Alternative für Deutschland Die Stunde der Gründer

Am 6. Februar 2013 trafen sich 18 Männer in einem Gemeindesaal in Hessen und gründeten die Alternative für Deutschland. Dabei wollten einige von ihnen gar nicht, dass sie so heißt. Und andere erzählten von der Holocaust-Vergangenheit ihrer Familien. Was halten sie heute von der AfD, die wohl bald in den Bundestag einziehen wird? Von , und
ZEITmagazin Nr. 30/2017

In dem Saal, in dem alles begann, steht ein überlebensgroßer Jesus aus Holz, die Arme ausgebreitet, als sende er seinen Segen durch den Raum. Am 6. Februar 2013 versammeln sich unter dieser Statue 18 ältere Herren an weißen Tischen, um eine Partei zu gründen. Eine Partei, bei deren Kundgebungen die Pfarrer in einigen deutschen Städten später die Glocken läuten oder das Domlicht ausschalten werden, um gegen sie zu protestieren.

Aber davon ahnt noch keiner der Männer etwas, die sich an jenem Mittwoch vor gut vier Jahren im Gemeindesaal der Christuskirche von Oberursel im Taunus versammeln. Draußen auf der Wiese vor dem Panoramafenster liegt Schnee. Es ist ein grauer Tag, um die null Grad. Gegen elf Uhr vormittags betritt Konrad Adam als Erster den Saal, er wohnt seit 1979 in Oberursel. Adam, damals schon in Rente, war Feuilleton- Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er hat den karg möblierten Raum organisiert, seine Frau ist in der Gemeinde aktiv, er selbst besucht damals noch regelmäßig die Sonntagsgottesdienste der Christuskirche. Eigentlich hatte er für die Parteigründung einen Konferenzsaal in einem Hotel anmieten wollen, aber das war zu teuer.

Die meisten der Männer, die an diesem Tag zusammenkommen, kennen sich kaum. Was sie eint, ist ihre Wut auf den Euro und die Griechenland-Politik der Parteien im Bundestag. Sie finden, Deutschland brauche eine neue politische Bewegung. Viele beschäftigen sich hauptberuflich mit Finanzen oder sind Wirtschaftswissenschaftler. Gleich nach Konrad Adam wird an diesem Tag Bernd Lucke eintreffen, Professor für Makroökonomie, er hat die Gründung initiiert. Außerdem sind dabei: ein Jurist; ein Unternehmer; ein Unternehmensberater; ein Chemiker und Betriebswirt; ein Mitarbeiter einer Krankenversicherung; ein Leiter einer Finanzberatungsfirma; ein Steuerberater, der heute Karaoke-Partys organisiert; ein IT-Experte; ein Ex-Polizist; ein Immobilienmakler; ein Leiter einer Firma für künstliche Intelligenz; zwei Betriebswirte; ein Rentner; ein Wirtschaftsberater; ein Wirtschaftswissenschaftler. Vier Männer stammen aus dem Osten, 14 aus dem Westen.

Die AfD könnte kommenden September zum ersten Mal in den Bundestag einziehen. Aber von den 18 Männern, die sich damals voller Enthusiasmus in Oberursel trafen, um die politische Landschaft Deutschlands zu verändern, sind nur noch vier in der Partei. Jetzt sind es neben dem Spitzenkandidaten Alexander Gauland Politiker wie Björn Höcke, der Thüringer Landeschef, die in der AfD am lautesten zu hören sind. Männer, die vor einer "Überfremdung" warnen und eine Abkehr von der deutschen Erinnerungskultur fordern. Und das in einer Partei, unter deren Gründern – was in der Öffentlichkeit niemand weiß – Nachfahren von Holocaust-Opfern waren.

Wie denken die Gründer heute über ihre Partei? Sind sie stolz auf ihr Werk, oder bereuen sie, dass sie Männern wie Höcke den Weg bereiteten? Und war etwas von dessen Geist schon an jenem 6. Februar 2013 zu spüren?

Einige wollen heute nicht mehr über ihr damaliges Engagement reden. Für diesen Text wurden fast alle Gründer kontaktiert, doch drei lehnen jedes Gespräch mit Journalisten ab. Andere sprechen bereitwillig über den Tag in Oberursel, auch wenn sie der AfD mittlerweile den Rücken gekehrt haben. Fünf von ihnen erinnern sich hier ausführlich an die Ereignisse vom Februar 2013 und das, was darauf folgte.

Konrad Adam, der ehemalige Journalist, hatte von Bernd Lucke den Auftrag bekommen, das Treffen zu organisieren. "Besorgen Sie einen Raum, wir gründen die Partei", hatte Lucke Ende Januar am Telefon zu Adam gesagt. Die beiden kennen sich seit Herbst 2012, als Adam einen Aufruf des "Bündnisses Bürgerwille" unterschrieben hat, dessen Sprecher Lucke ist. In jenem Jahr erreichte die Euro-Krise ihren Höhepunkt. Die Bundesregierung beteiligte sich mit Milliarden, um Griechenland in der EU zu halten. Das erschien Lucke und den zukünftigen AfD-Gründern falsch. Als Luckes Idee scheiterte, im Januar 2013 auf der Liste der Freien Wähler in den Landtag von Niedersachsen einzuziehen, beschloss der Kreis der Euro-Gegner, eine eigene Partei aufzubauen.

Heute ist Adam 75, er trägt noch immer die gleiche ovale Metallbrille wie am Tag der Gründung. Zu seinem Reihenhaus am Waldrand von Oberursel, in dem er seit 38 Jahren mit seiner Frau wohnt, geht man in Serpentinen hinauf. Die drei Kinder sind längst ausgezogen. Adam war 21 Jahre lang bei der FAZ, später wechselte er zur Welt. Schon damals fiel er durch ungewöhnlich scharfe Kommentare über die Grünen auf, warnte vor Multikulturalismus und Migranten, die "in den Häusern, den Vierteln, den Städten und den Regionen Schritt für Schritt die Überhand gewinnen". Ende der siebziger Jahre war er in der CDU, trat aber bald wieder aus. Dennoch gehörte er später mal zum konservativen Berliner Kreis der Union, auch den verließ er enttäuscht wieder, weil der aus seiner Sicht nichts bewegte. Die Gründung der AfD war für ihn die Erfüllung seines jahrelang gehegten Wunsches, endlich mit einer wertkonservativen Partei die politische Landschaft zu verändern.

Adam ist einer der wenigen Gründer, die noch in der AfD sind. Allerdings hat er keine Funktion. Mehr als zwei Jahre lang war er einer von drei Sprechern der Partei, wie die AfD ihre Bundesvorsitzenden nennt. Im Juli 2015 wurde er auf dem Essener Parteitag nicht wiedergewählt. Eine Niederlage, die ihn bis heute schmerzt, die AfD sei schließlich sein "Baby". Im Dezember 2016 übernahm er einen letzten Posten, den Vorsitz der Parteistiftung der AfD. Anfang April verlor er auch den. Adam sagt, man habe ihm erklärt, dass man ihn nicht an der Spitze wolle, weil die Bundesvorsitzende Frauke Petry ihn nicht möge.

Von seiner Partei hält Adam heute nicht mehr viel. Er hat weniger ein Problem mit deren Inhalten als mit dem Stil seiner Parteikollegen. An Björn Höcke, der das deutsche Volk durch "Geburtenrückgang sowie die Masseneinwanderung in seiner Existenz bedroht" sieht, stört Adam vor allem der Tonfall, "dieser Schaum vorm Mund". Mehr als die Hälfte der AfD-Politiker, die für den Bundestag kandidieren, seien "an Bimbes interessiert, spekulieren auf Geld und Stellen und sonst nichts". Ausgetreten ist Adam bislang nicht. Noch will er sein Baby nicht kampflos den neuen Eltern überlassen.

In Adams Arbeitszimmer im ersten Stock des Hauses stehen dunkle Biedermeier-Möbel vor einer Bücherwand. Adam sagt, die AfD sei von Beginn an eine Partei der "Professoren und Proleten" gewesen. Er, das wird in diesem Arbeitszimmer schnell klar, rechnet sich den Professoren zu. Konrad Adam zitiert Platon, Max Weber und Johannes Rau. Seine kompliziert formulierten Sätze beginnt er oft mit den Worten: "Sie wissen ja sicher, dass ..." Wer ihm folgen will, muss ähnlich hoch gebildet sein wie er. Vermutlich sagen deshalb einige seiner ehemaligen Mitstreiter, er sei arrogant und erwarte ständig Bewunderung. Zwischen ihm, dem Intellektuellen, und den "Proleten" in der Partei müssen Welten gelegen haben. Adam hat geglaubt, er könne diese beiden Pole in der AfD vereinen. Nun blickt er auf die Trümmer dieses Glaubens. In seiner Partei findet er sich an den Rand gedrängt, und in seinem persönlichen Umfeld werde er von manchen wegen seiner Mitgliedschaft "wie ein Aussätziger" behandelt, sagt er.

Er sagt Sätze wie diesen: "Haben Sie in der S-Bahn in Frankfurt nicht auch das Gefühl, dass Sie nicht mehr in Deutschland leben?" Ursprünglich war es aber die Euro-Krise, die ihn zur AfD brachte. Er wollte nicht hinnehmen, dass die Finanzminister der EU bei der Euro- und Griechenland-Rettung "Verträge, Recht und Gesetz gebrochen haben". Wenn er darüber spricht, gerät er immer noch so in Rage, dass er mit der Hand auf den Tisch haut, bis die feinen Porzellantassen auf ihren Untertellern springen.

Bei dem Treffen in Oberursel sind vor allem Wahlen für Parteiämter geplant, außerdem soll die Satzung, die zuvor ausformuliert worden ist, beschlossen werden. Doch recht bald, erinnert sich Adam, kommt es zu einem Streit. Vordergründig geht es um den Namen der neuen Partei, darum, ob sich das Thema Europa darin widerspiegeln soll. In Wahrheit geht es um viel mehr: um die inhaltliche Ausrichtung der Partei. "Es gab drei Vorschläge", sagt Adam, "Alternative für Europa (AfE), Alternative für Deutschland (AfD) und Alternative für Deutschland und Europa (ADE)." Man sei sich schnell einig gewesen, dass Alternative für Europa zu schwammig klinge. Aber um die beiden anderen Namen entbrennt eine heftige Diskussion. Ein Ur-Streit, der den späteren Kampf innerhalb der Partei bereits vorwegnimmt: den Kampf zwischen den Euro-Kritikern, die im Prinzip aber europafreundlich eingestellt sind, und jenen Parteimitgliedern mit nationalistischer Agenda, für die das deutsche Volk und die deutsche Nation im Zentrum stehen und die im Grunde ein gemeinsames Europa ablehnen.

Wenn man Adam nach dem Protokoll jenes Februartages fragt, das er selbst geschrieben hat, winkt er ab. Er habe es nicht mehr. Und für welchen Namen hat er gestimmt? Adam glaubt: für AfD.

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