Gesellschaftskritik Über Romantik in der Politik

© Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images
ZEITmagazin Nr. 24/2017

Sich am Rande eines Gipfels zu treffen, wie das immer heißt, stellt man sich akrobatisch anspruchsvoll vor. Aber das ist bloß Sprachkritik und soll nicht weiter vom Inhaltlichen ablenken: Emmanuel Macron und Justin Trudeau, die Staatschefs von Frankreich und Kanada, trafen sich also zu zweit an so einem Gipfelrand, auf Sizilien, wo gerade G7-Gipfel war. Sie ließen sich dabei fotografieren und bekamen Schelte. Den Politikinteressierten unter den Twitterern war aufgefallen, dass die Fotos von diesem Zweiertreffen an Hochzeitsfotos erinnerten. Der feine Hotelkies, die sauber frisierten Palmen, der blühende Oleander, die wirklich wunderschöne Küstenlandschaft im Hintergrund! Es fielen Wörter wie Bromance und Bachelor, eingerahmt von recht deutlicher Häme.

Macron ist bekanntlich 39, Trudeau 45, und es hat wohl mit diesem für Staatschefs recht jungen Alter zu tun, dass sie, wenn sie vor romantischer Kulisse spazieren, wie ein männliches Hochzeitspaar wahrgenommen werden. Wobei der Mann um die 40 heute im deutlich besseren Heiratsalter ist als noch vor zwei, drei Generationen. Früher, so bis in die 1980er, konnte man jedenfalls, wenn man männlicher Staatschef war, seelenruhig mit seinem Buddy in Hotelanlagen über die Weltlage parlieren, sich Tabak reichen und vielleicht sogar mal am Arm fassen – und kein Mensch dachte an eine Liebschaft. Kohl und Mitterrand konnten sogar Händchen halten, und kommunistische Männer durften sich küssen.

Auch später, als schwule Liebe immerhin weiten Teilen der Bevölkerung bekannt war und der noch recht frische Gerhard Schröder (damals 53) und der noch recht frische Oskar Lafontaine (damals 53) vor der romantischen Kulisse der Saarschleife bei Mettlach posierten, um Harmonie zu demonstrieren, hatte noch niemand auch nur die leisesten erotischen Assoziationen. Selbst Saarländer, die sonst emotional austicken, wenn sie die Saarschleife sehen, blieben völlig ruhig. Das lag auch an den in die Hose gestopften Freizeithemden, die die beiden trugen. Sie waren gekleidet, als wollten sie sicherstellen, dass auf keinen Fall Assoziationen zu einer Männerhochzeit aufkommen konnten. Heute gibt es diese Angst nicht mehr. Dies sollte, statt mit Häme bedacht zu werden, als gesellschaftlich höchst erfreulich anerkannt und mit großen Mengen Schaumwein begossen werden.

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