Ich habe einen Traum Katherine Waterston

"Ich fühle mich verpflichtet, mein Leben auch für meine verstorbenen Freunde zu leben"
© Timur Celikdag
ZEITmagazin Nr. 21/2017

Als mein größter beruflicher Traum wahr wurde, habe ich begriffen, wie blauäugig viele meiner Träume gewesen waren. Wie viele Schauspieler habe ich davon geträumt, regelmäßig engagiert zu werden, bei großen Projekten mitzuarbeiten und kreativ herausgefordert zu werden. Den Preis für die Erfüllung dieser Wünsche habe ich allerdings nicht mitgeträumt: Für Dreharbeiten ein Jahr lang von zu Hause weg zu sein, Familienfeiern und Geburtstage von Freunden zu verpassen – all das macht mir oft zu schaffen. Aber Träume zu verwirklichen, ohne Opfer bringen zu müssen, das ist leider unrealistisch.

Katherine Waterston,

37, wurde in London geboren. Ihren Durchbruch als Schauspielerin schaffte sie 2014 mit dem Film Inherent Vice, 2016 spielte sie eine Hauptrolle in der J.-K.-Rowling- Verfilmung Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Im Kino ist sie jetzt in Alien: Covenant zu sehen.

In meiner Kindheit hat mich ein bestimmter Albtraum immer wieder heimgesucht: Ich sitze zusammen mit einer Schwester auf dem Rücksitz unseres Wagens, unsere Eltern sitzen vorne. Der Wagen fährt mit hoher Geschwindigkeit einen Hügel hinunter, es dämmert. Mit einem Mal drehen sich unsere Eltern um, winken uns zu und sagen mit merkwürdig affektierten Stimmen: "Auf Wiedersehen, Kinder!" Dann öffnen sie die Türen und springen hinaus. Eine Szene wie aus einem David-Lynch-Film! Der Wagen rast weiter den Hügel hinab, führerlos. Ich klettere nach vorne, versuche, an das Lenkrad zu gelangen und den Wagen unter Kontrolle zu bringen. In diesem Moment bin ich wach geworden, jedes Mal.

Als ich viele Jahre später, ich war Mitte zwanzig, mit meiner Schwester über unsere Kindheitsträume sprach und ihr von diesem Albtraum erzählte, sah sie mich entgeistert an, wurde weiß wie ein Gespenst und sagte, den gleichen Traum habe sie auch über viele Jahre gehabt. Der einzige Unterschied sei gewesen, dass in ihren Träumen sie selbst auf den Fahrersitz geklettert sei.

Es scheint tatsächlich so etwas wie ein kollektives Unbewusstes zu geben, das bei Menschen, die sich nahestehen und in der Kindheit die Erfahrung machen, dass Eltern eben nicht immer da sein und aufpassen können, sogar zu den gleichen Träumen führt. Anders ist diese Geschichte mit meiner Schwester kaum zu erklären.

Der schlimmste reale Albtraum meines Lebens war der Verlust einiger enger Freunde, als ich noch sehr jung war. Auf die Details kann ich nicht näher eingehen, der Verlust schmerzt mich noch heute zu sehr. Freunde so jung zu verlieren war für mich etwas ganz anderes als zum Beispiel den Tod meiner Großeltern zu erleben. Auch um sie habe ich getrauert, aber sie hatten ihr Leben gelebt. Meine Freunde hatten diese Möglichkeit nicht. Ich fühle mich in gewisser Weise verpflichtet, mein Leben auch für sie zu leben.

Seit langer Zeit sehne ich mich danach, sie zumindest nachts in meinen Träumen wieder zu treffen. Möglicherweise wäre das ein verstörendes Erlebnis. Und es bestünde die Gefahr, dass ich sie nach dem Aufwachen noch mehr vermissen würde. Aber dieses Risiko würde ich gerne in Kauf nehmen, wenn ich wieder mit diesen geliebten Menschen vereint sein könnte, und sei es nur im Traum.

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