Das war meine Rettung "Wir hatten Glück im Unglück"

Der Fußballprofi Matthias Ginter hat zwei Anschläge erlebt und daraus eine Menge Lebenskraft geschöpft. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 26/2017

ZEITmagazin: Herr Ginter, wann haben Sie mit dem Fußballspielen begonnen?

Matthias Ginter: Schon sehr früh, mit vier Jahren. Mein Vater war Jugendtrainer in unserem Heimatclub SC March in der Nähe von Freiburg. Ich war immer dabei, und als ich elf Jahre alt war, kam ich in die Jugendmannschaft des SC Freiburg, dann als jüngster Spieler in die Freiburger U-19-Mannschaft. Mein großes Ziel war von klein auf, Profi zu werden, trotzdem war die Schule immer wichtig: Es musste das Abitur sein.

ZEITmagazin: Abi und Profifußball, wie bekommt man das eigentlich unter einen Hut?

Ginter: An meinem Bruder, der aufgrund einer Verletzung früh mit dem Fußball aufhören musste, habe ich gesehen, was alles passieren kann. Zwei Tage vor meinem Debüt als Profi habe ich meinen 18. Geburtstag gefeiert. Und drei Monate später folgte schon das Abitur. Die zeitliche Überschneidung zwischen Trainingsplatz und Schreibtisch, das war schon stressig für mich. Ohne eine Menge Fleiß und Selbstdisziplin schafft man das nicht. Auch nicht ohne das Quäntchen Glück.

ZEITmagazin: Glück?

Ginter: Natürlich ist vor allem die eigene Leistung entscheidend. Glück gehört aber insofern auch dazu, als dass der Profitrainer oder ein Scout am richtigen Tag auf der Tribüne sitzen und das Talent erkennen muss. Viel hängt auch davon ab, ob der Trainer in einer Drucksituation, wie zum Beispiel im Abstiegskampf, auf junge Spieler setzt – wie das bei mir in Freiburg der Fall gewesen ist. Man braucht auch Glück, um es zu schaffen.

ZEITmagazin: Manchmal hat man Pech, wie 2012, als Sie eine Rückenverletzung erlitten.

Ginter: Es war mein erstes Jahr in der Bundesliga, und ich hatte kein einziges Spiel ausgelassen. Mein Körper hat mir ein Zeichen gegeben, dass er unbedingt eine Pause braucht. Es war eine Überlastungsreaktion, im Rücken ist an einem Wirbel ein Haarriss aufgetreten. Ich musste zwei Monate ein Korsett tragen, konnte vier Monate nicht spielen.

ZEITmagazin: Gab es damals einen Punkt, an dem Sie gedacht haben: Das ist das Ende?

Ginter: Ich war niedergeschlagen. Es war keine einfache Zeit für mich, vor allem der Gedanke, nicht mehr das machen zu können, was ich am liebsten tue: Fußball spielen. Wenn ich auf dem Rasen stehe, denke ich an nichts anderes mehr. Alle Sorgen sind weg. Diese Phase hat mir bewusst gemacht, wie sehr ich auf mich achten muss. Seitdem mache ich täglich spezielle Übungen, um Verletzungen vorzubeugen.

ZEITmagazin: Sie saßen im April 2017 im BVB-Mannschaftsbus, als ein Anschlag auf das Team verübt wurde. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?

Ginter: Im Bus saß ich wie immer in der letzten Reihe. Als wir losgefahren sind, gab es plötzlich einen lauten Knall, neben mir ist die Scheibe explodiert. Überall flogen Glassplitter herum. Wir sind alle auf den Boden. Wenn wir im Bus keine extra dicke Verglasung gehabt hätten, wäre viel Schlimmeres passiert. Wir hatten Glück im Unglück. Die Ärzte und Physiotherapeuten im Bus haben uns sofort versorgt. Für uns war ziemlich schnell klar, dass wir nicht sofort wieder Fußball spielen können. Das Nachholspiel am nächsten Tag erlebte ich wie in Trance. Man hat versucht, auf dem Platz zu funktionieren. Selbst nach drei oder vier Tagen konnte ich nicht einfach in den Alltag zurückkehren.

ZEITmagazin: Sie haben sogar zwei Anschläge überlebt: Im November 2015 waren Sie mit der deutschen Nationalmannschaft im Stade de France, als in Paris die koordinierten Terrorattacken ausgeführt wurden. Was haben diese Ereignisse mit Ihnen gemacht?

Ginter: Die Gedanken an diese Gewalt schweben immer ein bisschen mit, das gilt wahrscheinlich für jeden, der solche prägenden Erfahrungen gemacht hat. Wenige Wochen nach dem Anschlag auf unseren Bus war ich mit meiner Freundin an der Rheinpromenade in Düsseldorf spazieren, als ein Lastkraftwagen ganz langsam vorbeifuhr. Da fing für einen Augenblick das Kopfkino an. Lkw wurden in der Vergangenheit auch schon benutzt, um Menschen zu töten. Für einen kurzen Moment habe ich sogar darüber nachgedacht, mit dem Fußball aufzuhören, weil man auch in Zukunft vor Anschlägen nicht gewappnet sein kann. Aber ich will und werde weitermachen. Ich werde nicht zulassen, dass mir jemand nimmt, was ich am meisten liebe. Ich denke, dass das für uns alle gilt. Im Leben ist nichts zu hundert Prozent sicher. Wir müssen es genießen, an allem festhalten, was wir lieben und was uns guttut. Es geht immer weiter. Und es wird alles gut. Wie damals bei meiner Verletzung.

Das Gespräch führte der Psychologe Louis Lewitan. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

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