Jens Spahn 79 Fragen an Jens Spahn

Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 22/2017

Der Große Saal der Hamburger Laeiszhalle bei der "Langen Nacht der ZEIT": rund 800 Zuschauer. Es ist der Samstag vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, aus der die SPD und ihr Kanzlerkandidat Martin Schulz schwer beschädigt hervorgehen werden. Jens Spahn, Jahrgang 1980, gebürtig aus Westwestfalen – der Jungstar der Union, die Kanzlerhoffnung nach Merkel. Es kennen ihn alle, weil er so oft bei Anne Will und Maybrit Illner sitzt. Vielleicht wirkt wirklich kein deutscher Politiker so modern wie er, vielleicht möchte man keinen anderen deutschen Politiker derzeit so gerne im ausführlichen Interview hören. Dafür, dass er formal betrachtet kein besonderes Amt innehat – Abgeordneter des Deutschen Bundestags und Mitglied des CDU-Präsidiums, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesamt für Finanzen –, macht er wirklich eine ganz schöne Welle. So viel kann der Interviewer schon verraten: Es wird kein sonderlich lustiges Gespräch werden, wir setzen hier nicht auf Gags. Gleich für die erste Frage wird der Medienprofi Spahn seinen ganzen Esprit brauchen.

1 Wie oft schaffen Sie es derzeit pro Woche ins Fitnessstudio?

Im Schnitt würde ich sagen, zweimal – manche Woche nullmal, manche viermal.

2 Wie lautet die politische Botschaft Ihrer stattlichen Körpergröße von 1,92 Meter?

Ich dachte immer, meine Schuhgröße 49 wäre schon eher eine Botschaft – also gut: Man sucht es sich nicht aus, ich bin eben so gewachsen. Meine Erfahrung ist, dass es eher kleine Männer sind, die Probleme mit großen haben. Ob das politische Botschaften sind, weiß ich nicht.

3 Sprechen Sie eigentlich irgendeinen Dialekt?

Ich kann in "dat und wat" fallen, in das Westfälische. Bei mir zu Hause, bei meinen Eltern, wo ich morgen zum Muttertag bin, heißt es immer: "Machste mal das Fenster los?" Oder: "Wir fahren nach Oma."

4 Haben Sie schon herausgefunden, mit welcher Ausrede man sich am besten bei langweiligen Sitzungen entschuldigt?

"Ich habe einen wichtigen Termin in Berlin." Das funktioniert immer gut.

5 Fällt Ihnen das manchmal schwer, Ihren verdammten Ehrgeiz im Griff zu halten?

Je älter man wird, desto mehr lässt es nach. Aber ganz ohne geht’s ja auch nicht. Ohne Ehrgeiz schafft man kein Seepferdchen, schreibt man keinen guten Text, und ja, man ist auch kein guter Politiker.

6 Bei Ihrem Erfolg: Fällt Ihnen das manchmal schwer, Ihren politischen Gegner überhaupt noch ernst zu nehmen?

Welchen?

Gelächter und Applaus. Bisher: null Anstrengung, null Anspannung beim Politiker. Er hat sein Publikum – auf lockere und natürliche Art – im Griff.

7 Wovon handelte Ihr letztes Telefonat mit Angela Merkel?

Sie wissen ja, dass die Kanzlerin gerne simst. Das letzte Telefonat ging natürlich um die Nordrhein-Westfalen-Wahl. Und um die Debatte rund ums Islamgesetz.

8 Hat Merkel – wie immer – das richtige Gefühl, wenn sie Ihnen nicht zu hundert Prozent vertraut?

Woher wissen Sie, dass Sie das nicht tut? Das sind so Suggestivfragen. Ich habe den Eindruck, dass wir uns vertrauen, wenn es darauf ankommt.

9 Über welche praktische und welche intellektuelle Fähigkeit sollte man verfügen, wenn man den Finanzminister Wolfgang Schäuble als Chef hat?

Es ist ein bisschen wie bei Ihnen: Man muss schnell sein im Antworten. Er mag das Gespräch, das schnell voranschreitet und nicht drei Schleifen braucht. Und man muss lernen, dass er, wenn er grantig guckt, es eigentlich nicht so meint.

10 Für Sie eine klare Sache, dass Schwarz-Gelb bei der Bundestagswahl gewinnt?

Ich würde gerne vermeiden, wie ein typischer Politiker zu klingen, aber viel mehr als eine typische Politikerantwort fällt mir auf Ihre Frage nicht ein: In vier, fünf Monaten kann viel passieren.

11 Nur eine Frage zur morgigen NRW-Wahl: Ist es für Sie eh klar, dass Herr Laschet sensationell gewinnt?

In Nordrhein-Westfalen entscheiden sich Wahlen wirklich nach Mobilisierung: Es ist die Frage, ob die Sozialdemokraten im Ruhrgebiet überhaupt wählen gehen. Ich habe mitbekommen, dass viele sagen: Ich bin doch kein Masochist und wähle noch mal SPD.

12 Kurz gesagt: Ist das Ihr Ding, dass sich die CDU mit Ihnen wieder trauen soll, konservativ zu sein?

Nö! Weil ich immer nicht weiß, was gemeint ist, wenn jemand von konservativ redet. Wenn gemeint ist, ob ich in den siebziger oder achtziger Jahren leben möchte: nein. Ob ich reaktionär an vorgestern denken möchte: nein. Wenn konservativ heißt, es geht um Werte, Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Leistungsbereitschaft, Familie, Zusammenhalt, Identität: Dann bin ich gerne konservativ.

Applaus im Publikum. Wir nutzen die gute und gelöste Stimmung und kommen ihm mit der ersten echt asozialen Frage.

13 Ich interpretiere Sie jetzt mal: Haben Sie Ihr politisches Programm – die CDU wieder nach rechts zu führen – eigentlich auf einen Misserfolg Merkels bei der Bundestagswahl hin ausgerichtet? Oder zumindest heute schon auf die Zeit nach Merkel?

Ich habe keine Ahnung, woher Sie Ihre Einsichten nehmen. Nein. Ganz einfach: Ich möchte die Wahl im September gewinnen. Und zwar mit Angela Merkel.

14 Bitte eine Zahl nennen: Wie viel Milliarden Steuersenkung wird es mit der CDU ab 2018 geben?

Mindestens 15 Milliarden Einkommensteuer. Und schrittweise noch mal 15 Milliarden Soli-Zuschlag bis 2030. Der wurde eingeführt, da war ich zehn – wenn wir ihn jetzt gemeinsam schrittweise abschaffen, dann gab es ihn 30 Jahre. War das konkret genug?

15 Können Sie Ihren Satz "Unser Silicon Valley ist das Sauerland" noch mal erklären?

Das Sauerland steht sehr schön für die erfolgreichen ländlichen Regionen, so wie die Schwäbische Alb oder das Münsterland bei mir daheim, die eigentlich das wirtschaftliche Herz der Bundesrepublik sind. In Essen stehen die Industriemuseen, die eigentliche Innovationskraft liegt im ländlichen Raum. Das wollte ich mit dem Sauerland ausdrücken.

16 Sie halten sich ja – erfrischenderweise – nicht an das ungeschriebene Gesetz, dass man als Politiker nicht die Rentner verprellt. Welchen Schock für Deutschlands Rentner haben Sie exklusiv bei diesem Interview zu verkünden?

Es geht ja nicht um den Schock an sich. Sondern um eine ehrliche Analyse. Aber im Moment läuft’s gut – vor zehn Jahren waren die Probleme größer, weil wir riesige Löcher in der Rentenversicherung hatten. Ich weiß nicht, ob Sie’s wissen: Die Lebenserwartung in Deutschland steigt jeden Tag um sechs Stunden. Dieses Land verändert sich, wir sind das zweitälteste Land nach Japan.

17 Ist das ein Problem für Sie und die CDU, dass Deutschland wirtschaftlich so supergut dasteht, dass es im Wahlkampf gar nichts Sinnvolles zu versprechen gibt?

Deutschland steht mit dieser Kanzlerin und dieser Partei tatsächlich sehr gut da, aber das bedeutet nicht, dass wir nicht besser werden können. Und müssen.

18 Der Hegemon Deutschland – ganz Europa kritisiert uns für unsere Exportüberschüsse. Machen wir irgendwas falsch? Oder sind nur alle sauer, weil wir die Schönsten und Stärksten sind?

Na ja, ich weiß nicht, wer da etwas falsch macht. Der US-Präsident beklagt sich, dass es zu viele Mercedes auf der Fifth Avenue, aber zu wenige Chevrolets in Europa gebe. Bei der letzten Diskussion mit Kollegen aus dem Weißen Haus habe ich noch mal deutlich gemacht, dass das etwas mit der Qualität der Produkte zu tun hat. Das sind Konsumentenentscheidungen, keine Entscheidungen, die vom deutschen Staat getrieben werden. Dafür gibt es keine deutschen Handyhersteller mehr – das nennt sich dann halt internationaler Handel. Zugegeben, schwer erträglich ist es für unsere europäischen Nachbarn, wenn es immer ein Land gibt, bei dem es läuft und bei dem alle den Eindruck haben, die wissen es besser als die anderen. Dann sind wir irgendwann alle voneinander genervt, und das hält auf Dauer die beste Familie nicht aus.

Wir schalten einen Gang zurück, um den Antwortautomaten in ihm zu stoppen. Biografie- und Kindheitsfragen an Jens Spahn.

19 Halten Sie Jens heimlich für einen kleinbürgerlichen Vornamen, also würden Sie lieber Christopher oder Alexander heißen?

Ich habe ja zwei einsilbige Namen: Jens Spahn. Deshalb: Ja, manchmal würde ich mir eine Silbe mehr wünschen. Ich habe noch einen zweiten Vornamen: Jens Georg Spahn – das klingt doch gleich viel besser.

20 Hat man aufs Maul gekriegt, wenn man mit 16 der Jungen Union beigetreten ist?

Nö.

21 Was geschieht mit einem intelligenten Teenager, der im 3.000-Einwohner-Dorf Ottenstein im Westmünsterland aufwächst?

In meinem Dorf ging es mir im Kindes- und im Jugendalter ehrlich gesagt ziemlich gut: Ich habe im Jugendverein mitgemacht, Sommerlager im Sauerland, zwei Wochen auf der Luftmatratze gepennt. Ich habe tolle Freunde, die ich seit dem Kindergarten kenne. Ich bin behütet glücklich groß geworden – und das stärkt einen dann für später und die tausendmal so große Stadt Berlin.

Im Rahmen der beliebten Interviewreihe des ZEITmagazins „99 Fragen an …“ befragte Moritz von Uslar seinen Gast, den Politiker Jens Spahn, in einem schnellen Interview – furchtlos, assoziativ, temporeich, ungewöhnlich.

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