Harald Martenstein Über Berliner Engpässe

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ZEITmagazin Nr. 27/2017

Ich lebe in Berlin. Ein Berliner Leben beginnt mit der Geburt. Seit einiger Zeit gibt es nicht mehr genügend Kreißsäle. Der Präsident der Ärztekammer hat in einem Interview gesagt, dass neuerdings Hebammen manchmal zwei Geburten gleichzeitig betreuen. Ich weiß nicht, ob mit jeder Hand eine oder ob sie immer hin und her springen. Dem Tagesspiegel sagte eine Berliner Mutter, die eigentlichen Komplikationen hätten trotzdem erst nach der Geburt begonnen. Auf die Geburtsurkunde muss man in Berlin nämlich bis zu drei Monate warten. Aber die Krankenkasse zahlt für das Kind nur sechs Wochen lang, danach will sie die Geburtsurkunde sehen. Eine Mutter berichtete, dass sie sich, um diese verdammte Geburtsurkunde zu kriegen, um fünf Uhr morgens vor dem Amt anstellen sollte, mit einem Neugeborenen und nach einem Kaiserschnitt ist das gar nicht so einfach.

Um die Arztrechnung erst mal selber zu bezahlen, braucht man Geld. Die Wartezeit für das Elterngeld beträgt in Berlin aber bis zu vier Monate. Heiraten ist auch schwieriger geworden. Aus dem Bezirk Mitte wurde vor ein paar Wochen berichtet, dass sich Heiratswillige um vier Uhr morgens mit Klappstühlen und Stullen vor dem Amt versammeln, um einen Termin für die Hochzeit zu bekommen. Pro Tag werden nur zehn Termine vergeben, dann ist Schluss. Dies sei "keine schöne Sache", sagte eine Braut in spe. Die zuständige Stadträtin von der Linken sagt, Standesbeamte bräuchten eine Ausbildung, diese Anforderung wirke "abschreckend". Deshalb findet man niemand.

Über die Berliner Schulen ist nur zu sagen, dass viele kaputt sind. Sie wollten in Berlin eine Schülerdatenbank einführen, nach neun Jahren fieberhafter Arbeit wurde jetzt die erste Schule an die Datenbank angeschlossen. Ein Kollege hat ausgerechnet, dass es in Berlin genau 11.016 Jahre dauern wird, bis die Datenbank komplett ist. 2013 hat der Bürgermeister Wowereit versprochen, dass in Berlin 5.000 Studentenwohnungen "kurzfristig" gebaut werden. Sein Nachfolger Müller hat die Studentenwohnungen sogar zur Chefsache gemacht – das ist in Berlin immer ein schlechtes Zeichen. Mit dem Wohnungsprojekt sind außerdem ein Staatssekretär und zwei Senatoren betraut, fertig ist trotzdem noch keine. Ende des Jahres soll das Versprechen endlich in leicht reduzierter Form eingelöst werden, mit 129 Wohnungen.

Ein Auto zuzulassen dauert nur 14 Tage, aber die Mühe kann man sich sparen: Weil die Verkehrslenkung und die Baustellenkoordination nicht mehr funktionieren, herrscht ständig Stau. Die zuständige Behörde hat seit zwei Jahren keinen Chef mehr – da braucht man eine Ausbildung. Für meine Generation ist es besonders betrüblich, dass man in Berlin auch auf eine Bestattung acht Wochen warten muss. Bestattungsscheine sind Bückware. Der Schein ist wichtig, weil sonst jeder Mörder sein Opfer noch vor der Obduktion schnell kremieren lassen könnte. Die Bestattungsbehörde hat keine Software, das ginge noch, aber jetzt stand in der Zeitung, dass sie auch keine Hardware haben. Als Nächstes bricht in Berlin die Versorgung mit Gemüse zusammen, weil alle Kühlhäuser mit Leichen überfüllt sind. Wenn man der Familie Stress ersparen will, meldet man sich als älterer Mensch selbst am besten schon zu Lebzeiten an und verkauft, falls man die acht Wochen übersteht, die Beerdigungserlaubnis auf dem Schwarzmarkt.

Es ist fast wie in Venezuela, die Regierung hat ja auch eine ähnliche politische Ausrichtung. Ihr Völker der Welt: Baut nicht auf diese Stadt!

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Kommentare

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"... fast wie in Venezuela ... ähnliche politische Ausrichtung". Bloß weil der Saar-Oskar mal den "Chavismus" gelobt hat - täte er das heute angesichts der linksfaschistischen Entartung auch noch?! Richtig perfide, wenn auch amüsant aber ist, den folgenden Satz mit der Persiflage eines berühmten Berliner OBs zu beginnen "Völker der Welt ..." Das schreit nach Konter (auszugsweise aus dem Wiki-Artikel zu Ernst Reuter): "In Magdeburg zeigten sich, wie überall in Deutschland, in den Jahren der Weltwirtschaftskrise starke Kräfte einer politischen Desintegration. In den Tagen der Oberbürgermeisterwahl attackierte die KPD Reuter, der für Misswirtschaft im Berliner Verkehrswesen verantwortlich gewesen sein sollte. ... Zu dieser politischen Situation gesellte sich ein zerrütteter kommunaler Haushalt: Ein Drittel aller Ausgaben musste aufgrund der auch in Magdeburg rasant steigenden Arbeitslosigkeit für Unterstützungsempfänger verwendet werden. Wie viele andere Städte verlor die Stadt 1931 weitgehend ihre Finanzhoheit, als ein preußischer Staatskommissar eingesetzt wurde, um drastische Sparmaßnahmen durchzusetzen und um die kommunalen Steuern neu zu regeln". Was also sei angeraten für Berliner Verhältnisse? Import - natürlich eines erfahrenen OB (analog zu Reuter). Und woher nehmen und nicht stehlen? Wie wäre es Olaf Scholz (derzeit HH)? Immerhin ist unter dessen Ägide die "ElPhi" fertig geworden - da sind die Berliner "FluPhi", "HeiPhi", "GrabPhi" Sache für den Volkskommissar.