© Illustration Raúl Soria

Gutschein Die persönliche Schuldenkrise

Es gilt als originell, sich Gutscheine für gemeinsame Unternehmungen zu schenken. Nur: Wann werden die jemals eingelöst? Von
ZEITmagazin Nr. 25/2017

Zu runden Geburtstagen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen Geschenkgutscheine der Elektrokette MediaMarkt oder des Möbelhauses Ikea zu übergeben, wie sie in der Nähe vieler Supermarktkassen baumeln, gilt, unabhängig vom Wert des Gutscheins, nicht als schick, sondern als geradezu billig. Offenbar denkt der Schenkende: "Irgendwas aus dem Elektroladen oder von Ikea wird Michael ja wohl wollen, sich vielleicht sogar wünschen oder, wenn das nicht der Fall ist, eben brauchen." Und damit denkt er nicht verkehrt, und doch wird er belächelt, und noch beim Geburtstagskaffee, kaum hat er den Tisch verlassen, findet sich ein Gast, der erklärt, die Elektrokette und das Möbelhaus machten einen Millionengewinn mit diesen Gutscheinen im Plastikkartenformat, allein dadurch, dass sie nie jemand eintausche und sie stattdessen hinter Schuhschränke rutschten oder für immer in Krimskramskisten verschwänden.

Großes "Ouh" und "Aah" hingegen erntet jener Schenkende, der um die Plastikkartenständer einen Bogen schlägt, stattdessen auf einer stabilen Pappe eine Miniaturberglandschaft aus Tonpapier und Playmobilfiguren bastelt und diese Landschaft mit der Absicht verschenkt, den Jubilar oder das Hochzeitspaar alsbald zu einem Wochenende in die Berge einladen zu wollen, wobei er selbst den Bergführer gebe und sich vom Picknick bis zum Buchen der Schlafplätze um alles kümmern werde.

Das Schenken ist in Deutschland, wo viele behaupten: "Wir haben ja alles", längst kein Wettbewerb mehr um das wertvollste Geschenk, stattdessen aber um das originellste und persönlichste. Eine Flasche Wein, die in den 1980er Jahren immer okay war, auch zu Geburtstagen, gilt heute allerhöchstens noch als Notfallgeschenk oder als ein Geschenk für die spontane Einladung, ganz sicher aber nicht für den 50. Geburtstag eines Freundes. Weil es viel Zeit kostet, einen lange heimlich gewünschten, im Fahrradhandel nicht erhältlichen Korb aus Holz in einer Schreinerei anfertigen zu lassen, was wohl als genügend originell gelten würde, nimmt der Geschenksuchende einen hoch verzinsten Zeitkredit auf: Für die Zeit, die er sich vor dem Fest nicht nimmt – wenn es sein muss, ist so ein Gutschein in zwei Minuten gefertigt –, verspricht er, sich sehr bald, also demnächst, richtig ins Zeug zu legen, für die verschenkte Wandertour, den Kanuausflug, das Wochenende in der anderen Stadt. Er verspricht, noch mal mehr Zeit herzugeben, man werde nämlich gleich einen ganzen Tag, ach was, ein ganzes Wochenende miteinander verbringen. Und weil geglaubt wird, was in jedem zweiten Interview mit Schauspielern steht, nämlich, dass Zeit das Wertvollste überhaupt ist, steht man für den Moment der Feier als schenkender Superstar da.

Die dunkle Seite dieser Art von Unternehmungsgutscheinen ist jedoch, dass sie so gut wie nie eingelöst werden. Ich habe in einer peinvollen Selbstanalyse festgestellt, dass ich in den vergangenen Jahren mindestens folgende Versprechen nicht eingelöst habe: einen Ausflug mit einem Porsche, eine Nachtwanderung, ein Zelt-Wochenende, einen Restaurant-Besuch, einen Kanuausflug auf der Ruhr, eine Draisinenfahrt durch Brandenburg, einen gemeinsamen Besuch eines Union-Berlin-Spiels. Will man meine Schuld bemessen, kommt erschwerend hinzu, dass ich zwar, wenn ich 20 Euro Schulden bei einem Kollegen habe, ein schlechtes Gewissen bekomme und sie möglichst schnell zurückzahle, in all den genannten Fällen aber hat mein Gewissen keine messbaren Signale gemeldet – und darum wurde immer verantwortungsloser weitergeschenkt. Offenbar konnte ich meinem Gewissen erfolgreich weismachen, dass, indem zweimal erfolglos versucht wurde, einen Porsche 911 zu mieten (das ist gar nicht so leicht, wer hätte das ahnen können? Zur Vorrecherche war damals wirklich keine Zeit), guter Wille gezeigt wurde und der Fall erledigt ist. Und ist es nicht dem Beschenkten auch ganz recht, dass die Sache nach einer Weile beigelegt wird wie ein juristisches Klein-Klein, das man dem Frieden zuliebe nicht bis in alle Ewigkeit austragen will?

Eine Umfrage in der ZEITmagazin-Redaktion ergab, dass der kollektiv angehäufte Schuldenberg so hoch ist, dass selbst Wolfgang Schäuble nicht mehr an einen vollständigen Abtrag glaubt. Unter anderem trat in der anonymen Befragung Folgendes zutage: ein Schreinerkurs, ein Drachensteigen auf dem Tempelhofer Feld, ein Tag im Freibad, das Digitalisieren sämtlicher analogen Fotos.

Die Weltwirtschaft, daran besteht kein Zweifel, würde zusammenbrechen, wenn alle diese Gutscheine binnen sechs Wochen eingelöst werden wollten. Sämtliche Jahresurlaube müssen ad hoc genommen werden, Dax-Unternehmen werden handlungsunfähig. In Kanuvermietungen in Mecklenburg-Vorpommern spielen sich dramatische Szenen ab, weil der Kanuverleiher nicht da ist, weil er selbst dringend mit seiner Mutter die Elbphilharmonie besuchen muss. Chaos bräche aus. Und Menschen, die sich seit Jahren keine SMS mehr geschickt haben, liegen plötzlich nebeneinander im Zelt und müssen, wenn es regnet, Uno spielen. So real diese Drohkulisse auch ist, die Welt verschließt vor ihr die Augen. Ist wahrscheinlich auch besser so.

Wie gut, dass dieser Artikel nicht nur mit einem düsteren Ausblick endet, sondern eine Lösung bereithält. Gutscheine dieser Art sind sehr wohl erfüllbar, wenn Folgendes beachtet wird: 1. muss zum Zeitpunkt des Schenkens bereits der Zeitpunkt des Einlösens feststehen. 2. ist dabei mit Personen, die in möglichst enger Beziehung zum Beschenkten stehen, wegen der Terminfrage Rücksprache zu halten. 3. muss die Berghütte/der Massagekurs/der Mietporsche fest gebucht und vorab bezahlt werden. Dann, aber auch nur dann, kann es klappen.

Was jedoch Altgutscheine anbelangt, ausgestellt vor dem Stichtag 15. Juni 2017, plädiere ich der Weltwirtschaft zuliebe für einen Schuldenschnitt. Tut mir leid, Freunde.

Kommentare

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Das Schenken geschieht (bei mir) immer als Geste des "Ich habe an dich gedacht", manchmal (oder wenn die Person einem besonders Nahe steht) sogar ein "Ich habe an dich gedacht und mir Gedanken gemacht, was du brauchen/wollen könntest". Selbst wenn es am Ende nicht passt, zählt doch der Gedanke mehr, als der materielle Wert des Geschenkes.

Auch ein Wein ist aus meiner Sicht nicht unbedingt ein Verlegenheitsgeschenk, wenn man weiß, dass der Beschenkte sich darüber ehrlich freuen könnte.

Auch wenn Sie prinzipiell recht haben, spielt natürlich immer das „wie“ eine Rolle. Eine Flasche Liebfrauenmilch im Supermarkt mitgenommen zu haben, ist anders zu bewerten als der Premier Cru aus dem Geburtsjahr des Jubilars, selbst wenn dieser ausgewiesener Fan von Liebfrauenmilch ist. Solange nicht zu erkennen ist, dass komplizierte Überlegungen zu einer besonderes individuellen Wahl des Weines geführt haben, glimmt der Verdacht des „mir fiel nichts Besseres ein.“

Im Gegensatz zu den drei vom Autor genannten Voraussetzungen, haben sich m.E. eher folgende Voraussetzungen als förderlich erwiesen.
1) Schenker und Beschenkter treffen sich sowieso mehrmals im Jahr, sodass eines der Treffen in die Gutscheinaktivität umgewandelt werden kann.
2) Man schenkt in der Gruppe statt allein, sodass man sich regelmäßig gegenseitig erinnern kann und diese lästige Aufgabe nicht dem Beschenkten obliegt.
3) Man hält Art, Dauer und Zeitpunkt des Geschenkes möglichst unkonkret, sodass man im Nachhinein flexibel ist - z.B eine gemeinsame Fahrradtour, ein gemeinsamer Ausflug in den Thüringer Wald.