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Sport No Sports

ZEITmagazin Nr. 29/2017
Unsere Art-Direktorin hat keine Lust, ihren Körper zu optimieren. Sie will nicht kämpfen, sondern einfach nur gut leben. Ein Plädoyer gegen zu viel Bewegung Von

Ich treibe keinen Sport, nicht ein bisschen. Aber nicht aus Prinzip – es fehlt mir schlichtweg die Zeit. Beziehungsweise: Es ist einfach nicht meine Priorität. Ich habe zwei Kinder im Kita- und Schulalter, arbeite tagsüber, und wenn ich abends heimkomme, will ich Zeit mit meiner Familie verbringen, ohne Joggen und Sit-ups. Wenn ich dann nicht zu müde bin, schaffe ich es noch, die Folge einer Serie zu schauen oder in einem Buch zu lesen. Oder ich treffe mich mal zum Essen oder gehe ins Kino. Das ist mir alles anstrengend genug. Ins Schwitzen komme ich dabei allerdings nicht.

Meine Muskeln sind kaum sichtbar, aber sie reichen aus, um zwei Kinder hochzuheben, vier Tüten Einkauf zu tragen und einen vollgepackten Koffer ins Auto zu wuchten. Wenn ich nach der Arbeit durch die Sommerluft nach Hause radle, dann fühlt sich das gut an, und ich gerate auch nicht sofort außer Atem. Ich schaffe sogar mit Mühe einen Klimmzug, was für Frauen beachtlich sein soll. Alles ohne Sport. Beichte ich in Gesprächen mit Kollegen oder Freunden jedoch mein sportfreies Leben, ernte ich schiefe, mitleidige, ja besorgte Blicke. Als wäre ich krank oder hätte ein Suchtproblem. Als lebte ich in Sünde.

Dabei macht mir Sport sogar Spaß – soweit ich mich erinnere. Ich habe zum Beispiel mal gerne Tennis gespielt und könnte mir vorstellen, wieder damit anzufangen. Ich gehe auch eine Woche im Jahr Ski fahren, aber in einem Fitnessstudio würde ich mich nicht anmelden, selbst wenn ich dafür Geld bekäme. Doch was ich tue oder lasse, spielt eigentlich keine Rolle – interessant finde ich, dass es in meinen Kreisen gesellschaftlich nicht akzeptiert ist, keinen Sport zu machen, und zwar egal aus welchen Gründen.

Ich optimiere meinen Körper nicht. Was riskiere ich dadurch? Dass mein Körper eventuell den neuesten Idealen nicht entspricht? Dass ich nicht topfit bin für diese Leistungsgesellschaft, weil ich keine 10 000 Schritte am Tag laufe?

Vor Kurzem sah ich eine bunt gekleidete Gruppe im Englischen Garten in München beim CrossFit – das ist so eine Trainingsmethode, die entfernt an Zirkeltraining aus dem Sportunterricht erinnert. Das Ganze sah aus wie in einem Ausbildungslager für eine Eliteeinheit der Bundeswehr, eine Art Drill-Sergeant brüllte Befehle, und die schwitzenden Marketingmanager und Betriebswirtschaftsstudentinnen quälten sich nach seinen Vorgaben mit Kniebeugen, Liegestützen, Sprints, Hampelmännern und anderen Übungen, als stünde der ganz große Überlebenskampf unmittelbar bevor. Ich bin schnell weitergegangen.

Ich will nicht kämpfen. Ich will einfach nur gut leben. Und manchmal ein bisschen länger schlafen.

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