Das war meine Rettung "Damals hatte ja niemand in Europa Sympathie für uns"

Asfa-Wossen Asserate entstammt der Kaiserfamilie Äthiopiens. Als die Revolution ausbrach, rettete sein Vater ihn. Damit er die anderen Familienmitglieder retten konnte. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 23/2017

ZEITmagazin: Prinz Asfa-Wossen Asserate, wie spricht man Sie korrekt an, mit Königliche Hoheit?

Asfa-Wossen Asserate: Wenn schon, dann bitte Kaiserliche Hoheit. Aber ich bin deutscher Staatsbürger, und hier gibt es keine Adelstitel.

ZEITmagazin: Als Sie als Student nach Deutschland kamen, in den späten sechziger Jahren...

Asserate: ...ich bin ein 68er!

ZEITmagazin: Was war damals Ihre größte Erfahrung von Fremdheit?

Asserate: In dieser Hinsicht bin ich nicht typisch. Ich kam in ein Land, dessen Sprache ich sprach, weil ich auf einer deutschen Schule gewesen war, und dessen Sitten und Gebräuche ich kannte. Aber das Deutschland, in dem ich landete, war ein ganz anderes. Bis dahin stammte mein Bild aus meiner ersten Schulfibel: das Deutschland der Romantik mit wunderschönen alten Häusern, wo ein Mann mit schlohweißem Haar aus dem Giebelfenster schaut. In den Gassen sind die Zunftzeichen zu sehen, die der Metzger, der Bäcker. Nun kam ich nach Frankfurt, wo fast nichts den Krieg überstanden hatte. Lauter Hochhäuser. Ich fragte einen Taxifahrer: "Wo ist das wahre Deutschland?" Er hat sich totgelacht und gesagt: "Ich zeig ihnen, wo das wahre Deutschland ist!", und hat mich nach Frankfurt-Sachsenhausen mit seinen Äppelwoi-Stuben gebracht ... Und unter meinen Kommilitonen musste ich feststellen, dass sie alle auf die Diktatur des Proletariats setzten. Das hat mich doch sehr mitgenommen.

ZEITmagazin: Sie sind ja selber das Opfer einer kommunistischen Revolution gewesen...

Asserate: Das sollte ich erst noch werden, damals waren wir ja noch ein regierendes Haus.

ZEITmagazin: Wie fühlten Sie sich unter kommunistischen Studenten?

Asserate: Großartig. Obwohl ich mit meinen politischen Ansichten nicht hinterm Berg hielt.

ZEITmagazin: Welche politische Einstellung hatten Sie damals?

Asserate: Ich war ein konservativer Liberaler, beeinflusst von der Glorious Revolution in England: Reformen unbedingt, aber sie müssen von oben kommen! Wir vergessen immer wieder, dass nicht Frankreich, sondern England die Nation war, die als erste einem gesalbten Monarchen den Kopf abgeschlagen hat. Danach sagten die Engländer: So weit werden wir es nie wieder kommen lassen.

ZEITmagazin: Waren Sie als Student in Deutschland politisch engagiert?

Asserate: Ich war im Ring Christlich-Demokratischer Studenten und machte eine für mich faszinierende Erfahrung: Im Studentenparlament haben wir uns die Köpfe heißgeredet, aber danach beim Bier war man Mensch. Damals faszinierte mich ein Foto, auf dem man zwei Männer sah, die zusammen ein Bier trinken. Der eine war Willy Brandt, der andere Rainer Barzel. Das Bild wurde an dem Abend im Restaurant des Bundestags aufgenommen, an dem Rainer Barzel vormittags mit seinem Misstrauensvotum gescheitert war. Wenn ich eine solche Szene in einem afrikanischen Land sehen könnte, wäre ich der glücklichste Mensch der Welt.

ZEITmagazin: 1974 brach in Abessinien, aus dem später Äthiopien entstand, die Revolution aus. Ihre Familie kam ins Gefängnis, Ihr Vater wurde erschossen.

Asserate: Als die Revolution begann, war ich gerade in Äthiopien, weil meine Schwester geheiratet hatte. Am Anfang waren wir alle begeistert: Endlich tat sich was, endlich lasen die Äthiopier die Tageszeitung, weil da nicht nur Nachrichten über den kaiserlichen Palast abgedruckt wurden. Ein Hauch von Freiheit lag in der Luft, und ich wollte Teil davon sein. Aber mein Vater, der die Dinge sehr klar sah, sagte: Du gehst zurück nach Deutschland! Er kaufte ein Ticket und setzte mich gegen meinen Willen ins Flugzeug. Das war am 2. Mai 1974, einen Tag nach dem 50. Geburtstag meines Vaters. Acht Tage später hat die Militärregierung einen Erlass herausgegeben, wonach Mitglieder der kaiserlichen Familie das Land nicht verlassen durften.

ZEITmagazin: Sie waren gerettet, aber nicht Ihre Angehörigen.

Asserate: Am 24. November hörte ich in der BBC, dass mein Vater am Tag zuvor zusammen mit 60 anderen Gefangenen erschossen worden war. Nun stand ich da: Meine Mutter und meine Geschwister waren im Gefängnis, und ich war in Europa, ohne Geld. Von da an war mein Leben von der Aufgabe bestimmt, meine Familie zu retten. Damals hatte ja niemand in Europa Sympathie für uns. Ich bin von Pontius zu Pilatus gelaufen, vom Vatikan bis zum englischen Staat. Keine Klingel, die ich nicht geputzt habe. Wenn man mich heute fragt, was das Größte ist, das ich in meinem Leben geschafft habe, würde ich sagen: meine Familie lebendig aus dem Gefängnis herausgebracht zu haben. Meine sechs Geschwister kamen nach neun Jahren frei, meine Mutter nach 15. Sie alle leben heute in London.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Anna Kemper zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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