Harald Martenstein Über Duldsamkeit, Kritik und Spott

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ZEITmagazin Nr. 24/2017

Vor ein paar Wochen habe ich darüber geschrieben, dass man als Hundehalter oft Schwierigkeiten hat, in Läden aller Art hineingelassen zu werden, wenn der Besitzer Muslim ist. So etwas kommt auch bei Ladenbesitzern anderer Konfession vor, gewiss, aber deutlich seltener. Das ist halt etwas, was ich erlebe, natürlich eine harmlose Sache. Die Botschaft des Textes lautete, dass ich die Forderung nach einer "Leitkultur" für übertrieben halte. Für angemessen halte ich es, von gewissen intoleranten Muslimen Toleranz für unsereins zu verlangen. Auch sie mögen auf die Durchsetzung ihrer Leitkultur verzichten.

Das habe ich für Pillepalle gehalten, es kam auch kein einziger Protest von muslimischer Seite. Muslime reagieren auf Kritik oft gelassener als gewisse Altdeutsche, ich weiß nicht, ob "Gutmenschen" da das richtige Wort ist. "Spießer" ist auch ein schönes Wort.

Ein Bekannter, ebenfalls Journalist, schrieb eine Mail. Er warf mir Antisemitismus vor. Meine Äußerungen erinnerten "stark an die antisemitische Neigung, irgendwelche Charaktermängel, die ebenfalls konfessionsübergreifend auftreten (zum Beispiel Geldgier), exklusiv Juden in die Schuhe zu schieben". Ich sei "extrem unfair". Unfairness qualifiziert einen also zur Nazischlampe.

Eine Formulierung der Art "alle Christen lieben Hunde" war in dem Text selbstredend nicht zu finden, das wäre in der Tat grober Unfug. Ich habe mich natürlich sofort daran erinnert, wie es nach der berüchtigten Kölner Silvesternacht sofort hieß, dass es beim Münchner Oktoberfest schließlich auch Grapscher gebe. Stimmt ja. Die Dimension ist nur ein bisschen anders.

Mir fiel auch ein, was ich in meiner Jugend oft gehört habe, wenn es um die Nazis ging: Die Briten hätten schließlich auch Konzentrationslager gebaut, im Burenkrieg. Man nennt diese Art des Argumentierens "Whataboutismus".

Die Erkenntnis, dass man in Deutschland schon für eine Bitte um etwas mehr Duldsamkeit in die Naziecke gestellt werden kann, hat bei mir Kulturpessimismus ausgelöst. Selbst wenn mein Beispiel schlecht gewählt und der Text blöd gewesen ist – eine Möglichkeit, die ich jederzeit einräume –, wäre der Nazivorwurf irre, zugleich enthält er natürlich eine Drohung. Wenn man so schnell in Verdacht gerät, wandere ich lieber in die Türkei aus, da ist das Wetter besser.

Es gibt Gruppen, bei denen in den Medien Schmähungen fast aller Art erlaubt zu sein scheinen, etwa Männer, fromme Christen, Amis oder Konservative. Bei anderen Gruppen, etwa Muslimen oder Feministinnen, gelten Sonderregeln, da ist höchste Vorsicht angebracht. Das akzeptiere ich nicht. Beleidigungen und Drohungen sind immer abzulehnen, Kritik und Spott muss jeder aushalten. Wenn eine Gruppe oder die selbst ernannten Anwälte einer Gruppe zum Beispiel glauben, dass man über sie keine Witze machen darf, egal welche, dann müssen diese Leute desensibilisiert werden. Diese Serviceleistung erbringe ich gern. Wenn die sich über Kritik nicht mehr aufregen, höre ich sofort auf, versprochen.

Ich kenne ein paar Leute, meistens alte 68er, die diesen oder jenen Aspekt der Gegenwart ablehnen und sich selbst ironisch "Nazis" nennen. Natürlich sind sie keine, im Gegenteil. Sie verwenden das Wort so ähnlich, wie Homosexuelle das Wort "schwul" verwenden. Ich habe übrigens versucht, mit dem Kollegen freundlich zu diskutieren, nach meiner zweiten Mail kam keine Antwort mehr. Ich hoffe nur, dass sein feiner Radar für Antisemitismus auch bei Muslimen funktioniert, so viel Whataboutismus muss sein.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Sowie der Artikel als auch dieser Kommentar von Running verdrehen die Tatsachen. Jedes Milieu, jede Gruppe der Gesellschaft muss Kritik aus Halten und am besten auch noch reflektieren. ABER es gibt einen Grund dafür warum die öffentliche Debatte sensibler bei Gruppen wie Muslimen und Feministinnen ist. Es handelt sich um Gruppen, die halt einfach noch nicht so etabliert und gesichert leben, wie der weiße Mann in der westlichen Welt. Ich sage nicht das jeder weiße Mann zurückgelehnt ein ideales genießen kann aber dennoch ist seine Stellung in der Gesellschaft gut gesichert und genießt deutlich mehr Vorteile. Auch sage ich nicht das alle Feministinnen und Muslime am Rande des Existenzminimums ums überleben kämpfen müssen, aber es handelt sich bei ihnen um Minderheiten, die um ihre Stellung in der Gesellschaft und Gleichberechtigung noch kämpfen müssen.

Rassismus kann sich gegen jeden wenden jedoch kommt Rassismus gegen Weiße seltener vor. Das kann man nicht leugnen Ressentiments gegen "Einwanderer" liegen dem Menschen einfach viel näher weil es einfacher ist ein Feindbild auf zu bauen, auf das man dann seinen Frust projizieren kann.

Natürlich sollte man rassistischen Übergriffen gegen Weiße (wenn sie denn wirklich passieren) genauso hart verfolgen, wie jegliche andere rassistische motivierte Tat.

Auch dürfen die freiheitlichen Rechte von NIEMANDEN verletzt werden, denn darauf basiert unser Zusammenleben.