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Thaimassage "Deutschland hat ein Nackenproblem"

ZEITmagazin Nr. 29/2017
Anong Stephan ist Thai-Masseurin im Regierungsviertel. Wenn nötig, bearbeitet sie ihre Kunden auch mit den Füßen. Hauptsache, sie fühlen sich wohl, wenn sie in Unterhose vor ihr liegen. Von

Vor wenigen Wochen bekam ich meine erste Thai-Massage. Überhaupt war es die erste professionelle Massage meines Lebens. Danach war ich ein neuer Mensch. Ich spürte meinen Körper, wie ich ihn nie zuvor gespürt hatte.

Und jetzt strecke ich meinen Leib wieder aus auf einer Liege im Baan-Nuad im Berliner Regierungsviertel. Baan-Nuad, das ist Thai für "Massagehaus". Ich lausche den leisen Klängen einer Bambusflöte aus den Lautsprechern, atme den Duft von Jasminblüten ein, blicke durch das Loch in der Liege auf das monotone Muster des Holzimitat-Kunststoffbodens. Anong Stephan, eine kleine Dame Anfang fünfzig mit hochgesteckten schwarzen Haaren, in lilafarbener Seidentunika mit passender Hose, schiebt die Tür zu dem winzigen Raum auf. Sie dimmt das Licht, deckt mich mit einem großen Badetuch zu. Dann nimmt sie sich mein rechtes Bein vor und streichelt und drückt sachte die Muskeln in meiner Wade.

ZEITmagazin: Frau Stephan, wie ist es, jeden Tag fremde Körper anzufassen?

Anong Stephan: Das ist mein Job. Und es macht mir Freude. Ich habe vor sechs Jahren mein Massage-Zertifikat gemacht. Aber schon seitdem ich ein kleines Kind in einem Dorf in Ostthailand war, musste ich meine Oma massieren. Sie kam immer von der Feldarbeit nach Hause und sagte: Mein Kind, dort und dort tut es weh, mach mal. Ich weiß, was es bedeutet, bei einer guten Massage zu entspannen. Deswegen mach ich das gerne.

ZEITmagazin: Kann jeder ein guter Masseur werden?

Stephan: Prinzipiell schon. Es kommt auf die Übung an und darauf, ob man es machen möchte. Wenn ich schon denke: "Nö, das will ich nicht", dann wird es auch nichts. Meinen eigenen Körper bereite ich in meinem Kopf auf die Körper der Kunden vor. Ich denke, dass ich als eher klein gewachsene Thailänderin dazu auch eine gute Feinmotorik mitbringe. Die habe ich in meiner Ausbildung trainiert. Es macht schon einen Unterschied, ob ich weiß, was ich tue, oder ob ich wahllos irgendetwas drücke.

Sie drückt nun demonstrativ an den falschen Stellen, grabscht und zupft an meiner Haut. Es brennt. Ich habe verstanden: Übung ist alles.

ZEITmagazin: Verraten Sie mir doch mal Ihre geheime Technik der perfekten Massage.

Stephan: Es gibt kein Geheimnis. Wenn man weiß, wie der Körper funktioniert, welcher Muskel wo sitzt, wo die Hauptadern und die Nerven liegen, dann kann man – mit etwas Gefühl – wahre Wunder vollbringen. Die meisten Menschen denken, dass es bei einer Massage nur um die Muskeln geht. Aber ich drücke vielmehr das "schlechte Blut", also jenes mit wenig Sauerstoff, in Richtung Herz und Lunge zurück. Ich löse kleine Verstopfungen in den Adern, übe hoffentlich an den Stellen Druck aus, an denen es etwas mehr Druck braucht. Das Besondere an der thailändischen Tradition ist ja, dass man den ganzen Körper einsetzt, um die Körper der Patienten zu bearbeiten. Ich renne jetzt aber nicht auf den Leuten herum. Nur meine Oma und mein Opa, die wollten immer, dass ich auf ihnen stehe. In der Familie geht das, für die normale Kundschaft ist das Verletzungsrisiko zu groß. Einige Gäste sagen dann: Fester! Die Antwort lautet immer: Ich weiß, was ich tue – Sie sollten sich einfach entspannen und höchstens mit Ihrem Körper kommunizieren.

Sie drückt mein linkes Bein – bis mein Körper zuckt.

Stephan: Sehen Sie, Ihr Zucken ist ein Zeichen, dass ich das lieber nicht tun sollte. Ich weiß aber meistens vorher, wo die Grenzen eines Körpers liegen. Wenn Menschen schon mit rotem Kopf zu mir kommen, dann brauchen sie nicht noch mehr Stress, dann reicht geringer Druck. Anderen Kunden geht es dagegen körperlich super, die sind nur schlecht gelaunt, dann tut es auch ein Lächeln und der Duft von frischem Jasmintee oder Kräuteröl.

52, stammt aus Buriram im Nordosten Thailands. Sie kam 1988 nach Berlin, wo sie auch ihren Mann kennenlernte. Zunächst hat sie als Gärtnerin gearbeitet und sich dann zur Masseurin ausbilden lassen. Heute unterrichtet sie junge Masseure in der Berufsschule. © Jakob Weber

ZEITmagazin: Müssen Sie bei einigen Kunden mehr Körpereinsatz leisten, bis die loslassen?

Stephan: Wenn jemand kommt, der zwei Meter groß und genauso breit ist, dann hilft es nicht, nur mit den Händen zu arbeiten. Dann steige ich drauf, verlagere mein Körpergewicht auf meine Knie und versuche gezielt, die wichtigen Stellen zu massieren.

ZEITmagazin: Die da wären?

Stephan: Deutschland hat ein Nackenproblem. Hier im Regierungsviertel ist es hingegen besonders das Steißbein. Die Büromenschen hier sitzen viel zu lange auf unbequemen Stühlen. Sie essen ungesund und bewegen sich kaum. Wenn Sie wüssten, was einige hohe Verwaltungsbeamte und Politiker für Beschwerden haben!

ZEITmagazin: Welche Politiker denn?

Stephan: Das kann ich natürlich nicht verraten. Dieses Massagezimmer ist ein geschützter Raum. Es kommen manchmal auch Schauspieler vorbei, die ich vom Fernsehen kenne. Diskretion spielt eine große Rolle, nur so können auch berühmte Menschen relaxen. Die Leute sollen sich hier wohl- und geschützt fühlen, wenn sie in Unterhose vor mir liegen.

ZEITmagazin: Keine Namen?

Stephan: Nein, keine Namen. Für mich sind die Körper auf dieser Liege alle gleich. Es ist auch jetzt eine Ausnahme, dass ich bei einer Massage so viel quatsche. Normalerweise herrscht Stille, die Menschen reden ja schon in ihren Jobs so viel. Wenn die aus dem Bundestag oder vom Büro schnell für eine halbe Stunde vorbeikommen, dann wollen sie nicht reden.

ZEITmagazin: Sind die Körper von Menschen, die am Schreibtisch arbeiten, besonders?

Stephan: Ja. Die Nackenbeschwerden sind in den vergangenen Jahren schlimmer geworden. Viele von diesen Bürokräften schauen, falls sie sich doch mal bewegen, ständig auf ihr Smartphone herab. Das tut der oberen Rückenmuskulatur nicht gut. Gleichzeitig kann ich sagen: Ihr seid keine Bauern, denen ergeht es schlimmer.

ZEITmagazin: Was macht den Bauernkörper aus?

Stephan: Dauerstress und der Einsatz bei jedem Wetter hinterlassen da schon Spuren. Zur Agrarmesse hatten wir hier in Berlin ein Sonderangebot für alle Bauern, die in der Stadt unterwegs waren. Die standen bei uns Schlange. Da war ein Mann, der hatte dicke Hornhaut überall. Auf den Händen, den Armen, den Beinen. Seinen Körper musste ich erst mal einweichen. Dann habe ich ihn massiert, und seine skeptische Frau, die draußen wartete, wollte danach plötzlich auch unbedingt, als er ihr berichtete, wie er sich nun fühlte. Und da war eine andere Landwirtin, an die kann ich mich gut erinnern, die kam mit Tränen in den Augen zu mir. Sie hatte einen stechenden Schmerz im Rücken. Innerhalb von 15 Minuten konnte ich sie davon erlösen.

ZEITmagazin: Hätte diese Frau nicht längst zum Arzt gehen sollen?

Stephan: Manche denken, ich sei so etwas wie eine Ersatzärztin. Es kommt vor, dass ich sage: Gehen Sie bitte zum Arzt, Ihre Schmerzen sind nicht nur auf Verspannung oder schlechte Laune zurückzuführen.

Mittlerweile hockt Anong Stephan über mir und drückt mit den Armen auf meinen Rücken. Gefühlt, würde ich sagen, arbeitet sie sich mit 30 Prozent ihrer circa 50 Kilo Körpergewicht voran. Nun zieht sie mit etwas mehr Elan an meinen Armen und Beinen.

ZEITmagazin: Kommt es mal vor, dass Sie diese anstrengende Arbeit nicht machen wollen?

Stephan: Natürlich kommt das vor. Dann mache ich mich locker, atme tief durch, schüttle mich und, immer wichtig: Ich lächle breit. Alle Kunden haben eine professionelle und fürsorgliche Behandlung verdient.

Ich muss mich umdrehen. Das ist unangenehm. Eine Bauch- und Brustmassage finde ich komisch. Anong Stephan merkt, dass ich mich nicht wohlfühle. Sie sagt, ich solle mich hinsetzen, und drückt nun auf meine Schultern.

ZEITmagazin: Geht es meinem Körper eigentlich gut?

Anong begutachtet kritisch meine Bein- und Rückenmuskulatur. Am Hals zwickt sie einige Male in meine Haut.

Stephan: Sie sind ja noch jung. Ihre Muskeln sind frisch und elastisch. Das wird sich bald ändern, glauben Sie mir.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ich finde Thai Massage gesundheitsgefährdend. Das ist ungefähr so wie wenn jemand Yoga mit einem Ungeübten macht.

Selbst im berühmten Wat-Po Tempel in Bangkok ist das so, also ist es auch nicht nur die Ausbildung. Es ist eher eine Lebenseinstellung und eben nichts für ungeübte Unsportliche.

Wenn ich mich massieren lasse, dann immer nur mit Öl Massage. Das kostet kaum mehr und die Mädels können nicht so fest zupacken.