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Frank Warren Der Geheimnis-Hüter

Seit zwölf Jahren bekommt Frank Warren Post von fremden Menschen. Sie schreiben ihm anonym Postkarten und berichten von Dingen, die sie noch nie jemandem erzählt haben. Die Postkarten stellt Warren auf sein Blog "postsecret.com". Wir haben mit ihm über die therapeutische Wirkung seiner Arbeit gesprochen – und darüber, welches Geheimnis ihm am häufigsten geschickt wird. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 25/2017

Seit 2005 schreiben Menschen ihre tiefsten Geheimnisse auf eine Postkarte und schicken sie an 13345 Copper Ridge Rd, Germantown, Maryland 20874, USA. Der Empfänger: Frank Warren. Er liest jede Einzelne der Karten und wählt dann wöchentlich zehn aus, die er auf seinem Blog postsecret.com veröffentlicht. Das Projekt, das einst als Experiment begann, bestimmt Warrens Leben: Sechs Bücher und mehrere Ausstellungen sind daraus entstanden, er hält Vorträge in aller Welt und organisiert Shows, bei denen in einem Saal wildfremde Menschen einander Geheimnisse erzählen und viel geweint wird. Ein kollektives kathartisches Erlebnis. Den Termin zum Interview muss Warren zweimal verschieben, eine Einladung ins Weiße Haus anlässlich einer Postsecret-Ausstellung im National Postal Museum in Washington geht vor.

ZEITmagazin: Mister Warren, seit zwölf Jahren vertrauen Ihnen Menschen sehr persönliche Dinge aus ihrem Leben anonym auf Postkarten an. Wie ging das Ganze los?

Frank Warren: Das Projekt begann aus einer Laune heraus, es war eine ulkige Idee. Ich habe damals 3.000 Postkarten drucken lassen, auf denen stand: "Schreib ein Geheimnis auf, das du noch nie jemandem erzählt hast. Kleb eine Briefmarke drauf. Schick die Karte an mich." Diese Postkarten habe ich in der Washingtoner Fußgängerzone verteilt. Anfangs sind vielleicht hundert Antworten gekommen, die ich gescannt und auf mein Blog hochgeladen habe. Nach ein paar Wochen hatte ich eine Million Leser.

Fran Warren, 53, ist Künstler und gründete vor zwölf Jahren das Blog "postsecret.com", das mit über 780 Millionen Besuchern das größte werbefreie Blog der Welt ist. Warren lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Südkalifornien. © privat

ZEITmagazin: Die Einsendungen sind sehr unterschiedlich. Manche Menschen schreiben, dass sie mit 28 Jahren noch keinen Sex hatten, dass sie sich wertlos fühlen, seitdem sie reich sind, dass sie hoffen, zeugungsunfähig zu sein, um Kinder adoptieren zu können. Haben Sie eine Ahnung, warum die Menschen sich ausgerechnet Ihnen offenbaren?

Warren: Ich glaube, weil sie etwas loslassen wollen. Ein Geheimnis aufzuschreiben und es abzuschicken hat eine reinigende Wirkung. Wer so etwas tut, will hinterher nicht bewertet werden und braucht auch niemanden, der seine Probleme löst.

ZEITmagazin: Auf "postsecret.com" begegnet man Aspekten des menschlichen Lebens, die normalerweise verborgen bleiben. Wenn man sich durch die Seite klickt, denkt man: Egal, was mich plagt, ich bin immerhin nicht allein damit.

Warren: Das ist eine wichtige Erkenntnis. Wer sich einsam oder stigmatisiert fühlt, kann Erleichterung finden. Wer alle Hoffnung verloren hat, kann sich durch die Seite klicken und über die tiefen Geheimnisse zu einem höheren Sinn gelangen – das kann beinahe spirituelle Dimensionen annehmen.

ZEITmagazin: Wäre das nicht eher die Aufgabe von Kirche oder Psychotherapie?

Warren: Vor 50 Jahren waren Familien in den USA mehr oder weniger funktional, heute ist es vielleicht nur noch die Hälfte. Die Familie wird als Ort des Teilens immer unwichtiger. Die katholische Kirche steckt in einer Krise. Und Gesprächstherapien werden immer häufiger durch Psychopharmaka ersetzt. Postsecret.com erfüllt heute Funktionen, die früher von anderen Institutionen wahrgenommen wurden.

ZEITmagazin: Warum ist das so?

Warren: Hier in den USA hat es damit zu tun, wie wir uns als Bürger definieren. Wir nehmen uns sehr stark als Individuen wahr und wollen unabhängig sein. Das zeigen Bücher mit Titeln wie Bowling alone. Wenn es dann tatsächlich gelingt, etwas Verheimlichtes zu teilen, wirkt es wie eine Brücke, die verbindet.

ZEITmagazin: Kann man "postsecret.com" als Ort der Beichte bezeichnen?

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Warren: Ich kann dieses Wort nicht leiden, es ist für mich viel zu stark mit Sünde verbunden. Geheimnisse lassen sich nicht in richtig oder falsch kategorisieren. Geheimnisse sind versteckte Akte der Großzügigkeit, es sind Träume, Hoffnungen, Wünsche, Sehnsüchte – etwa die Sehnsucht eines Mannes, der sich, wenn er sich von einer Frau angezogen fühlt, vorstellt, wie es wäre, an ihren Achseln zu riechen.

ZEITmagazin: Was ist der Unterschied zwischen einem Geheimnis und einer Beichte?

Warren: Wer beichtet, dem wird gesagt, was er zu tun hat. Wer ein Geheimnis teilt, lässt etwas los. Der Raum, den das Geheimnis vorher ausgefüllt hat, wird überbrückt, er wird mit Handlung gefüllt, was wiederum andere Handlungen auslöst – wie bei einer Kettenreaktion.

ZEITmagazin: Und was unterscheidet Geheimnis und Sünde?

Warren: Sünden sind geheim, aber nicht alles Geheime ist eine Sünde.

ZEITmagazin: Jeden zweiten Tag bringt Ihnen der Postbote eine Kiste voller Karten, seit mehr als einem Jahrzehnt geht das so. Langweilt Sie das nicht allmählich?

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