Stilkolumne Enge Freundschaft

ZEITmagazin Nr. 21/2017

Es heißt, die Leggings seien "wieder da". In Wahrheit waren die Leggings aber nie weg. Sie haben überlebt, was viele andere nicht überlebt haben. Zum Beispiel die Französische Revolution. Die Leggings, damals unter dem Namen culottes bekannt, waren die bevorzugte Kleidung des Adels. Deshalb nannten sich die Revolutionäre auch sans-culottes . Es waren also jene, die keine engen Kniebundhosen trugen, sondern solche mit langen und eher weiten Beinen. Bald wurde es zu einer riskanten Angelegenheit, eine eng anliegende Hose zu tragen, denn man konnte damit leicht an einer Laterne hängend enden. Das, was wir heute als normale Hose begreifen, war also mit Gewalt durchgesetzt worden. Zuvor trug der Mann hautenge Beinkleider, die alles unterhalb des Bauchnabels in Szene setzten.

Schon im 14. Jahrhundert trugen Männer solche Hosen. Angeblich haben die Schotten damit angefangen. Sie trugen hüfthohe, enge, stiefelähnliche Beinkleider – allerdings noch in zwei getrennten Teilen. Im 15. und 16. Jahrhundert dann schätzten die Herren in ganz Europa bestrumpfte Beine zu einem kleinen Ballonröckchen.

Nachdem die Männer die engen Hosen abgelegt hatten, entdeckten die Frauen sie für sich. Das war eng verbunden mit der Erfindung der elastischen Lycra-Faser. Und mit einem neuen Motiv: Diente Kleidung bis dahin dazu, den weiblichen Körper einzuhüllen, sollte sie ihn nun ausstellen. Die Jugend- und Sportmode verlangte, dass die Frau ihr Umfeld über den einwandfreien Zustand ihrer Beine informierte. Also sah man das Model Twiggy in Leggings, auch Olivia Newton-John trug sie neben John Travolta in dem Kultfilm Grease . Die achtziger Jahre schließlich machten die Leggings zur Uniform. Ob im Sinne der Leibesertüchtigungserziehung Aerobic von Jane Fonda oder des Pop bei Madonna. Eng umspannte Beine waren allgegenwärtig. Und schon wurden die Leggings wieder gehasst. Ihnen wurde Wurstpellenhaftigkeit vorgeworfen. Spätestens in den neunziger Jahren waren sie als Proletenlook verschrien. Es hat die Leggings wenig beeindruckt. Denn heute sind sie wieder auf den Laufstegen zu sehen, bei Balmin, bei Versace, bei Balenciaga – bei Marken also, die sich eher am oberen als am unteren Rand der Gesellschaft orientieren. Und wenn man betrachtet, wie gerne sich Männer heute in enge Jogging- und Radfahrerhosen quetschen, um keine Zweifel über die Makellosigkeit ihrer Beine aufkommen zu lassen, muss man wohl annehmen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Leggings auch für den Mann wieder hoffähig werden. Die Leggings werden immer da sein. So lange jedenfalls, wie es auf Erden noch Beine gibt, die sich in sie zwängen können.  

Foto: Peter Langer / Grelle Pelle: Leggins von Versace, 490 Euro

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