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Das war meine Rettung "Es war wie ein Dämon in mir"

Die Autorin Catherine Millet war krankhaft eifersüchtig, bis sie eine ganz einfache Erkenntnis erlangte.
ZEITmagazin Nr. 21/2017

Frau Millet, in Ihrem Buch "Das sexuelle Leben der Catherine M." schreiben Sie, dass Sie mit rund tausend Männern Sex hatten, aber auch, dass Sie sich in Körper und Geist gespalten haben. Was meinen Sie damit?

Ich sehe den Körper als unabhängig von Seele und Geist an. Diese Überzeugung kommt vielleicht daher, dass ich katholisch aufwuchs. Mir wurde früh gesagt, dass der Körper etwas von Gott Gegebenes sei, den wir zu einem bestimmten Zeitpunkt zurückgeben müssten, und dass die Seele unabhängig vom Körper weiterleben würde. Die katholische Religion bietet aber auch einen gewissen Vorteil: Ich habe schon als Kind erlebt, dass ich mich mit Gott arrangieren kann. Deshalb habe ich bei meinen sexuellen Beziehungen nie Schuldgefühle gehabt. Ich habe die Männer nie als Sexualobjekte betrachtet und auch mich selbst nicht. Ich weiß ja im Inneren, dass ich kein Objekt bin, und was die anderen denken, ist mir völlig egal.

Sie haben über Ihre Kindheit geschrieben, dass Sie sehr gelitten haben, als Sie einmal bei einem Boulespiel Ihrer Familie in der Reihe übersehen und ausgeschlossen wurden. Warum hat Sie das so verletzt?

Die Beziehung zwischen meinen Eltern war sehr schwierig, und dieser Konflikt hat den ganzen Platz im familiären Raum eingenommen. Sie waren mit sich selbst mehr beschäftigt als mit ihren Kindern. Ich habe darunter gelitten, ausgeschlossen zu sein, meine Eltern aber nicht gehasst. Trotzdem habe ich, als sie kurz hintereinander starben, eine wunderbare Freiheit empfunden. Als junge Erwachsene bin ich so in das Leben ohne irgendeine Voreingenommenheit moralischer oder sozialer Art getreten. Das hat mich davor bewahrt, ein Leben zu führen, mit dem ich nicht zufrieden gewesen wäre.

In Ihrem zweiten Buch "Eifersucht" schreiben Sie, dass Sie am Rand einer Ohnmacht waren, als Sie auf dem Schreibtisch Ihres Mannes Jacques Fotos seiner nackten Geliebten gefunden haben. Warum hat Sie das so erschreckt?

Ich glaube, dass die Kraft des Bildes den Schock vergrößert hat. Die Reaktion wäre nicht so heftig gewesen, wenn man es mir in Worten beigebracht hätte. Es war einer der schmerzhaftesten Momente in meinem Leben, und ich habe dann rund drei Jahre lang in einer Obsession gelebt: Ich wurde krank vor Eifersucht und hatte den Eindruck, von mir selbst enteignet zu sein. Es war wie ein Dämon in mir und wurde eine richtige Sucht, meinen Mann auszuspionieren, seine Bücher, Taschen, Schubladen und seinen Computer zu durchsuchen. Es war eine Art Perversion. Ich wusste, dass das Nachspionieren schlecht war, aber ich empfand eine enorme Lust im Leiden. Was mich gerettet hat, war die Erkenntnis, dass ich nach diesem Leid suchte. In dem Moment, in dem mir das bewusst wurde, verschwand dieser Mechanismus. Ganz automatisch.

Haben Sie während Ihrer Krise Hilfe gesucht?

Ich habe eine Therapie gemacht. Ich hatte schreckliche Schuldgefühle wegen meines Verhaltens. Meine Lebensphilosophie verdammt natürlich die Eifersucht, und dass ich nun Eifersucht verspürte, stand im Widerspruch dazu. Aber man ist leider seinen Trieben und Neurosen ausgesetzt, und in mir drin bin ich zwei Personen: ein Philosoph und ein Neurotiker. Ich habe gelernt, dass ich eine Sexualität habe, die sehr über das Auge, über Bilder geht.

Sie beschreiben eine Szene, in der Sie sehr unglücklich Ihren Kopf an Jacques’ Schulter legten und er Sie zum ersten Mal "Liebling" nannte. Waren Sie traurig, dass Sie das erst nach so langer Zeit erfahren haben?

Mein Verhalten erklärt sich dadurch, dass ich durch all das Leid auf der moralischen Ebene ein bisschen regressiv geworden war. Ich wollte getröstet werden wie ein Kind. Als ich den Kopf auf die Schulter meines Mannes legte, war er eine Vaterfigur, und ich war die Tochter, die getröstet werden wollte. Für uns beide war es eine große gegenseitige Liebesbezeugung, dass wir diese drei höllischen Jahre zusammen durchgestanden haben. Wir haben das nur erst spät mit Worten ausgedrückt. Die Stummheit rührte daher, dass wir sehr schamhafte Menschen sind. Gefühle zu zeigen heißt, die größte Intimität zu zeigen. Ich zeige gern meinen Körper nackt, aber nicht meinen entblößten Geist.

Haben Sie noch immer manchmal Sex mit anderen Männern?

Nein, ich bin älter geworden, und mein Zeitplan ist ein anderer. Jetzt muss ich mir die Zeit ausrechnen, die mir bleibt, bevor ich sterbe, und die Sachen angehen, die ich noch erreichen möchte. Das ausschweifende Leben braucht viel Zeit.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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