Paul MacAlindin "Warum habe ich bloß zugesagt?"

© Jose Miguel Mendez
Der schottische Dirigent Paul MacAlindin ging in den Irak, um ein Jugendorchester aufzubauen – gegen alle Widerstände. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 20/2017

ZEITmagazin: Mister MacAlindin, eine Meldung in der Zeitung brachte Sie dazu, alles hinzuschmeißen, um im Irak ein Jugendorchester aufzubauen.

Paul MacAlindin: So war es. Vor neun Jahren saß ich in einem Pub in Edinburgh und aß Fish & Chips, als mein Blick auf die Lokalzeitung fiel. Da las ich, dass eine 17-Jährige im Irak ein Orchester für Jugendliche gründen wollte und dafür einen Dirigenten suchte. Ich wusste damals so gut wie nichts über den Irak, fand aber, dass das ein Job für mich sein könnte. Ich fragte mich allerdings, woher diese junge Frau im Irak eigentlich Instrumente, Übungsräume und qualifizierte Musiker bekommen wollte. Ich riss den Bericht aus der Zeitung, rief einen Freund an, der beim British Council arbeitet, und sagte ihm, dass das doch auch für ihn ein perfektes Projekt wäre und ich als Dirigent zur Verfügung stünde.

ZEITmagazin: Und dann nahmen Sie Kontakt zu dem Mädchen auf?

MacAlindin: Ja. Zuhal Sultan heißt sie, und eines Morgens saß ich mit meinem Laptop in einem Internetcafé, um mit ihr zu skypen. Wir verstanden uns auf Anhieb und plauderten eineinhalb Stunden. Uns wurde schnell klar, dass wir gemeinsam versuchen wollten, dieses Orchester aufzubauen. So wurde ich zum Projektleiter und Dirigenten des irakischen Jugendorchesters.

Paul MacAlindin, 48, arbeitet seit 1993 als Dirigent. Seine sieben Jahre mit dem irakischen Jugendorchester hat er in einem Buch festgehalten: "Bis der letzte Ton verklingt" ist bei Heyne Encore erschienen. © privat

ZEITmagazin: Das klingt verblüffend einfach. Hatten Sie keine Zweifel?

MacAlindin: In der Woche nach unserem Skype-Gespräch war ich verunsichert und dachte: "Mein Gott, warum habe ich bloß zugesagt?" Ich wusste, dass sich mein Leben radikal ändern würde.

ZEITmagazin: Wie reagierte Ihre Familie auf Ihre Entscheidung?

MacAlindin: Meine Eltern hatten es schon vor langer Zeit aufgegeben, mich mit guten Ratschlägen zu versorgen. Einige der jungen Dozenten, die mit mir das Orchester betreuen wollten, sind kurzfristig abgesprungen, weil ihre Eltern oder Partner zu viel Angst um sie hatten. Mir war es wichtig, dass alle, die mitkamen, sich sicher fühlten. Man kann nicht mit einem Orchester im Irak arbeiten, wenn man Angst um sein Leben hat. Unser Hauptquartier, die Stadt Suleimanija in der Region Kurdistan, galt immerhin als recht sicher.

ZEITmagazin: Was wussten Sie vor Ihrer Reise dorthin über den Irak?

MacAlindin: Nur das, was ich aus den Nachrichten erfahren hatte, also nur Negatives: Krieg, Terrorismus, Korruption. Trotzdem war ich neugierig auf das Land. Als Dirigent muss man risikofreudig sein und sich durchsetzen können. Ich hatte bereits vorher an einigen schwierigen Orten gearbeitet, in Armenien zum Beispiel und in Zagreb. Aber letztlich ist es auch an solchen Orten immer die Musik, die dann doch alle miteinander verbindet. Und ich ging ja nicht in den Irak, um Frieden zu stiften, sondern um Musik zu machen.

ZEITmagazin: Hatten Sie einen Plan für das Orchester, oder haben Sie eher improvisiert?

MacAlindin: Ich habe jede Minute durchgeplant, so wie vom British Council für die Finanzierung gefordert. Es sollte jeden Sommer ein dreiwöchiges Trainingscamp für die Jugendlichen abgehalten werden und zum Abschluss eines Jahres immer ein Konzert geben.

ZEITmagazin: Ein junger Musiker, der irgendwo in einem abgelegenen Teil des Iraks lebte – wie erfuhr der von ihrem Orchester?

MacAlindin: Vor allem über Facebook, aber es war trotzdem kompliziert. Manche Musiker aus Kurdistan sprachen kein Arabisch, die aus Bagdad sprachen kein Kurdisch. Bewerbungsvideos bekamen wir über YouTube, aber das Internet war damals im Irak so unzuverlässig, dass manche dieser Videos auf DVD gebrannt und mit der Post geschickt wurden. Es gab 53 Bewerber, von denen ich 33 ausgewählt habe.

ZEITmagazin: Was waren Ihre Auswahlkriterien?

MacAlindin: Die Bewerber mussten einen irakischen Pass haben, damit sie Orchesterreisen machen konnten. Sie mussten Arabisch oder Kurdisch sprechen. Was das Alter betraf, orientierten wir uns an zwei Flötisten, die ich unbedingt dabeihaben wollte – der eine war 28, der andere 14. Das wurde dann unser Mindest- und Höchstalter. Und am Ende entschied ich mich für die Musiker, denen ich zutraute, ein Konzert von Anfang bis Ende durchzuhalten.

ZEITmagazin: Was ist Ihre Erfahrung: Kann man durch YouTube-Clips ein Instrument erlernen?

MacAlindin: Solche Videos sind eine tolle Chance für Jugendliche, die in abgelegenen Gegenden aufwachsen. Im Irak waren viele der Musiklehrer nach dem Krieg nicht mehr da. Es gab in Bagdad mal ein respektables Niveau in der Ausbildung klassischer Musiker, mit kompetenten Lehrern, von denen viele aus Russland stammten. Der Irak war einmal ein musikalisch hoch entwickeltes Land, mit Einflüssen aus dem Westen und dem Nahen Osten. Aber die Invasion der US-Armee 2003 hat die musikalischen Strukturen dort zerstört.

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren