Gesellschaftskritik Über Nebentätigkeiten

ZEITmagazin Nr. 23/2017

Seit Kurzem wissen wir, dass die Koninklijke Luchtvaart Maatschappij, kurz KLM, sich mit Fug und Recht königlich nennen darf: Hier fliegt der König nämlich noch selbst. Seit 20 Jahren, so hat es König Willem-Alexander der Niederlande neulich verraten, ist er als Co- Pilot für die Fluggesellschaft tätig. Auf ganz normalen Linienflügen, zweimal im Monat. "Mir ist wichtig, dass ich ein Hobby habe, auf das ich mich voll fokussieren kann", erzählte der König in einem Interview. Nirgendwo könne er so gut entspannen und loslassen wie über den Wolken – eine Erklärung, die für flugängstliche Passagiere vielleicht weniger entspannend klingen dürfte. Die Passagiere würden ihn aber eh nicht erkennen, so der König, nicht mal wenn er für alle sichtbar in Uniform übers Flugfeld laufe.

Ein typisches Phänomen: Weil wir Personen, die uns nur aus einem bestimmten Rahmen vertraut sind, in einem völlig anderen Umfeld nicht erwarten, erkennen wir sie auch nicht. Das hat nicht nur Willem-Alexander begriffen und für sich genutzt, um seiner Rolle als Staatsoberhaupt für ein paar Stunden zu entkommen. Längst haben auch deutsche Politiker entdeckt, dass gerade das Transportwesen ungeahnte Freiräume für das ungestörte Ausleben von Hobbys bietet. Seit Jahren etwa arbeitet Angela Merkel unerkannt als Straßenbahnfahrerin im östlichen Berlin ("Einfach den Schienen folgen und nicht entscheiden müssen, ob es nach rechts oder links geht – herrlich"), während sich Klaus Wowereit im Westen der Stadt als Busfahrer verdingt ("Durch den Lautsprecher ›Könn’ Se ma die Türe frei machen ... jetze!‹ rufen – ungeheuer befreiend!"). Horst Seehofer bedient seit den neunziger Jahren eine Bahnschranke in Oberbayern ("Im Freistaat rollt’s nur, wenn ich es will!"), und Markus Söder arbeitet auf einem Ausflugsdampfer auf dem Tegernsee, bislang allerdings nur als zweiter Kapitän ("Wenn ich meine Mütze aufhabe, fühle ich mich wie Sascha Hehn"). Martin Schulz kennt Europa in Wahrheit nur deshalb so gut, weil er es seit Jahren in einer fransigen Lederweste als Trucker im Lkw durchquert ("Abends auf dem Parkplatz im Fahrerhäuschen die Stulle auspacken, dazu Dostojewski lesen – das ist Romantik pur"). Und wenn Sie aufmerksam sind, können Sie auch Edmund Stoiber bei seiner liebsten Freizeitbeschäftigung beobachten: Er bedient im Winter in Garmisch sonntags einen Skilift ("Sie steigen direkt in die Sesselliftstation ein und fahren in zehn Minuten in den Gipfel!").

Kommentare

32 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren