vor Sonnenstich, mäßigt Hitze, mildert Kälte und Regen. Damals wie heute.

Der Boden. Nachgiebig, nicht ganz eben. Für solchen Untergrund sind unsere Gelenke gebaut.

Kraft sinkt auf eine Bank. Sie angelt nach einem wurmstichigen Blatt und will gerade zu einer von tausend Geschichten ansetzen, zu denen Grün die Fantasie anregt, da trabt ein Jogger vorüber. Drahtiger Typ, den Blick auf den Boden gerichtet. Er sieht den Blätterhimmel nicht. Hört auch kein Rascheln, Glucksen, Knacken oder Zwitschern – er hat Kopfhörer auf. Nature Walk stand unter einem Cartoon, den der New Yorker kürzlich druckte: Ein Mann rennt auf einem Laufband und trägt dabei eine Topfpflanze. Nun stelle man sich alle drei nebeneinander vor, als eine Art Typenlehre der Naturerfahrung: Karin Kraft – die Natur mit allen Sinnen genießend; den Jogger im Wald – Nutztypus; das Zimmerpflanzen-Männchen aus der Karikatur wäre in dieser Reihe der Zukunftstyp.

Welcher Typ tut am nachhaltigsten etwas für seine Gesundheit?

In den vergangenen Jahren erschien eine Flut an Studien, die sich mit den Auswirkungen grüner Umwelt auf die Gesundheit beschäftigen. The Greener the Happier? heißt eine der größten Untersuchungen. Sie basiert auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panels – einer Langzeitbefragung, bei der 30.000 Bürger jedes Jahr zu ihrem Leben interviewt werden. Für ihre Umweltstudie zogen Forscher die Angaben der Bewohner von 32 großen deutschen Städten heran. Ihre Antworten wurden dann in Relation gesetzt zu der Entfernung zwischen dem Wohnsitz der Befragten und dem nächsten Park. Das Ergebnis: Mit der Nähe zur Grünanlage wächst die Lebenszufriedenheit, zugleich sinkt das Risiko für Diabetes, Schlafstörungen, Gelenkerkrankungen.

Bemerkenswert. Wäre da nicht das Fragezeichen im Titel. Es steht für Zweifel wie diese: Sind es vielleicht von vornherein gesündere Menschen, die in grüne Wohnlagen ziehen? Leute, die auch Wert auf Ernährung legen, wenig rauchen, regelmäßig Sport treiben? Wohlhabende, die in soziologischen Erhebungen eh meistens als die Gesünderen wegkommen?

Das Thema sei "wissenschaftlich schwierig anzugehen", räumt Henry Wüstemann, Landschaftsökonom und einer der Autoren von The Greener the Happier? ein. Allerdings gebe es unter den Befragten auch solche, die während des betrachteten Zeitraums von zwölf Jahren den Wohnort wechselten: "Zogen sie näher an einen Park, stieg ihre Lebenszufriedenheit signifikant an." Besonders Ältere und Menschen mit geringem Einkommen, sagt Wüstemann, profitierten vom Umzug in grünere Lagen. Woran das ganz genau liege, verrieten die Daten leider nicht.

Wirkt schon das bloße Rumhängen im Grünen? Oder ist es der Anreiz zu Bewegung? Vertreibt der Small Talk auf Parkbänken die Einsamkeit, die sich oft mit körperlichen und seelischen Problemen verbindet?

Es ist vertrackt. Auf ihren Tagungen reden Umweltforscher mehr über Ungewissheiten als über Erkenntnisse. Der schwedische Professor Terry Hartig etwa. Er gilt als einer der Vorreiter der "Umweltpsychologie". Überblickt Hartig die Summe aller Studien, sieht er unterm Strich Effekte. Nähe zu Natur verknüpft sich regelmäßig mit größerer Lebenszufriedenheit; zahlreiche Untersuchungen zeigen für Bewohner in grünen Umgebungen ein verringertes Risiko, Ängste, Depressionen, Übergewicht, Herz- oder Atemwegsleiden zu entwickeln. Viele dieser Resultate scheinen plausibel – "doch die Theorie, die sie erklärt, haben wir noch nicht geschrieben", sagt Terry Hartig. Er warnt deshalb davor, Grün voreilig zum Allheilmittel zu erklären. Zumal solche Themen der Wissenschaft schnell entgleiten. Natur und Gesundheit: "Zwei Wörter, die bei einigen Leuten quasireligiöse Gefühle auslösen."

So banal die Einsicht, dass die Natur guttut, so schwierig ist es offenbar, kausale Zusammenhänge empirisch sauber darzulegen. Dabei wäre die Forschung der Hebel dafür, ein sehr persönliches Thema in ein hochpolitisches zu übersetzen. Rund um den Globus wachsen die Megacitys, Herde von Volkskrankheiten wie Depression, Fettleibigkeit, Herzleiden, Atemwegserkrankungen. Die ungesunde Umwelt spielt bei deren Entstehen eine Schlüsselrolle, zweifellos. Doch Stadtplaner verlangen konkrete Antworten, wie viele der kostbaren Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche sie fürs Grün abzwacken müssen. "Aussagen über exakte Dosis-Wirkung-Zusammenhänge geben unsere Daten noch nicht her", sagt der niederländische Umweltpsychologe Sjerp de Vries. "Schon gar nicht wissen wir, welche Art von Natur ideal wäre."

Braucht der Mensch mehr Wildnis? Mehr Parks? Oder bloß mehr Topfpflanzen?

Sucht man nach sicheren Erkenntnissen, landet man schnell bei einer der frühesten Untersuchungen zum Thema Heilung durch Natur. Sie erschien 1984 in dem Wissenschaftsmagazin Science und wurde unter Fachleuten als "Blick-aus-dem-Fenster-Studie" berühmt.

Ihr Autor, der Verhaltensforscher Roger Ulrich, hatte als Teenager ein Nierenleiden und musste lange Monate zu Hause liegen. Trost und Ablenkung von Schmerz und Langeweile fand er in einer großen Kiefer draußen vor dem Fenster seiner Krankenstube. Als junger Wissenschaftler erinnerte sich Ulrich an diese Erfahrung. Ob wohl auch andere Bettlägerige Linderung durch die Natur finden könnten?

Ulrich verglich die Krankengeschichten von 46 Frischoperierten. Die eine Hälfte guckte vom Krankenhausbett gegen eine Backsteinmauer, die andere auf Bäume. Die Baum-Blick-Patienten, hielt Ulrich fest, brauchten geringere Dosen Schmerzmittel als ihre Leidensgenossen in den Mauer-Blick-Betten, auch hatten sie weniger Komplikationen und wurden früher entlassen. Kann also allein die Aussicht auf Natur heilsam sein?

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Hier wird eine Wahrheit so präzise beschieben das einem die Tränen kommen wenn man die Zerstörung der Umwelt für Geld und Profit sieht, die wir alle in unserem Unwissen auch mitmachen.Es gibt keinen Aufschrei oder Widerstand. Der Ast auf dem wir sitzen ist 3/4 durchgesägt.
Das absolute Desaster der Zerstörung wird durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energiewende mit den WINDRÄDERN nach de Willen der GRÜNEN und SPD mit Unterstützung der CDU und CSU bis zum bitteren Ende geführt. Deutschland ein flächendeckender Industriestandort mit nur noch kranken Menschen. Danke Merkel und Konsorten.
Und das wir alle schleichend Krank werden macht nicht nur der Feinstaub oder Atomstrahlung,Umweltgifte im Essen aus , nein es kommt noch der Infraschall dazu von ca. 120.000 Windräder die Flächendeckend aufgestellt werden bei Windstille keinen Strom erzeugen und mit Kohle, Gas oder Atomstrom gestützt werden müssen. Das Infraschall krank macht glauben alle nur nicht unsere Bundesregierung. https://youtu.be/PHgDdIp3Gxc