© Tompkins Conservation

Naturschutz "Ich wollte immer ein wildes Leben führen"

ZEITmagazin Nr. 21/2017
Kristine Tompkins war Unternehmerin, bis sie in den Neunzigern alles aufgab und mit ihrem Mann Doug Millionen dafür ausgab, Naturschutzgebiete in Südamerika einzurichten. Hier erzählt sie, warum sie ihr Land nun verschenkt hat, und spricht über den Tod ihres Mannes, der vor einem Jahr bei einem Kajak-Unfall starb. Von

ZEITmagazin: Frau Tompkins, andere Unternehmer gründen mit ihrem Vermögen Stiftungen, um Krankheiten zu erforschen, oder bauen Museen. Warum verschenken Sie Naturschutzparks an Chile?

Kristine Tompkins: Ich war vor ein paar Tagen mit meiner Enkelin im Metropolitan Museum of Art in New York. Wir haben uns Picassos angesehen und Monets. Um uns herum waren Menschen aus jeder Gesellschaftsschicht, alle Hautfarben waren versammelt. Ich musste an unsere Parks denken. Ich glaube daran, dass die großen Meisterwerke der Geschichte für jeden zugänglich sein sollten. Für mich sind Bäume und Vulkane und Pumas auch Meisterwerke. Nationalparks sind wie Museen. Wir haben über die Jahre sechs Nationalparks in Chile und Argentinien geschaffen, es kommen durch eine Abmachung mit der chilenischen Regierung in diesem Frühjahr noch mal fünf dazu. Insgesamt macht das knapp 50.000 Quadratkilometer. In etwa so groß wie die Schweiz.

ZEITmagazin: Wie erlebten Sie den Tag, an dem Sie Ihre Parks verschenkten?

Tompkins: Es war der 15. März diesen Jahres. Ein sehr emotionaler Tag, weil mein Mann Doug nicht da war. Er ist vor gut einem Jahr gestorben. Ich hatte das Gefühl, uns beide durch diesen Tag tragen zu müssen. Ich habe für uns beide unterschrieben.

ZEITmagazin: Ihr Mann kam bei einem Kajak-Unfall ums Leben.

Tompkins: Doug war ein Abenteurer. Er ist viel zu früh gegangen, aber auf eine Art war es ein Wunder, dass er so lange gelebt hat, wenn ich an manche seiner Touren in die Berge denke. Ich bin zwar auch eine Abenteurerin, keine Frage, aber Doug ging mehr Risiken ein. Die Ironie seiner Geschichte ist, dass der Ausflug, bei dem er starb, völlig harmlos war, ein einfacher Kajak-Trip.

ZEITmagazin: Wie ist es für Sie, heute allein so weit draußen in der Wildnis zu leben?

Tompkins: Ich bin dort draußen nicht wirklich allein, weil wir mit einem ganzen Team aus Naturschützern arbeiten. Aber Doug und ich waren unzertrennlich, wir haben 25 Jahre lang zusammen gearbeitet und gewohnt. Es gab immer nur uns. Sein Tod ist kein Verlust, sondern eine Amputation. Ihn verloren zu haben ist der größte Einschnitt in meinem Leben. Der Mensch, der ich an seinem Todestag war, am 7. Dezember 2015, ist nicht der gleiche, der ich am 8. Dezember 2015 war.

ZEITmagazin: Sie wohnen seit den Neunzigern in Ihren Parks.

Tompkins: Als wir das Land, etwa 3.000 Quadratkilometer, kauften, war da im Grunde nichts als gerodeter Regenwald. Wir mussten Gras säen, Bäume pflanzen, wir versuchten, den Urzustand der Natur wiederherstellen. Wir begannen nach und nach auch eine Infrastruktur in den Parks zu errichten für die Besucher: Brücken, Pfade, Lodges, Restaurants, Campingplätze. Als die Menschen merkten, dass wir es ernst meinten, bekamen wir immer mehr Angebote, Land zu kaufen. Es gab für Doug und mich nie ein festes Zuhause, wir wohnten alle paar Wochen in einem anderen Basislager. Immer dort, wo wir gerade zu tun hatten.

ZEITmagazin: In den Videos und Fotos, die ich von Ihren Parks gesehen habe, wirken Ihre Lodges ziemlich luxuriös. Allein in Ihren Patagonia-Park sollen Sie 65 Millionen Euro investiert haben.

Tompkins: Vor allem Doug legte immer viel Wert auf hohe Qualität und gutes Design. Schönheit war für ihn etwas Essenzielles und nicht nur Oberfläche. Er ging davon aus: Je schöner etwas ist, desto mehr werden es die Menschen schätzen und in Zukunft bewahren wollen.

Kristine Tompkins

66, war die Chefin der Outdoor-Firma Patagonia. Mit 42 zog sie nach Südamerika, um mit ihrem Mann Doug Naturschutzparks zu gründen. Sie lebt in Chile und Argentinien.

ZEITmagazin: Ihre Parks sind so groß, dass es viele Autostunden dauert, sie zu durchqueren. Wie bewegen Sie sich fort?

Tompkins: Es gibt dort keine richtigen Straßen, auf denen man schnell fahren könnte. Wenn wir weite Strecken zurücklegen mussten, flog uns Doug. Er war Buschpilot. Wenn ich die Parks heute verlassen will, fliegt mich ein Pilot zum nächstgelegenen Flughafen.

ZEITmagazin: Wo haben Sie Doug kennengelernt?

Tompkins: Ich traf ihn, als ich 19 war. Es war der Sommer meines ersten College-Jahres. Ich lebte in Kalifornien, wo ich auch aufgewachsen bin, und brauchte dringend einen Job. Also fragte ich Yvon Chouinard, einen Freund, der ein bisschen älter war und schon eine eigene kleine Firma für Kletterausrüstung hatte. Doug war ein Freund von Yvon, die beiden kletterten zusammen. Ich begegnete Doug also in Yvons kleiner Strandhütte. Doug war damals verheiratet mit Susie, die beiden bekamen später noch zwei Kinder. Er fiel mir nicht weiter auf. Doch ich fand diese ganze Kletter-Clique spannend.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielten Sie in der Clique?

Tompkins: Yvon hat mir einen Job angeboten: Ich putzte Karabiner, schnitt Seile zu. Wir waren zu sechst in der Firma. Yvon und Doug sind dann irgendwann nach Patagonien zum Klettern gefahren. Ich arbeitete einfach weiter, hielt die Stellung. Das war erst mal meine Rolle. Nachdem die beiden aus Patagonien zurückgekehrt waren, beschloss Yvon, nicht nur Kletterausrüstung, sondern auch Mode für Kletterer zu machen. Mit 23 wurde ich General Manager seiner Firma, die fortan Patagonia hieß, weil Yvon von der Reise so beeindruckt war.

ZEITmagazin: Die Firma wuchs und wuchs. Und Sie wurden mit 28 CEO von Patagonia.

Tompkins: Ich war ein ziemliches Arbeitstier. Ich glaube, ich habe das von meinen Eltern. Mein Vater starb an Polio, als ich zehn Jahre alt war, und dennoch hat er meinen Charakter geprägt, weil er mir und auch meinen Schwestern immer das Gefühl gab, dass wir Mädchen alles erreichen können, wenn wir nur wollen. Und meine Mutter, die 98 ist und immer noch lebt, drängte uns Kinder früh zur finanziellen Unabhängigkeit: Sobald wir mit dem College fertig wurden, sollten wir auf eigenen Beinen stehen. Ärmel hochkrempeln, arbeiten und ein guter, loyaler Mensch sein – darum ging es in unserer Familie. Und gleichzeitig spürte ich schon früh den Drang, irgendwie von der Norm abzuweichen. Alles ist besser, als im Mittelmaß zu leben – das war schon damals meine Einstellung. Egal wie: Ich wollte eigentlich schon immer ein wildes Leben führen.

ZEITmagazin: Waren Sie als Chefin über Dutzende Mitarbeiter glücklich?

Tompkins: Ja, ich genoss es und erlebte durch den Job auch meine ersten großen Reisen, nach München zum Beispiel in unsere Europa-Zentrale. Das Time Magazine hat mich damals interviewt, in den Achtzigern, zum Thema "gläserne Decke". Wenn ich meine Aussagen heute lese, merke ich, wie selbstverständlich mir das vorkam, als Frau so aufzusteigen. Während Yvon klettern ging, blieb ich im Büro und arbeitete. Auf einer Cocktailparty erzählte ich jemandem, dass ich vorhatte, nach Nepal zu reisen. Yvon hörte das, mischte sich in das Gespräch ein und sagte halb im Scherz: "Glaub ihr nicht, sie fährt nie irgendwo hin." Das war der erste Augenblick, an dem ich mich anzweifelte und dachte: "Verdammt, er hat recht."

ZEITmagazin: Haben Sie Kinder?

Tompkins: Nein, ich habe nie Kinder bekommen. Aber Doug hat zwei Töchter, Summer und Quincey, und fünf Enkel. Sie sind für mich bis heute meine Familie.

ZEITmagazin: Gab es einen Moment, in dem Sie wussten: Ich lasse alles hinter mir?

Tompkins: Ich war 40 Jahre alt und hatte meinen Mann verlassen, mit dem ich elf Jahre zusammen war. Mit Yvon und ein paar anderen Leuten war ich auf einer Klettertour in Argentinien. Wir saßen in einem Restaurant in einer winzigen Stadt im Süden des Landes. Und herein kommt Doug Tompkins, den ich zwar nie ganz aus den Augen verloren hatte, aber nur sehr selten irgendwo sah. Er hatte in der Zwischenzeit, seit den Tagen am Strand, als ich 19 war, zwei Firmen gegründet: The North Face und, zusammen mit seiner damaligen Frau Susie, den Modekonzern Esprit.

ZEITmagazin: Klingt wie ein Witz: Treffen sich der CEO von Patagonia und der Gründer von North Face in einem Restaurant in Südargentinien.

Tompkins: Ja, eigentlich unglaublich, dieser Zufall. Auch, dass aus dieser Kletter-Clique, die wir waren, als ich 19 war, diese Firmen hervorgingen.

ZEITmagazin: Weltweit bekannte Marken, die viele Millionen im Jahr umsetzten.

Tompkins: Was ja letztlich die Voraussetzung war für das, was wir die vergangenen 25 Jahre gemacht haben. Es lag in diesem Restaurant jedenfalls sofort etwas Besonderes in der Luft zwischen Doug und mir. Doug war gerade dabei, das erste Stück Land zu kaufen und sich von seinem alten Leben zu verabschieden.

ZEITmagazin: Hat er Ihnen erklärt, warum er das macht?

Tompkins: Er hatte das Gefühl, dass es Zeit war zu gehen, sagte er. Er wollte keine Mode mehr produzieren, die die Menschen in Wahrheit nicht brauchten. Bei North Face war er schon ausgestiegen. Dann verkaufte er seinen Anteil an Esprit an Susie, seine Ex-Frau.

ZEITmagazin: Sie verknallen sich also in einer südargentinischen Kleinstadt in diesen Mann und ändern sofort ihr gesamtes Leben?

Tompkins: Erst mal bin ich zurückgeflogen. Doch nicht viel später habe ich Doug auf der Farm besucht, die er in Chile gekauft hatte. Aus der Farm und dem Urwald drumherum wurde später der Pumalín-Park, in dem im vergangenen Sommer 17.000 Camper übernachteten. Ich wollte damals zehn Tage bleiben, blieb letztlich aber fünf Wochen, flog zurück und erklärte Yvon, dass ich von meinem Posten zurücktreten wollte zum Ende des Jahres, um mit Doug zu leben und für den Naturschutz zu arbeiten. Also ja, es war schnell und intensiv.

ZEITmagazin: Wie sehr war das eine moralisch-ethische Entscheidung für die Natur, wie sehr war es ein Schritt aus Liebe?

Tompkins: Erst mal ging es nur um Liebe. Und um die Aufregung, Kalifornien zu verlassen und nach Patagonien zu ziehen. Das ganze Drama zog mich an. Man muss sich das vorstellen: Ich hatte 23 Jahre lang in der Bekleidungsindustrie gearbeitet, ich kannte mich bestens aus. Mein ganzes Leben war geregelt. Und plötzlich sprang ich. Ging einfach weg. Ich hörte an einem Freitag auf und zog mit zwei kleinen Taschen in den Pumalín-Park. Mit 42.

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