Stilkolumne Von den Socken

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 27/2017

Vor allem Männer mögen es offenbar, ihren nackten Fuß in den Schuh zu stecken oder barfuß zu gehen. Der Schauspieler und Unternehmer Til Schweiger will den lässigen Stil gar durchsetzen, indem er eine Lifestyle-Marke mit dem Namen "Barefoot Living" gegründet hat. Jetzt stellt sich die Frage, ob der nackte Fuß nicht überschätzt wird. Fußsohlen verhornen, die Zehennägel wachsen ein, oft sind die Füße der am meisten vernachlässigte Körperteil. Das muss man nicht schlimm finden, man könnte aber dem Kleidungsstück, das die Öffentlichkeit vor solchem Anblick schützt, mehr Respekt zollen: dem Strumpf. Er ist der Schwerarbeiter unter den Kleidungsstücken, denn er muss den Fuß wärmen und den Schuh schonen, gleichzeitig auch noch Schweiß aufnehmen. Und wenn sein Gegenstück abhandenkommt, darf er allenfalls eine Zeit lang in der Schublade herumlümmeln, bevor er entsorgt wird. Nicht mal ein erotisches Moment ist ihm beschieden: In Unterwäsche kann man sich sexy fühlen. Aber in Strümpfen?

Trotz seines Imageproblems rückt der Strumpf zunehmend ins Zentrum des Interesses. Das hängt zum einen mit der neuen Konzentration auf Häusliches zusammen: Menschen laden sich gerne gegenseitig in ihre Wohnungen ein, sind sich aber unsicher, ob man drinnen Straßenschuhe tragen darf. So kommt es, dass ganze Partygesellschaften in vorauseilendem Gehorsam in Strümpfen herumstehen. Ob man darin eher einen Triumph der Liederlichkeit oder der Ungezwungenheit sieht, ist eine Frage der Perspektive. Entscheidend ist vielmehr, dass bei solchen Anlässen der Strumpf jene Repräsentationspflicht wahrnimmt, die vorher dem Schuh zugedacht war.

Hinzu kommt, dass der Strumpf gelegentlich stilistische Sonderaufgaben erfüllen muss, wiederum vor allem bei den Herren. Früher, als man noch Krawatte trug, konnten sich alternde Männer das Image des Nonkonformisten verschaffen, indem sie sich "ausgefallene" Krawatten umbanden, zum Beispiel solche mit wilden Mustern oder Comicfiguren. Die Krawatte ist aber leider aus der Mode, die Zukunft gehört dem bunten Strumpf. Als Vorreiter dieser Bewegung kann der ehemalige US-Präsident George Bush sen. gelten, der sich bevorzugt in gestreiften oder pinkfarbenen Strümpfen zeigt. Man sieht, es kommen wichtige Aufgaben auf dieses Kleidungsstück zu, weshalb man es nun vermehrt in der Laufsteg-Mode sieht. Zunächst allerdings nur bei den Damen: Rochas zeigt elegante Kniestrümpfe aus leicht durchscheinendem Material, bei Gucci sind sie opulent gemustert, und N°21 setzt auf den bodenständigen Klassiker aus Wolle. Was jetzt noch fehlt, sind Strümpfe, in denen Männer sich sexy fühlen.

Foto: Peter Langer / Auf großem Fuß leben mit Strümpfen von N°21

Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren