Das war meine Rettung "Ich wollte aus dem Fenster springen"

Gisela Schneeberger war eine schlechte Schülerin. Erst in der Theatergruppe entdeckte sie ihren Ehrgeiz. Von
ZEITmagazin Nr. 22/2017

ZEITmagazin: Frau Schneeberger, Sie spielen auf der Bühne und in Filmen Ihre Rollen mit viel Humor und Biss. Wie lustig ging es in Ihrem Elternhaus zu?

Gisela Schneeberger: Mein Vater war Richter, er war sehr autoritär, wie fast alle Väter, die damals aus dem Krieg heimkamen. Er wollte irgendwas in uns erziehen, was er selber gar nicht erfüllen konnte. Seine drei Töchter sollten aufs Gymnasium gehen. Wir Schneeberger-Mädels waren im ganzen Luisen-Gymnasium, damals eine Zuchtanstalt, verschrien, weil wir alle irgendwie so aufbegehrt haben. Meine mittlere Schwester hat mal aus Jux und Tollerei das Kruzifix mit bunter Kreide bemalt, da wurde ein Aufstand gemacht, es gab sehr viel Wirbel und obendrein einen Direktoriatsverweis. Das war damals Gotteslästerung.

ZEITmagazin: Und wie war die Schule sonst?

Schneeberger: Ich war die jüngste von drei Schwestern, da musste ich mich immer beweisen, aber in der Schule war ich der Klassenkasperl. Ich habe immer Leute zum Lachen gebracht, das war meine Selbstbestätigung. Auf dem Gymnasium war ich eine extrem schlechte Schülerin und bin zweimal sitzengeblieben, einmal sogar wegen Erdkunde. Die Schule hat mich eher gelangweilt. Meine wahre Freude war die Theatergruppe an der Schule. Theater spielen hat mir unheimlich gefallen, und ich habe gemerkt, dass ich richtig fleißig sein kann, wenn mich etwas interessiert. Diese Theatergruppe war schon meine Rettung. Ich musste dann nach dem zweiten Sitzenbleiben auf eine andere Schule.

ZEITmagazin: Sie sind dann in die Theatergruppe des Münchner Maxgymnasiums gekommen, einer reinen Jungenschule.

Schneeberger: Ja, irgendwann wurde ich vom Maxgymnasium gefragt, ob ich in ihrer Theatergruppe die Mädchenrollen übernehmen will. Dort, auf der Jungenschule, war ich natürlich der King als einziges Mädchen. Ich bin richtig aufgeblüht.

ZEITmagazin: Damals gab es also schon eine Neigung zum Spielen?

Schneeberger: Ja, sie fing früh daheim an, mit meinen zwei Schwestern habe ich viel gespielt. Wir sind sehr oft ins Kino gegangen, haben Klatschzeitungen gelesen. Beim Abendessen haben wir zu dritt Schauspieler nachgespielt, meine älteste Schwester war Lilo Pulver, die mittlere war Romy Schneider, und zu mir haben sie immer gesagt, du bist die Grete Weiser oder irgend so eine Alte. Ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen, dementsprechend waren die Rollen und Themen: Reichen Sie mir bitte den Lachsschinken, dabei war es nur ein Butterbrot oder so. Wir haben uns auf diese Art und Weise unser Abendessen schöngeredet und herbeigespielt.

ZEITmagazin: Sie verkörpern oft vernunftgeleitete Frauen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Waren Sie jemals richtig unvernünftig als junge Frau?

Schneeberger: Ich war 20 Jahre alt, bei Freunden war ein Wochenende lang sturmfreie Bude. Da hieß es, wir nehmen mal alle LSD. Ich wusste gar nicht, was das für eine Wirkung hatte. Es war ein Horrortrip, es war furchtbar und hat drei Tage gedauert. Es war die totale Bewusstseinsveränderung, die derart intensiv war, dass ich so ein Zeug danach nie wieder genommen habe.

ZEITmagazin: Was hat die Droge mit Ihnen gemacht?

Schneeberger: Ich hatte Halluzinationen und weiß noch, dass alle Häuser schräg waren, alles war dreckig, die Farben, die Stimmung. Man hat ein ganz schiefes Bild im Kopf. In der Wohnung war absolutes Chaos. Es war ein furchtbares Zeug, was uns da angedreht worden war. Ich erinnere mich an einen Freund, er ist einfach auf die Straße gelaufen und hat gar nichts mitbekommen vom ganzen Verkehr. Ich wollte aus dem Fenster springen, weil ich dachte, da ruft mich jemand. In so einem Zustand hast du keine Hemmungen mehr, ich weiß auch nicht, wer mich zurückgehalten hat. Ich hatte Glück, dass ich es überlebt habe.

ZEITmagazin: Würden Sie sagen, Sie hatten sonst auch viel Glück im Leben?

Schneeberger: Ja, ich bin ja ein Sonntagskind. Ich hatte Glück, den entsprechenden Leuten zu begegnen. So wie bei der Aufnahme an der Münchner Falckenberg-Schule. Da habe ich Glück gehabt, weil ich erst ein lustiges Stück vortragen durfte. Hätte ich die zweite Rolle, einen tragischen Monolog, vorspielen müssen, wäre ich bestimmt durchgefallen. Ich habe meine erste Fernsehrolle bekommen, weil mich ein Schauspiellehrer empfohlen hat, das war auch Glück. Mein Beruf ist drei Viertel Glück und so ein bisserl Begabung und auch Handwerk, in dem man immer besser werden kann, je öfter man es ausübt. Das ganze Leben besteht aus Glücksfällen, die einen irgendwie vor Schlimmem bewahren.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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