Harald Martenstein Über die Folgen einer flüchtigen Affäre

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ZEITmagazin Nr. 21/2017

In München hat einer der für mich rätselhaftesten Prozesse der jüngeren deutschen Rechtsgeschichte stattgefunden. Es ging um eine Frau, die in einem Hotel vier aufeinanderfolgende Nächte mit einem ihr bis dahin unbekannten Mann verbracht hat. Neun Monate später kam ein Baby namens Joel zu Welt. Ob da bei der Verhütung etwas schiefgegangen ist oder ob auf Verhütung verzichtet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Nun will die Frau für den kleinen Joel Alimente, allerdings kennt sie nur den Vornamen ihres extrem kurzzeitigen Lebensgefährten, sonst nichts. Er heißt Michael. Nicht einmal zum Austausch von E-Mail-Adressen scheint es gekommen zu sein, was den Verdacht zulässt, dass die Schlussbilanz dieser vier Nächte negativ ausgefallen ist. Die Frau hat das Hotel auf die Herausgabe des vollen Namens dieses Gastes verklagt. Immerhin konnte sie sich an das Stockwerk erinnern, in dem das Zimmer lag. Das Hotel verweigert die Auskunft und erklärt, dass genau vier Gäste namens Michael infrage kämen. Dass es auf einer einzigen Hoteletage am gleichen Tag vier Michaels gibt, ist ja auch sonderbar, da hat diese Frau wirklich Pech gehabt.

Die Richterin lehnte nämlich ihr Ansinnen ab, unter anderem mit der Begründung, dass den drei, zumindest in diesem Punkt, unschuldigen Michaels intime Nachforschungen nicht zuzumuten seien. Wenn da ein Brief von der Justiz kommt, womöglich mit der Bitte um einen Gentest, stünde sofort "die Möglichkeit einer geschlechtlichen Beziehung im Raum". Für einen Raum, in dem eine geschlechtliche Beziehung steht, hat nicht jeder in seiner Wohnung Platz. Außerdem ist unklar, ob der Kindsvater tatsächlich Michael heißt, nicht jeder sagt immer die Wahrheit. Da macht man vier braven Michaels Stress, und ein Jürgen lacht sich ins Fäustchen.

Außerdem sagte die Richterin, dass jeder Bürger das Recht habe, seinen Namen geheim zu halten, sogar in einer derartigen Situation. Das fand ich allerdings ein bisschen fragwürdig. Wenn Lügen erlaubt sind, müssen die Menschen sich in Deutschland vor dem Sex in Zukunft immer ihre Personalausweise zeigen, um sicher zu sein, wer das überhaupt ist. Dies tötet jede Romantik, und die Geburtenrate sinkt weiter. Aber das Sonderbarste an diesem Fall bleibt die Tatsache, dass die beiden vier Nächte miteinander verbracht haben.

Ich kann mir vorstellen, dass zwei Menschen von spontaner Leidenschaft überwältigt werden und erst mal keine Lust auf Fragen haben, in dem Film Der letzte Tango in Paris wird dies auf künstlerisch wertvolle Weise gezeigt. Aber im Verlauf von vier Abenden muss man doch auch mal telefonieren oder was essen, bei beidem kommt man nach meiner Lebenserfahrung fast automatisch ins Gespräch.

Weil mir das alles so unplausibel vorkam, habe ich "One Night Stand" gegoogelt und habe auf der Internetseite der Frauenzeitschrift Brigitte die "10 wichtigsten Regeln" für kurzfristige erotische Begegnungen mit Unbekannten gefunden.

Ich fasse die Tipps von Brigitte zusammen: "Still und heimlich verschwinden, während er noch schläft, ist die einfachste Möglichkeit. Nur weil ihr Körperflüssigkeiten ausgetauscht habt, müsst ihr dasselbe nicht mit euren Telefonnummern tun. Mit einem Mann Sex gehabt zu haben verpflichtet euch zu nichts! Da draußen wartet eine Menge interessanter Männer."

Mit anderen Worten, dieser Michael ist einfach nur ein aufmerksamer Leser von Frauenzeitschriften, der alles richtig machen will. Als Regel Nummer elf schlage ich vor: Frage den Mann, ob er Brigitte liest.

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