Zucker Mein Traum in Weiß

Neuerdings gilt Zucker als der böse Bube der Ernährung. Eine persönliche Verteidigung Von
ZEITmagazin Nr. 21/2017

Kein anderes Lebensmittel löst, wenn ich es nach dem Aufstehen nicht vorfinde in der Küche, so große Verzweiflung aus wie der Zucker. Alles andere kann man ersetzen oder entbehren. Statt Kaffee geht auch Tee. Statt Brot geht Müsli. Statt Milch im Müsli geht auch Joghurt oder Saft. Aber ohne Zucker geht nichts, und er lässt sich, um dieses Missverständnis gleich aus der Welt zu räumen, auch nicht durch Honig ersetzen. Honig schmeckt nach Honig, und der gehört wirklich nicht in den Kaffee.

Einmal nahm ein Freund, mit dem ich zu einer dreitägigen Kanutour aufbrach, aus der Tasche mit den Lebensmitteln die 500-Gramm-Packung Würfelzucker wieder heraus. Braucht man nicht, zu viel Gewicht, fand er. Als ich es merkte, waren wir schon auf dem Wasser. Ich versuchte es mit Sarkasmus, Beschimpfungen, Selbstironie, es half alles nichts.

Aus einem mir nicht bekannten Grund braucht mein Körper Zucker, sonst werde ich übellaunig und schwachmatisch. Und weil ich auch seinen Geschmack sehr gerne mag, verbrauche ich mehr als die meisten Menschen, die ich kenne. Nicht nur im Kaffee am Morgen, auch in der Marmelade auf dem Brot, im Zimtbrötchen zum zweiten Frühstück, im Kaffee nach dem Lunch, in den beiden Kinder-Schokolade-Riegeln oder dem Kuchen am Nachmittag. Ich leide nicht unter diesem Zucker, bilde ich mir ein, ich bin weder dick, noch sind mir bislang Zähne ausgefallen, und ein blaues Auge habe ich auch noch niemandem geschlagen, sodass ich vermute, dass mich der Zucker noch nicht mal richtig aggressiv macht, wie es immer wieder heißt. Kollege M. hat ein ähnliches Zucker-Profil wie ich. Er ist der fitteste Über-60-Jährige, den die menschliche Evolution bislang hervorgebracht hat.

Mit Befremden beobachte ich, dass der Zucker neuerdings der böse Bube der Ernährung ist. Renate Künast sagte, er sei der neue Tabak. In England gibt es eine Steuer auf stark zuckerhaltige Getränke. Und die Weltgesundheitsorganisation hat vor nicht allzu langer Zeit die Menge des Zuckers, die man täglich essen dürfen soll, halbiert. Von einem Tag auf den anderen. Wie soll man da mitkommen?

Fast schon belustigt, weil ich immerzu druff bin?, lese ich vom Kampf gegen den "versteckten Zucker". Die Stiftung Warentest hat in ihrer aktuellen Ausgabe darüber aufgeklärt, dass in Coca-Cola zu viel Zucker stecke. Wenn Coca-Cola ein Versteck für Zucker ist, dann ist der Platz hinter einem Ficus benjamini ein gutes Versteck für Michael Moore. Der übrigens vielleicht bald einen Anti-Zucker-Film drehen würde, wenn es nicht schon einen gäbe aus dem Jahr 2014, That Sugar Film, ein Zitat: "Das Leben ist so viel besser, wenn du ihn los bist." Das ZDF empört sich nicht nur über Cola, sondern auch über Äpfel und Karotten, so verstehe ich das. Es vermeldet nämlich im Begleittext zur Dokumentation Vorsicht Zucker, in einigen Lebensmitteln, die vermeintlich gesund seien, sei Zucker versteckt. Wie hinterhältig von der Natur.

Obwohl ich mich nie für Ernährungswissenschaften eingeschrieben habe, weiß ich ziemlich genau, wo zu viel Zucker drin ist. Ja, auch in Müsliriegeln, das wurde schon in den achtziger Jahren in den Fächern Biologie, Sozialkunde und wahrscheinlich auch Religion moniert, und erst recht natürlich in Ketchup. Und ich weiß, was ich essen müsste, um Zucker fast ganz zu vermeiden: Vollkornbrot, Reiswaffeln, Champignons. Ich habe wirklich schon sehr oft diese Ernährungspyramide gesehen, da wohnen Brot und Nudeln in der unteren Etage, darüber kommen Obst und Gemüse, und ganz oben, die Spitze der Pyramide, teilen sich Süßspeisen und tierische Fette. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Pyramide pädagogisch ihr Ziel erreicht. Bei mir jedenfalls blieb hängen: Die Krönung allen Essens, the top of the top, ist das Süße.

Nicht selten lese ich in der Presse Kritiken über Patisserien und Cafés, und sehr oft begegnet mir da das Lob, die Törtchen seien "auch nicht zu süß". Dann wundere ich mich. Gebäck, toll, und auch nicht zu süß, das klingt für mich wie: Quellwasser, kristallklar und auch nicht zu nass.

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