Harald Martenstein Über Distanzierungen und Gemeinsamkeiten

Wer "Islamkritiker" und "Moslemhasser" in einen Topf wirft, sollte noch einmal gründlich nachdenken, findet unser Autor. Bei einem Konzert der Beachboys Von
ZEITmagazin Nr. 29/2017

Meine politische Biografie hat, wie schon mal erwähnt, mit dem Erschrecken über die Naziverbrechen begonnen. Da war ich 13 oder 14. Ich fühlte mich schuldig, obwohl ich mit den Nazis nichts zu tun hatte und obwohl einer meiner Vorfahren von den Nazis umgebracht worden ist. In dem Land, in dem ich aufwuchs, war es üblich, dass dieser Verbrechen regelmäßig gedacht wurde und dass man sich verantwortlich fühlte. Die Nazis hatten sich auf Deutschland berufen, sie waren Deutsche. Wir waren es auch.

Was für ein Unsinn. Ich will mich nicht rechtfertigen, ich will mich nicht distanzieren müssen von etwas, mit dem ich nichts zu tun habe. Es ist eine Frechheit, so was von uns Deutschen zu erwarten. Was hat der Durchschnittsdeutsche von heute mit den Nazis zu tun? Nichts. Außerdem, die Deutschen können noch so oft auf Anti-Nazi-Demos mitlaufen, die Juden werden sie doch nicht akzeptieren.

Die Sätze im vorigen Absatz stammen natürlich nicht von mir. Es sind, leicht verändert, Sätze aus zwei Kommentaren, die vor ein paar Wochen nach einer gescheiterten Anti-Terror-Demo deutscher Muslime verfasst wurden, zu der die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor aufgerufen hatte. Es kamen nur ein paar Leute, 1.000 vielleicht, die Hälfte davon angeblich Nichtmuslime. Die Kommentare standen auf Spiegel Online und auf ZEIT ONLINE. Den einen hatte ein stramm linker Biodeutscher geschrieben, den anderen eine Muslimin. Und mir fiel halt auf, dass die Argumentation ein bisschen dem Sound ähnelt, in dem die Rechte über die Naziverbrechen spricht.

Ich unterstelle den Kollegen nicht, dass sie rechtsradikal sind, ich gebe nur einen Denkanstoß. Erklärt mir bitte mal, wieso die Nazis sehr wohl etwas mit Deutschland und dem Nationalismus zu tun haben, der IS aber nicht das Geringste mit dem Islam. Ist es wirklich nur Zufall, dass die Islamisten sich auf den Islam berufen und nicht auf den Papst oder Greenpeace, und hätten die Nazis ihre Verbrechen auch im Namen der Schweiz begehen können? Sollten die Deutschen, die sich immer noch über die Naziverbrechen Gedanken machen, einfach ein bisschen muslimischer oder türkischer werden? Völkermord? An den Armeniern? Frechheit.

In einem der Kommentare hieß es, jetzt triumphierten, wegen des Misserfolgs der Demo, die "Islamkritiker und Moslemhasser". Das hat mich wütend gemacht. Ich finde es schlimm, "Islamkritiker" und "Moslemhasser" in einen Topf zu werfen, denn die Kritiker des real existierenden Islams sind ja sehr häufig Muslime und werden oft mit dem Tod bedroht, wie Salman Rushdie. Wenn "Islamkritik" verwerflich ist, dann sage ich: Herzlich willkommen im Mittelalter. In Berlin hat eine kritische Muslimin eine liberale Moschee gegründet, in der Männer und Frauen gemeinsam beten. Auch sie wird natürlich mit dem Tod bedroht, was sonst. Manche Deutsche gehen heute mit den muslimischen Dissidenten genauso schäbig um wie einst mit den Dissidenten im Ostblock. Warum konnten die nicht einfach die Schnauze halten? Wieder steht man, wie damals, auf der Seite der Macht.

Neulich war ich zum ersten Mal seit Jahren bei einem Popkonzert, bei den Beach Boys. Ich war nie ein großer Fan, aber ich wollte die noch mal gesehen haben, bevor es zu spät ist. Die Beach Boys waren besser, als ich erwartet hatte. Natürlich hat man heute ein bisschen Angst vor einem Konzert. Unter den Besuchern waren sicher auch etliche Muslime, liberale. Betonköpfe lehnen westliche Musik ab. Und wenn etwas passiert wäre, dann wären wir womöglich gemeinsam gestorben.

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