Gesellschaftskritik Über die Rente mit 95

ZEITmagazin Nr. 21/2017

Prinz Philip, Duke of Edinburgh, geborener Prinz Philipp von Griechenland und Dänemark, Prinzgemahl der britischen Königin Elisabeth II. und Erzähler derber Witze, hat angekündigt, von Herbst an nicht mehr öffentlich auftreten zu wollen. Der Schatten der Queen schickt sich selbst in Rente. Mit 95 Jahren hat er sich das einerseits natürlich verdient. Immerhin ist der Mann in einem Jahr geboren, 1921, in dem Charlie Chaplins erstes abendfüllendes Werk, "The Kid", Premiere feierte, ein Stummfilm übrigens. Überraschend kommt die Nachricht andererseits schon. Man dachte ja, der Prinzgemahlen-Job sei auf Lebenszeit angelegt.

Womöglich war Philip auf Benedikt XVI. ("Wir sind Papst") ein wenig neidisch, den sechs Jahre Jüngeren, der aber schon vor vier Jahren einen Job losgeworden ist, der kein Renteneintrittsalter kennt und sonst nur vom Tod gekündigt wird.

Sollte man argumentieren, dass die beiden, Papst und Prinz, mit ihrem Rückzug das falsche Zeichen setzen? Braucht es in einer immer älter werdenden Gesellschaft nicht auch Galionsfiguren, die durch ihre Präsenz in der Öffentlichkeit der Verherrlichung der Jugend die Würde der Erfahrung entgegensetzen und der grassierenden Altersdiskriminierung entgegenwirken? Ja, schon. Aber der Prinz und der Papst müssen solche Figuren nicht mehr sein. Vielleicht ist 50 das neue 30, aber 95 bleibt nun mal 95. Was man in dieser Zeit erlebt, geht die Öffentlichkeit wirklich nichts mehr an.

Der Prinz und der Papst senden mit ihrem Rückzug eine andere Botschaft aus: Seht her, wir sind coole Alte, die anders als Joseph Blatter und andere Diktatoren einfach mal aufstehen und gehen. Sie werden nicht Opfer ihrer Eitelkeit. Die beiden, ein eigentlich Unverzichtbarer und ein vermeintlich Unfehlbarer, setzen ein leuchtendes Beispiel dafür, dass man sich selbst nicht so wichtig nehmen sollte.

Es fallen einem sofort andere auf Lebenszeit Berufene ein: Ulrich Wickert, der ewige Paris-Korrespondent, Oskar Lafontaine, der ewige Saarländer, Günther Jauch, der ewige Schlaumeier, Thomas Gottschalk, der ewige Jugendliche, Uli Hoeneß, der ewige Alleinherrscher, und Wolfgang Schäuble, der ewige Griesgram. Sie alle dürften ruhig ein bisschen mehr Prinzgemahl und ein bisschen mehr Papst sein und deren Beispiel folgen. Wäre schön, wenn sie es hinbekämen, bevor sie 95 sind.

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren