© Nadine Fraczkowski

Geschlechtsidentität Der Kampf um das Geschlecht

2,5 Millionen Deutsche wandeln im Niemandsland zwischen Mann- und Frausein. Und aus diesem Niemandsland wollen sie raus. Sie wollen Anerkennung. Dabei geht es um Deutungshoheit, Sprachregelungen und um Wahrheit. Gekämpft wird mit erstaunlicher Brutalität, mit Anfeindungen, Vernichtungsfeldzügen und Shitstorms. Von
ZEITmagazin Nr. 25/2017

Die Signale in der angesagten Bar Silver Future in Berlin-Kreuzberg sind klar: An der einen Wand ein Porträt von Audrey Hepburn – mit Schnauzbart. An der anderen ein Bild von Superman – mit voluminösen Brüsten. Hinter dem Tresen das Schild: "Congratulations. You are leaving the heteronormative Sector." Man verlässt hier also den heteronormativen Sektor und wird dazu beglückwünscht.

"Heteronormativ", das lernt schnell, wer in die Szene eintaucht, ist ein Kampfbegriff. "Heteronormativ" ist ein permanenter Vorwurf an die Welt jenseits von Orten wie Silver Future, an jene überkommene Gesellschaft da draußen, die die Menschheit noch in Mann und Frau einteilt und zur Norm erklärt, dass Männlein sich mit Weiblein paart. Ihr gegenüber stehen die, die anders leben wollen. Sie fassen sich im sperrigen Akronym LGBTIQ zusammen: also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Intersexuelle und Queere. Lange Zeit forderten sie vor allem die Akzeptanz der homosexuellen Liebe. Nun – nachdem dieses Ziel so wie gut erreicht ist – hat sich ihr Streben weiterentwickelt: Sie bestehen auf dem Recht, sich gar nicht mehr auf ein Geschlecht festlegen lassen zu müssen.

Laut der groß angelegten ZEIT- Vermächtnis-Studie von 2016 wandeln 3,3 Prozent der deutschen Bevölkerung in einem Niemandsland zwischen Mann- und Frausein. Entweder weil sie heute ein anderes Geschlecht haben als bei ihrer Geburt oder weil sie sich weder mit dem Attribut weiblich noch männlich identifizieren. 3,3 Prozent der Deutschen: Das sind knapp 2,5 Millionen, so viel wie alle Einwohner der Großstädte München und Köln zusammen. Menschen, die die Öffentlichkeit lange kaum wahrnahm, drängen nun mit aller Macht auf Anerkennung. Nicht nur hierzulande, sondern in allen Ländern der westlichen Welt.

Erhebliches Aufsehen erregten sie vor allem mit der Toilettenproblematik oder dem bathroom war, wie die Debatte in den USA mittlerweile genannt wird. Dabei geht es – für Einsteiger ins Thema – darum, ob in öffentlichen Gebäuden Toiletten für Menschen vorgehalten werden sollten, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen. Oder ob man nur noch "Unisex-Klos" für alle Geschlechter braucht.

Berlin, dessen rot-rot-grüne Regierung im Koalitionsvertrag verspricht, die Stadt zur Regenbogenhauptstadt zu machen, prüft gerade die Einrichtung solcher Toiletten. Die Gegner des Plans greifen sich an den Kopf: Hat die Hauptstadt keine anderen Probleme? Als eine seiner letzten Amtshandlungen verschickte Präsident Barack Obama die Anordnung an alle Schulen, jedes Kind dürfe von nun an die Toilette seiner Wahl benutzen, auch wenn Pass oder Körperbeschaffenheit ein anderes Geschlecht nahelegten. Dies war eine der ersten Regelungen, die Donald Trump kippte. Er ist ein heteronormativer Politiker, keine Frage.

Der Toilettenstreit wirkt bizarr, ist aber Symptom einer weitaus grundsätzlicheren Auseinandersetzung. Wer die Frontlinien abschreitet, merkt: Es geht um die Frage, ob die Zweiteilung in die ewigen Menschheitskategorien Mann und Frau künftig obsolet wird. Aber wer befindet über deren Abschaffung? Die Minderheit, die sich diskriminiert fühlt? Oder die Mehrheit, die darauf beharrt, dass das Schema für die allermeisten Menschen immer noch passt?

Es geht um Deutungshoheit, um Sprachregelungen, um Wahrheit. Gekämpft wird mit erstaunlicher Brutalität, mit Anfeindungen, Vernichtungsfeldzügen und Shitstorms. Die Sache mit dem Geschlecht ist womöglich eins der am verbissensten geführten ideologischen Gefechte der Gegenwart.

Beginnen wir mit der biologischen Grundlage, am besten an der Hochschule Merseburg, in einem Wissenschaftlerbüro, 20 Gehminuten von der Innenstadt, aber deutlich weiter vom gesellschaftlichen Konsens entfernt. Professor Heinz-Jürgen Voss, Ende 30, schwul, schwarzes Shirt, schwarze Wolljacke, hat sich Zeit genommen, um seine Botschaft zu erläutern. Das ist auch notwendig. Denn Voss verkündet Ungewöhnliches: "Die Einteilung in Männer und Frauen hat mit biologischen Eigenschaften wenig zu tun." Unser Sortieren in zwei Geschlechter sei vereinfachend und werde der Komplexität der menschlichen Biologie nicht gerecht. Voss ist ein fachlicher Zwitter. Er hat Biologie mit Schwerpunkt Genetik studiert, aber auch Sozialpolitik und Geschlechterforschung. Heute ist er Professor für Sexualwissenschaft, und als solcher hat er ein Ziel. Er will, dass Geschlecht als etwas Fließendes begriffen wird. "Es ist eine extreme Zuspitzung, zu behaupten, dass es nur zwei Entwicklungsmöglichkeiten gibt", sagt er.

In der Tat: Am Anfang sind wir alle geschlechtslose Urwesen. Bis zur sechsten Schwangerschaftswoche haben Embryonen äußerlich noch kein unterscheidbares Geschlecht. Die Organe wachsen erst später, männliche bei den Embryonen, die ein Y-Chromosom tragen. In der Regel.

Aber eben nur in der Regel. Bei etwa jedem 500. Neugeborenen bricht die Natur mit diesem Prinzip und erschafft Zwischengeschlechter, das ist ungefähr ein Kind in jeder größeren Schule. Deren Schicksal nehmen wir aber kaum wahr, denn noch immer formen Mediziner intersexuelle Babys mithilfe von Skalpell und Hormonen entweder zu Jungs oder zu Mädchen. Dabei ist es inzwischen gesellschaftlicher Konsens, dass Entscheidungen von derartiger Tragweite eigentlich jeder selbst treffen sollte, vor der Pubertät zum Beispiel.

Für Heinz-Jürgen Voss sind solche geschlechtlich unbestimmten Kinder der Beweis, dass es zwischen der männlichen und der weiblichen Hemisphäre ganze Welten gibt, die wir nicht länger ignorieren dürfen. Und vielleicht, sagt er, sei unsere Geschlechtersortierung nach Chromosomensätzen sowieso willkürlich. Das lehre doch schon ein Blick ins Tierreich. "Es gibt Säugetiere, bei denen wir keinen Chromosomen-Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Tieren erkennen", sagt er. Welche? "Japanische Landratten und Mull-Lemminge."

In den nächsten zwei Stunden dekliniert er alle messbaren Unterschiede zwischen den Geschlechtern durch, erst Gehirn, dann Körper. In einem Punkt hat Voss fraglos recht: Viele der neurologischen "Warum Frauen nicht einparken und Männer nicht zuhören können"-Studien stehen auf extrem dünnen Daten-Beinchen. Da wird von minimalen Fallzahlen hochgerechnet, da werden statistische Unschärfen aufgeblasen, und es wird sehr munter verallgemeinert. Die amerikanische Psychologin Janet Hyde hat 7.000 Einzeluntersuchungen zu Geschlechterunterschieden ausgewertet. Ihre Liste der glasklaren Mann-Frau-Eigenschaften ist kurz: Frauen werfen nicht so weit, sie lehnen Gelegenheitssex tendenziell eher ab, sind weniger aggressiv und masturbieren seltener. Etliche Untersuchungen legen zudem nahe, dass Männer ein besseres Raumverständnis haben. Eine überschaubare Liste.

Betrachtet man aber die menschlichen Körper, sieht alles schon anders aus. Und da, so scheint es, greift Voss in dieselbe Trickkiste wie die "Der Mann stammt vom Mars"-Prediger. Er räumt ein, dass es im Durchschnitt Geschlechterunterschiede bei der Muskelmasse, dem Fettgehalt, der Hormonverteilung gibt. Allerdings nie ohne ein angehängtes Aber. Sind Männer nicht größer, haben sie kein schmaleres Becken, sind sie nicht muskulöser, und ist nicht der Testosterongehalt in ihrem Blut höher? Doch, das mag "im Schnitt" so sein, sagt Voss, aber es gibt Frauen, die diese Werte ebenfalls erreichen.

Er denkt etwa an Caster Semenya, die 800-Meter-Läuferin mit dem kantigen Körper, die als Teenager vor fast zehn Jahren bei der Leichtathletik-WM in Berlin all ihren Konkurrentinnen spielend davonlief und an der nachher die Sportfunktionärswelt verzweifelte, weil ihr weiblicher Körper die hormonelle Ausstattung eines Mannes aufwies, wie der Dopingtest ergab. Ein Jahr lang brüteten die Experten darüber, ob Semenya nun ein Mann sei oder eine Frau. Sie durfte als Frau starten, musste aber zunächst Testosteronsenker nehmen. 2015 fiel diese Regel, Semenya lief ohne medikamentöse Bremse gegen andere Frauen und gewann das 800-Meter-Rennen bei den Olympischen Spielen in Rio. Ihr Fall zeigt, wie schwer wir uns, auf Schwarz und Weiß getrimmt, mit dem Grau zwischen den Geschlechtern tun.

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