© Peter Boettcher

Kraftwerk "Und plötzlich standen wir im elektronischen Garten"

Zum ersten Mal nach vielen Jahren redet Ralf Hütter, der Kopf von Kraftwerk, wieder über seine Band. Diese ZEITmagazin-Geschichte beginnt im Herbst 2015 in Detroit und endet bei Kaffee und Erdbeerkuchen vor zwei Wochen in einem Ausflugslokal am Rhein. Von
ZEITmagazin Nr. 21/2017

Der Mann, der in der Öffentlichkeit als Roboter auftritt, winkt freundlich und lächelt, als er den Reporter entdeckt. Es ist der erste Donnerstag im Mai, und Ralf Hütter sitzt an einem kleinen Ecktisch in der Alten Rheinfähre, einem Ausflugslokal in Düsseldorf-Kaiserswerth, direkt am Rhein.

Es ist zu kalt, um draußen zu sitzen, und auch im Warmen haben außer ihm nur zwei ältere Damen Platz genommen, die ihn nicht weiter beachten, dabei sitzen sie mit einer lebenden Legende in einem Raum. Mit einem, der so zurückgezogen lebt, dass er sein Lebensprinzip in drei Worten beschreibt: "Ich bin privat."

Ralf Hütter ist der Kopf von Kraftwerk aus Düsseldorf. Er ist einer der einflussreichsten Musiker der Popgeschichte, ausgezeichnet mit einem Grammy für sein Lebenswerk. Hütter ist das letzte aktive Gründungsmitglied der Band, die seit Jahrzehnten weltweit bewundert wird. Die New York Times schrieb einmal, Kraftwerk seien "die Beatles der elektronischen Tanzmusik".

An diesem kalten Nachmittag hat sich Ralf Hütter einen Erdbeerkuchen mit Sahne bestellt. Der sei, sagt er, hier besonders gut, wegen des dünnen Teigbodens, man müsse den unbedingt probieren. Und er entschuldigt sich zugleich, dass er schon etwas bestellt habe, aber er esse den Kuchen einfach zu gern.

Ralf Hütter ist dunkel gekleidet, schwarzer Pullover, schwarze Hose, dunkelbraune Lederschuhe. So unauffällig, dass ihn auch viele Kraftwerk-Fans kaum erkennen würden. Ende Mai erscheint die neue Veröffentlichung von Kraftwerk, 3-D Der Katalog . Sie umfasst acht Kraftwerk-Alben und ist eine spektakuläre Musik- und Videodokumentation der Konzertreihe, die die Band in den vergangenen Jahren durch große Museen der Welt wie das New Yorker MoMA geführt hat. Heute wollen wir aber vor allem über einen Abend reden, den wir gemeinsam erlebt haben, in Detroit vor anderthalb Jahren.

Wenn Kraftwerk nach Detroit reisen, kommen sie in eine Stadt, deren Sound sie beeinflusst haben

Kraftwerk und Detroit, das ist eine besondere Geschichte, die in den späten siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beginnt. Der Detroiter Radio-DJ Charles Johnson entdeckt in seinem Sender eine Platte, Autobahn von Kraftwerk. Und er ist so fasziniert, dass er diese elektronisch produzierte Musik aus Europa von nun an regelmäßig spielt. Er besorgt sich alles, was er von Kraftwerk bekommen kann, spielt auch Trans Europa Express. "Es war die hypnotischste elektronische Energie, die ich jemals gehört hatte", hat er später einmal erzählt. Unter seinen regelmäßigen Zuhörern sind auch drei Teenager, die ein paar Jahre später Musikgeschichte schreiben werden: die Highschool-Freunde Derrick May, Kevin Saunderson und Juan Atkins, die Erfinder der Musikrichtung Detroit Techno, die die Tanzflächen der halben Welt erobern und ihre deutschen Fans zur Love-Parade inspirieren wird. "Bevor ich Kraftwerks Roboter gehört habe", hat Juan Atkins einmal erzählt, "klang meine Musik wie handgemacht. Erst sie haben mich dazu gebracht, unseren härteren Sound zu entwickeln."

Wenn Kraftwerk also nach Detroit reisen, kommen sie in eine Stadt, deren Sound sie beeinflusst haben, ohne dass ihnen das selbst lange Zeit bewusst war: Es ist wie nach Hause kommen. In ein Zuhause, das auf ihren Klängen gebaut worden ist.

5. Oktober 2015, der Masonic Temple, Downtown Detroit, ein 14-stöckiges Hochhaus, im neugotischen Stil gebaut. Im ausverkauften Theatersaal mit mehreren Tausend Sitzen spielen an diesem Abend Kraftwerk ein 3-D-Konzert. Den Besuchern werden blau-rote 3-D-Brillen ausgehändigt, damit sie in die visuellen Welten der Band eintauchen können. Kraftwerk spielen ihre großen Hits, Autobahn, Wir sind die Roboter, Tour de France, und die besondere Stimmung im Saal ist von Anfang an zu spüren. In den vorderen Reihen tanzen Besucher schon nach wenigen Minuten mit den 3-D-Brillen auf dem Kopf, aus einem bestuhlten Konzert wird eine Party. Die Atmosphäre überträgt sich bis auf die Bühne. "Ich hatte wirklich Lust, selbst runterzugehen und ein paar Minuten mitzutanzen", sagt Ralf Hütter später im Ausflugslokal dazu und lächelt, als er sich an die Szenen erinnert. "So nach dem Motto: Entschuldigung, jetzt muss ich aber wieder hoch zu meinen Kollegen, und wir müssen uns weiter um den Sound kümmern."

Zwei Stunden und zwanzig Minuten spielen Kraftwerk in Detroit; als zweite Zugabe ihren Song Planet of Visions. Die ersten Textzeilen werden in riesigen Buchstaben auf die Leinwand übertragen: "Detroit Electro / German Electro." Kaum sind die Zeilen zu hören und zu lesen, jubeln die Fans los, kaum jemanden hält es mehr auf den Sitzen, es wird getanzt, in die Luft gesprungen, sich umarmt, für ein paar Minuten kann man an diesem Abend spüren, was für ein Gemeinschaftsgefühl Musik in Menschen auslösen kann.

Nach dem Konzert findet eine After-Show-Party statt, im Museum für zeitgenössische Kunst und Design. Juan Atkins hat sie organisiert, und alle bekannten Techno-DJs und Produzenten Detroits sind gekommen, natürlich auch seine alten Highschool-Freunde Derrick May und Kevin Saunderson. Sie legen an diesem besonderen Abend auf, verneigen sich auf ihre Art vor ihren Helden. Aber werden die Helden, die doch am liebsten ihre Roboter vorschicken, wenn sie öffentlich auftreten sollen, überhaupt auftauchen? Die sich ungern fotografieren oder gar filmen lassen? Unvergessen ihr Fernsehinterview im heute-journal, bei dem minutenlang der Roboter gefilmt wurde, mit dem Ralf Hütter sich hat nachbauen lassen.

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