© Zara Pfeifer

Wohnpark Alt-Erlaa Willkommen im Club

Die Wiener Fotografin Zara Pfeifer hat das Geheimnis eines kleinen Wunders dokumentiert. 11.000 Menschen leben in drei Beton-Blocks aus den Siebzigern. Der Wohnpark Alt-Erlaa in Wien sieht von außen recht deprimierend aus. In Wahrheit aber lebt es sich dort ganz wunderbar – dank der 33 fensterlosen Clubs von Alt-Erlaa. Von
ZEITmagazin Nr. 24/2017

Der Wohnpark Alt-Erlaa sieht zum Fürchten aus. Drei riesige Beton-Blocks, A, B und C, bis zu 27 Stockwerke hoch, Mitte der Siebziger erbaut, 11.000 Bewohner. Alt-Erlaa versprüht den Charme eines Atomkraftwerks. Doch statt in der Beton-Tristesse zu versauern, passiert bei den Bewohnern genau das Gegenteil: Nirgends in Wien ist die Wohnzufriedenheit so hoch wie hier, im dicht besiedelten 23. Bezirk Wiens, 20 U-Bahn-Minuten von der Innenstadt entfernt. Was macht die Menschen so glücklich?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die junge Wiener Fotografin Zara Pfeifer seit 2013. Ihre Fotos führen uns in das Innerste von Alt-Erlaa, sozusagen tief in die Bäuche der Beton-Ungeheuer, in die unteren Stockwerke, dorthin, wo die 33 Clubs von Alt-Erlaa untergebracht sind. Der Keramik-Club, der Aerobic-Club, der Briefmarken-Club, das Freddy-Quinn-Museum, der Modellbau-Club – allesamt fensterlos. Im Foto- und Video-Club ist Pfeifer seit 2015 selbst Mitglied, obwohl sie nicht in Alt-Erlaa wohnt.

Die Clubs sind entscheidend für das Glücksgefühl der Einwohner. Die Zufriedenheitsstudie formuliert es so: "Alt-Erlaa hat die weitaus beste und am intensivsten genutzte Freizeitinfrastruktur." Die Clubräume waren von Anfang an Teil des Konzepts. Sie sollten Orte sein, an denen sich die Bewohner treffen können. Nach der Fertigstellung bekamen sie die Schlüssel und konnten selbst bestimmen, wie sie das Clubleben gestalten wollten. Das Prinzip besteht bis heute, nur die Schlüssel sind durch Chips ersetzt worden.

Die Räume sehen alle gleich aus, ein bisschen wie Schutzbunker: Rohre an den Wänden, niedrige Decken.

Wer aber ein paar Clubabende besucht, merkt, dass es den Bewohnern nicht darum geht, wie es in Alt-Erlaa aussieht. Es geht vielmehr darum, unter Menschen zu sein, wann immer man es will. Menschen, die danach fragen, wie es der Hüfte geht oder dem Enkel, der doch gerade einen neuen Job begonnen hat. Sie zeigen sich im Foto- und Video-Club Woche für Woche Aufnahmen ihrer vergangenen Urlaube, quatschen ein bisschen, trinken was zusammen. An den Wänden hängen selbst geschossene Fotos aus der Vergangenheit Alt-Erlaas. Ihrer gemeinsamen Vergangenheit.

Der Wohnpark wurde am Anfang mit dem Slogan "Traumwohnungen für jedermann" beworben. Das Konzept des Architekten Harry Glück, der vor wenigen Monaten verstorben ist, sah vor, dass die Bewohner von Alt-Erlaa Privilegien genießen sollten, die sonst nur Reiche hatten: freien Ausblick ins Grüne (jede Wohnung hat einen Balkon oder eine Terrasse, zwischen den einzelnen Wohnblocks liegen 180 Meter Parkfläche), mehrere Pools in unmittelbarer Nähe (es gibt Schwimmbäder auf dem Dach und Hallenbäder in den unteren Geschossen). Alt-Erlaa beheimatet Beamte, Bauarbeiter, Rentner, Schüler, Ärzte. Die Bewohnerin Else Fischel, 66 Jahre alt, erzählt, dass sie für zwei Marktforschungsinstitute insgesamt mehr als 2.000 Interviews mit Alt-Erlaaern geführt hat: Das Institut wollte ausnutzen, dass hier auf engem Raum ein Abbild der gesamten österreichischen Gesellschaft wohnt. Denn Alt-Erlaa ist nicht ausschließlich für Einkommensschwache da. Jeder kann sich um eine Wohnung bewerben.

In manchen Clubräumen sind sogenannte Schlechtwetter-Spielplätze untergebracht. Sie wirken in ihrer Schlichtheit – eine Rutsche, eine Matte – eher wie Kunstinstallationen. Else Fischel aber, Mutter zweier Töchter, sagt: "Ich habe hier im Schlechtwetter-Spielplatz bestimmt Dutzende Kindergeburtstage gefeiert. Es war immer schön. Und unkompliziert: Du brauchst danach nur einen Staubsauger mit Verlängerungskabel, und ratzfatz ist alles sauber."

Eingezogen ist sie im Jahr 1978. "Sauna, Schwimmbäder, alle Mieter in unserem Alter – es war einfach genial." Sie hat zwei Balkone, eine offene Küche, begehbare Schränke. Für die 117 Quadratmeter zahlt sie 862 Euro warm. In den frühen Achtzigern hat sie den Aerobic-Club gegründet, der sich noch heute wöchentlich bei gutem Wetter auf dem Dach trifft, gleich neben dem Schwimmbad, und ansonsten im Schlechtwetter-Spielplatz. Seit den Achtzigern bringt sie für jede Aerobic-Stunde dieselbe selbst gebrannte CD mit, Sydne Rome: Aerobic Fitness Dancing. "Mich die Leiterin zu nennen wäre aber vielleicht trotzdem übertrieben. Ich habe nur den Chip und bringe das Abspielgerät mit."

Fragt man Frau Fischel und andere Bewohner, ob irgendwas nervt am Leben in Alt-Erlaa, hört man Antworten wie: "Ich habe mal gehört, dass manche der Wohnungen nicht so gut isoliert sind gegen Lärm." Niemand beschwert sich ernsthaft über irgendwas. Dafür schwärmen alle: "In Hausschuhen ins Schwimmbad gehen – wo gibt’s denn so was bitte?", "Ich bin mal ausgezogen, aber woanders ist es definitiv nicht schöner. Also bin ich wieder hier", "Man kommt hier sehr leicht ins Gespräch, wenn man will". Das Glück von Alt-Erlaa liegt vielleicht auch darin begründet, dass die Gemeinschaft, von der viele sprechen, so unaufdringlich ist: Man kann am Clubleben teilnehmen – oder es einfach bleiben lassen.

Es scheint fast egal zu sein, wen man fragt: Jeder hat sich auf eine Weise in Alt-Erlaa eingebracht. Der Mann am Info-Stand im Kaufpark, dem Einkaufszentrum von Alt-Erlaa, erzählt, dass er die 140 Songs zusammengestellt hat, die hier seit Jahren in Endlosschleife laufen (When a Man Loves a Woman, Stayin’ Alive). Man hört seine Playlist zum Beispiel im ersten Stock des Kaufparks und auf der Terrasse des Restaurants Pizza Plus (Tagesgericht: "Zweierlei Tuben vom Tintenfisch"). Oder auf der Terrasse der Bar Pezzi’s Almhütte. Dort bestellt sich gegen 17 Uhr eine Gruppe Alt-Erlaaer neues Bier. "Das Gute ist, dass man hier kein Auto braucht, um heimzukommen", ruft einer. Großes Gelächter in der Runde, klirrende Gläser. Auf die Frage des Besuchers, ob es denkbar sei, noch einmal woanders hinzuziehen, antwortet der Mann: "Mich tragen sie hier raus".

Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Dass es den Bewohnern gut geht liegt nicht nur an der Geselligkeit in den Clubs, zu einem guten Teil ist das auch der Architektur geschuldet:
https://de.wikipedia.org/...

Man sehe sich die Fotos an - heutzutage riesige Abstände zwischen den Haupthäusern, geradezu eine "Verschwendung" an Platz (und Grün!). Aber genau das braucht der Mensch, Luft zum atmen, wenn er sich nicht vorkommen soll wie ein Huhn in der Massenzucht.