© Stefan Nimmesgern

Das war meine Rettung "Geistig bin ich ein Casanova"

Als sich die Autorin Eva Gesine Bauer mit 30 Jahren selbstständig macht, beschleicht sie die Panik. Dann beginnt sie zu laufen und findet endlich zu sich selbst. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 24/2017

ZEITmagazin: Frau Baur, Sie waren Chefredakteurin einer Kunstzeitschrift, als Sie sich mit 30 entschlossen, freie Autorin und Schriftstellerin zu werden. Was hat Sie zu diesem Wagnis getrieben?

Eva Gesine Baur: Mein Vater, der in Shanghai geboren und aufgewachsen ist, sagte mir, im Chinesischen gebe es nur ein Schriftzeichen für Krise und Chance. Das hat sich mir als Kind eingeprägt. Der Schriftstellerberuf ist eine der letzten Bastionen der Freiheit, aber die kostet Kraft, Disziplin und Geld. Ich war davon überzeugt, dass ich das Risiko eingehen sollte, um nicht mit fünfzig zu sagen: Hätte ich doch ...

ZEITmagazin: Hatten Sie keine Angst vor der Zukunft?

Baur: Und wie, besonders an dem Tag, als mein Bankberater plötzlich mit mir umging, als sei ich nichts wert, nicht einmal sein Vertrauen, weil ich nun ja keine Sicherheiten mehr zu bieten hatte. Ich selbst fand mich aber reicher als je zuvor – durch das neu Durchlebte, Gelesene, Erlernte und durch die Begegnungen, mit echten Menschen und mit meinen Figuren. Mein Vermögen steckt im Hirntresor. Wenn mich jemand ins Gefängnis sperrt, zehre ich jahrelang allein von den Gedichten, die ich auswendig kann. Ich bin reich, habe ich zu dem Bankberater gesagt, aber der sah das ganz anders.

ZEITmagazin: Absolute Freiheit kann auch lähmend wirken.

Baur: Vor allem in Kombination mit existenzieller Panik. Da kriecht die Angststarre in die Glieder. Und Starre ist der Tod der Kreativität. Mir war klar, ich musste da raus. Aber ich brauchte eine Struktur, denn wenn ich nur wartete, dass mich die Inspiration heimsucht, konnte das lange dauern. Da fing ich an zu laufen, wirklich jeden Tag und bei jedem Wetter.

ZEITmagazin: Warum gerade das Laufen?

Baur: Im Laufen habe ich gefunden, was ich gesucht und gebraucht habe: die Kombination aus Bewegung und Ordnung, aus Rhythmus und Freiheit, aus Anstrengung und Leichtigkeit. Beim Laufen habe ich gelernt, dass ich in jedem Augenblick die Richtung ändern kann. Dass es nicht um Rekorde geht, sondern um die Freude am Dasein. Und ich habe gelernt, das Alleinsein zu lieben. Schriftstellerin zu sein ist ein verflucht einsamer Beruf, und wer das nicht aushält, der ist dafür nicht geschaffen. Außerdem habe ich gelernt, mich nicht mit anderen zu vergleichen. Beim Laufen zählt nur, ob ich mit meinem Rhythmus im Reinen bin – und nicht, wer langsamer oder schneller ist. Viele meiner Kollegen werden unglücklich, wenn sie sich mit anderen vergleichen, die mehr Bücher verkaufen, mehr Preise kriegen oder vielleicht beim Publikum besser ankommen.

ZEITmagazin: Was passiert, wenn Ihnen die Puste mal ausgeht?

Baur: Ich bleibe dran. Ich weiß, dass ich die Strecke zu Ende laufen werde. Auf meine Ausdauer kann ich mich verlassen.

ZEITmagazin: Wie ist heute Ihr Verhältnis zum Geld?

Baur: Mir war Geld nie besonders wichtig. Meine Großväter haben fast alles verloren. Der eine hat dazu nur gesagt: "Nichts zu haben ist eine ruhige Sache." Vor Kurzem hat mich jemand besorgt gefragt: "Kann das sein, jetzt bist du schon über fünfzig und hast noch immer keine Eigentumswohnung?" Als ich antwortete, das ganze Leben sei doch nur zur Miete, kam ich damit nicht an. Wer vom Schreiben lebt, muss mit Altersarmut rechnen. Aber ich kann auch aus Karotten, Schalotten und Sellerie etwas Prächtiges kochen. Ein greiser Schriftsteller, den ich kannte, gab in seinem Einzimmerapartment hier in München Feste, und die Prominenten, die namenlosen Künstler und die Weisen des Landes saßen auf dem Boden, dem Bett und dem Klodeckel. Vor allem gehört mir ja ohnehin so viel. Der Englische Garten zum Beispiel ist unser Vorgarten, denn mein Mann und ich wohnen in der Nähe. Wir lassen jeden rein, zum Ausgleich wird dafür die Gartenpflege bezahlt.

ZEITmagazin: Sie schreiben Romane und Sachbücher, etwa Biografien über berühmte Komponisten. Wie kommt es zu dieser Mischung?

Baur: Immer wieder Lehrling zu sein finde ich großartig. Außerdem: Sobald ich etwas halbwegs beherrsche, packt mich die Neugierde. Geistig bin ich ein Casanova. Die Welt verführt mich zum Aufbrechen, zum Erkunden, zum Fehlermachen. Die Forderungen des noch Unbekannten halten mich auf Trab. Ohne Veränderung wäre ich tot. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, hat mir mein Vater das Daodejing des chinesischen Philosophen Laotse geschenkt. Am besten hat mir darin ein Text über den Bambus gefallen. Der junge Bambus biegt sich im Wind, er ist beweglich, ihm kann selbst ein Sturm nichts anhaben. Der alte Bambus ist verholzt, er kann gebrochen werden. Ich möchte niemals verholzen.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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