Ich habe einen Traum Ayumi Paul

"Als sich mein Vater das Leben nahm, gab es niemandem, mit dem ich darüber sprechen konnte"
© Straulino
ZEITmagazin Nr. 25/2017

Als Kind konnte ich in meinen Tagträumen mit Tieren und Pflanzen sprechen und hatte magische Kräfte. Alles war miteinander verbunden, ich konnte durch die Zeit reisen und Verletzungen heilen. Nachts habe ich oft davon geträumt, dass ich von einem Stern gefallen und nur vorübergehend zu Besuch auf der Erde bin. Vor allem aber waren meine Träume voller Glück darüber, am Leben zu sein.

Mein Lieblingsbuch war Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Vieles aus dem Buch hat sich in meine Tag- und Nachtträume geschlichen.

Als ich zwölf Jahre alt war, hat sich mein Vater das Leben genommen. Es gab niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte. Ich habe mich geschämt und hatte Schuldgefühle. Meine Wut und Trauer richteten sich gegen mich selbst. Es gab dann einen Moment, in dem ich mich entschieden habe, dass ich ein besseres Leben will. Weil ich davon träumte, Geige zu studieren, bin ich mit 16 alleine nach Berlin gezogen. Bevor ich von Konzerten leben konnte, habe ich als Weihnachtsmann verkleidet die Berliner Zeitung verteilt und auf der Straße Handyverträge verkauft. Oft habe ich bis um vier Uhr morgens gekellnert und bin um sechs wieder aufgestanden, um Geige zu üben. Die Träume aus meiner Kindheit haben mich nie verlassen und mir in dieser Zeit viel Kraft gegeben.

Etwa zehn Jahre nach dem Tod meines Vaters habe ich geträumt, dass ich über eine Wiese laufe. Mein Vater sitzt unter einem Baum, ich setze mich zu ihm, wir unterhalten uns lange und intensiv. Ich frage ihn, wie es möglich sei, dass wir uns treffen und unterhalten können, wo er doch tot ist. Er erklärt mir, dass man dort, wo er jetzt sei, auch träume, und wenn wir im selben Moment voneinander träumen, würden wir uns begegnen. Danach habe ich langsam Frieden mit seinem Tod machen können.

Die Träume, die ich als Kind hatte, haben einen großen Einfluss darauf, wie ich heute lebe. Denn ich hatte schon immer ein tiefes Bedürfnis danach, dass sich meine innere Wahrnehmung und meine äußere Realität im Einklang miteinander befinden.

Ich träume davon, dass wir uns von alten Mustern und gesellschaftlichen Vorstellungen befreien, die uns unglücklich machen. Wenn man mir sagt, dass man bestimmte Dinge eben nicht ändern kann, kann ich das nicht einfach akzeptieren. Träumen war und ist für mich keine Realitätsflucht, sondern nur ein anderer Bewusstseinszustand. Ich möchte die Welt genauso sehen, wie sie in meinen Träumen ist. Ich weiß, dass uns alle viel mehr miteinander verbindet, als uns trennt. Und ich sehe, dass Menschen die Kraft besitzen, über sich hinauszuwachsen und scheinbar Unmögliches möglich zu machen.

Wenn ich einen ganz besonders glücklichen Tag hatte, träume ich nachts oft von fürchterlichen Sachen. Mein Mann meint, das komme daher, dass mein System ein Gleichgewicht braucht. Vielleicht stimmt das – wo viel Licht ist, gibt es eben auch viel Schatten.

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

"Freitod ist Feigheit und vor Gott unverzeihbar."
Ich kann Ihre Verbitterung verstehen, dennoch glaube ich, dass ein Suizid als Extremzustand - in der Regel - nicht mit "normalen" moralischen Maßstäben zu messen ist. Oft steckt eine Depression dahinter oder jedenfalls ein Maß an Verzweiflung, das im Augenblick keinen anderen Ausweg zuzulassen scheint. Oder jemand beschließt sein Leben zu beenden, weil es ihm sinnlos erscheint, etwa aufgrund einer unheilbaren Krankheit. Und was "vor Gott unverzeihbar" ist, kann eigentlich auch nur Gott entscheiden...