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Manspreading Ein breites Feld

ZEITmagazin Nr. 29/2017
In einigen Städten hängen jetzt Schilder in der U-Bahn, die Männer dazu auffordern, nicht mehr breitbeinig dazusitzen. Muss "manspreading" wirklich verboten werden? Von und

Ja

Männer, macht endlich die Beine zu! Ich weiß, breitbeinig rumstehen oder rumsitzen ist superbequem, und euer Geschlechtsteil braucht viel Platz und so.

Aber es gibt in dieser Welt, die immer voller wird und im besten Fall enger zusammenwächst, eben gesellschaftliche Regeln. Manche, das gebe ich zu, sind bekloppt. Zum Beispiel, dass man in Museen nur flüstern soll. Andere Regeln sind jedoch sehr sinnvoll. Sie helfen dabei, entspannt nebeneinander zu leben. Zum Beispiel, dass man beim Kauen den Mund geschlossen halten sollte oder in der U-Bahn nicht raucht.

Diese Regeln sagen ja eigentlich nur eines: "Nimm Rücksicht auf deine Mitmenschen." Und deshalb bin ich natürlich auch total einverstanden, dass Städte wie Madrid, New York und Seattle seit einiger Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln mit Schildern darauf hinweisen, dass Männer die Beine schließen und darauf achten sollten, nur einen Sitzplatz für sich in Anspruch zu nehmen. Weil das andernfalls nicht nur recht idiotisch aussieht, sondern ja tatsächlich auch anderen den Platz raubt.

Die Welt, in der Frauen und Männer miteinander leben, war lange Zeit eine andere. Es war eine Welt, in der der breitbeinige Mann in fast allen Belangen das Sagen hatte. Und ich fordere ja auch nicht, dass Männer ihre Beine jetzt zusammenpressen oder gar überschlagen müssen, und ich glaube auch nicht, dass wir in öffentlichen Verkehrsmitteln in Deutschland Schilder gegen das sogenannte manspreading anbringen müssen. Es würde schon reichen, wenn Männer aufhören könnten, so zu tun, als sei ihr Körper doppelt so breit. Als angemessener Maßstab könnte die Schulter dienen.

Zu Hause oder unter sich können Männer von mir aus im Spagat auf dem Sofa sitzen und sich der unendlichen Breite ihres Schrittes völlig hingeben. Aber in der U-Bahn, im Zug, im Bus und im Flugzeug, auf dem Amt, im Kino und im Konzertsaal wünsche ich mir: Dein Raum ist auch mein Raum.

Außerdem entsteht Wärme an Reibungsflächen. Ein Knie, das sich in einen fremden Oberschenkel hineinbohrt, das ist eher schmerzhaft. Zwei Schultern hingegen, die sich zum ersten Mal berühren – das kann sehr sexy sein.
Carolin Würfel

Nein

Ich bin für die Frauenquote, für geschlechtersensible Sprache, für Feminismus sowieso. Trotzdem finde ich, dass Männer so breitbeinig sitzen können sollen, wie sie mögen. Frauen auch.

Als ich zum ersten Mal davon hörte, dass in der New Yorker U-Bahn jetzt Schilder hängen, auf denen Männer aufgefordert werden, beim Sitzen ihre Beine nicht so weit zu spreizen ("Dude – Stop the Spread, Please"), dachte ich: Wie demütigend, so in die Körpersprache von Leuten einzugreifen. Und wie diskriminierend, Männer kollektiv mit dieser Art des Sitzens zu assoziieren. Klar, das hat auch etwas mit dem Platz zu tun, den manspreading – so der Fachbegriff – wegnimmt, aber nicht nur. Sonst würde man nicht speziell die Männer ansprechen. So sitzen Machos, Bauarbeiter, Betrunkene, Fußballer, Fußballerinnen und bisweilen auch feingeistige Altertumswissenschaftler, wenn sie gerade eine Gehaltserhöhung bekommen haben. Es ist eine Körpersprache, die Selbstverständlichkeit, Selbstvergessenheit, Lässigkeit und eben auch Männlichkeit signalisiert. Und auf Letztere zielt das Schild.

Den Körper zu regulieren ist ein Machtinstrument, auch in den weiblichen Körper und seine Bewegungsmöglichkeiten wurde in der Menschheitsgeschichte immer wieder begeistert eingegriffen: von gebundenen Füßen im alten China über Korsagen und Krinolinen bis hin zu den Burkas und dem Burkiniverbot an französischen Stränden. Aber wagt es heute jemand, Frauen in ihrem körperlichen Ausdruck zu beschränken, gibt es zumindest Diskussionen oder sogar einen Aufschrei – zu Recht. Man stelle sich das mal umgekehrt vor: Eine Behörde beschließt, dass hohes, kieksendes Lachen im öffentlichen Raum störend sei, und hängt Schilder auf, auf denen steht: "Chick – Stop the Giggle, Please". Es würde Proteste geben, in zahlreichen Talkshows zu dem Thema würden die Leute darüber stundenlang diskutieren.

Aber ihr Männer? Lasst das alles über euch ergehen. Sitzt mit gesenktem Kopf und übereinandergeschlagenen Beinen da und sagt... gar nichts. Und rächt euch dann hintenherum, indem ihr schlecht über Frauen redet, wenn wir nicht dabei sind. Oder indem ihr verrückte Personen wählt, die Dinge aussprechen oder twittern, die ihr euch nicht auszusprechen traut.

Dann doch lieber Aufschrei.
Heike Faller

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